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Angebot wird vielfältiger und nachhaltiger : Wie Start-ups den Markt für Menstruationsprodukte enttabuisieren

Vor allem Produkte, die auf Emanzipation und offensives Marketing setzten, feiern Erfolge. Warum sie von Investoren trotzdem unterschätzt werden.

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Menstruationstassen sind ökologischer als herkömmliche Periodenprodukte, weil sie keinen Plastikmüll verursachen.Foto: imago images/Westend61

Bauchkrämpfe, Blut und jede Menge Müll: einen Großteil ihres Lebens wird die Hälfte der Weltbevölkerung fast jeden Monat damit konfrontiert. Die Rede ist von der Periode. Zwischen dem zwölften und 52. Lebensjahr durchleben menstruierende Menschen durchschnittlich 450 Perioden. Je nach Quelle, Berechnungsgrundlage und Herkunftsland verbrauchen sie dabei zwischen 10 000 und 17 000 Menstruationsartikel.

Meistens werden Einwegprodukte wie Tampons, Binden oder Slipeinlagen verwendet. Die Artikel sind aus hygienischen Gründen oft einzeln in Plastik verpackt und landen nach dem Gebrauch im Mülleimer. Laut Zero Waste Europe fallen so pro Jahr rund 49 Millionen Tonnen Müll in ganz Europa an. Die Europäische Kommission stellte 2018 sogar fest, dass jedes fünfte Stück Plastikmüll, dass an Europas Stränden angespült wird, von Menstruationsprodukten stammt.

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Hier scheint sich aber etwas zu verändern: Der Trend zu mehr Nachhaltigkeit und Müllvermeidung macht auch vor dem Markt für Menstruationsprodukte nicht halt. Zwar benutzen in Deutschland laut dem Marktforschungsinstitut Splendid Research 70 Prozent der Menstruierenden immer noch die klassischen Wegwerfprodukte, ein Blick in die Regale der Drogeriemärkte zeigt aber: Das Angebot hat sich verändert. Neben Tampons und Binden finden sich dort inzwischen auch umweltfreundlichere Produkte wie Menstruationstassen, Bio-Tampons, waschbare Binden und sogenannte Period-Panties.

“Was ist das überhaupt?”

„2017 hieß es beim Thema Menstruationstasse noch: Was ist das überhaupt? Heute kennen deutlich mehr Leute das Produkt“, sagt André Eichmann. Er ist geschäftsführender Gesellschafter bei Merula, einem der ersten deutschen Anbieter für Menstruationstassen. Die glockenförmigen Silikonbecher erinnern ein bisschen an kleine Eierbecher. Sie werden in die Vagina eingeführt, saugen sich dort mit Unterdruck fest und fangen so das Blut der Periode auf. Inzwischen gibt es sie in Drogeriemärkten in ganz Deutschland zu kaufen. Laut Splendid Research kannten 2019 insgesamt 88 Prozent der Frauen das Produkt, knapp ein Fünftel hatte Menstruationstassen bereits ausprobiert und 13 Prozent verwenden sie regelmäßig.

Die Geschichte von Merula steht stellvertretend für die Veränderungen, die der Markt für Menstruationsprodukte in den vergangenen Jahren durchlaufen hat. 2017 verkaufte Merula-Erfinderin Merle-Marie Forstmann die ersten Menstruationstassen. Das besondere an ihrem Produkt: Im Gegensatz zu anderen Herstellern gab es bei Merula nur ein Modell, das für alle geeignet sein soll.

Andere Anbieter verkaufen Menstruationstassen in drei bis vier verschiedenen Größen. Hier die richtige Tasse zu finden ist gar nicht so einfach, da die Passform stark von der individuellen Anatomie abhängig ist. Das Konzept „eine für alle“ ging auf. Die ersten 2000 Cups waren nach drei Wochen ausverkauft, kurz danach stieg André Eichmann als Partner ein. 2017 lag der Umsatz von Merula noch bei rund 400 000 Euro, 2019 wurde die Marke von einer Million geknackt.

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Präsentation der Menstruations-Tasse Merula auf der Veggie-World Messe in Wiesbaden 2020.Foto: imago images/rheinmainfoto

Beim Verkaufsstart 2017 war Merula der zweite Anbieter auf dem deutschen Markt. Inzwischen gibt es aber zahlreiche Mitbewerber. Die Tassen von Selenacare aus Österreich, Intimina aus Schweden und Elanee aus Deutschland stehen in den Verkaufsregalen Deutschlands. Die Preise schwanken zwischen neun und 24 Euro. Alle am deutschen Markt verfügbaren Menstruationstassen sind aus medizinischem Silikon und können mehrere Jahre lang verwendet werden.

Immer mehr Hersteller bieten Menstruationstassen an

Auch die Firma Einhorn, die zunächst mit veganen Kondomen auf sich aufmerksam machte, verkauft seit März 2019 Menstruationstassen, Bio-Tampons und Bio-Slipeinlagen. Einhorn setzt dabei auf eine offensive Verkaufsstrategie mit bunten, auffälligen Verpackungen. Die Produkte heißen „TamTampon“ oder „Papperlacup“. Das Marketing inszeniert die offensive Entstigmatisierung der Menstruation. 2020 erzielte Einhorn insgesamt einen Umsatz von 6,15 Millionen Euro, sechzig Prozent des Umsatzes wurde durch die Menstruationsprodukte erwirtschaftet.

Bis 2019 ist der Markt für Menstruationstassen stark gewachsen. 2020 setzte sich diese Entwicklung aber nicht unbegrenzt fort, wie eine Sprecherin der Drogeriemarktkette Rossmann erklärte. „Im Handel stagnieren unsere Verkaufszahlen Corona bedingt, aber online gehen sie weiterhin nach oben“, bestätigt Andrè Eichmann von Merula.

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Nicht nur Menstruationstassen, sondern auch die sogenannte Periodenunterwäsche macht Tampons und Binden Konkurrenz. Die waschbaren Unterhosen sind ebenfalls wiederverwendbar und verfügen über eine eingenähte Schicht, die das Periodenblut auffängt. Die Produktidee kommt ursprünglich aus den USA. Erst seit kurzem gib es auch in Deutschland Start-Ups, die die Periodenunterwäsche herstellen und verkaufen. „2018 gab für das Produkt noch nicht einmal ein deutsches Wort“, sagt Kati Ernst. Zusammen mit Kristine Zeller hat sie das Unterwäsche Start-Up „Ooia“ gegründet. Sie finanzierten ihr Start-up aus Mangel an Investoren-Interesse mit einer Crowdfunding-Kampagne, die ihr Finanzierungsziel nach nur sieben Stunden erreichte.

„Meiner Meinung nach wird das riesige Marktpotenzial für Periodenprodukte, von den meisten Investoren nicht erkannt“, sagt Julia Rittereiser. Sie gründete 2018 ebenfalls ein Start-Up für Periodenunterwäsche. Inzwischen verkauft sie unter dem Namen „Kora Mikino“ aber auch Unterhosen für Blasenschwäche oder für Gebärende im Wochenbett. „Die Periode ist eine Art ‚biologisches Abo’, sie kommt in der Regel jeden Monat wieder. Deshalb wird das Bedürfnis nach guten Periodenprodukten immer da sein“, sagt Rittereiser. Trotzdem würden Menstruationsprodukte oft als Nische wahrgenommen. „In der überwiegend männlichen Investoren-Bubble werden deshalb innovative Lösungen für die Periode einfach nicht gesehen“, sagt die Gründerin.

Investor greift bei Plastikhandschuhen daneben

Sowohl bei Kora Mikino als auch bei Ooia klettern die Umsätze nach eigenen Angaben seit der Gründung in die Höhe. Kora Mikino wachse aktuell mit über 200 Prozent über dem Vorjahr, sagt Rittereiser. Ein Produkt, das zwar männliche Investoren von sich überzeugen konnte, aber bei der Zielgruppe gar nicht gut ankam, waren die „Pinky Gloves“. Vor zwei Wochen stellen Eugen Raimkulow und sein Mitgeschäftsführer André Ritterswürden die pinken Plastikhandschuhe bei der TV-Show „Höhle der Löwen“ vor. Das Produkt sollte es Frauen ermöglichen Tampons einzuführen und zu entfernen, ohne direkt mit Blut oder Körperflüssigkeiten in Kontakt zu kommen.

Es folgte ein Shitstorm. Das Produkt sei nicht umweltfreundlich, zu teuer und stigmatisiere die Menstruation als etwas grundsätzlich unhygienisches, lauteten die Vorwürfe. Investor Ralf Dümmel sprang wieder ab; am Dienstag wurden die Pinky Gloves vom Markt genommen. Von der Debatte profitieren andere. Kati Ernst und Kristine Zeller, die bei der „Höhle der Löwen“ keinen Investor von sich überzeugen konnten, mischten sich auf Instagram in die Diskussion ein und bekamen so jede Menge Aufmerksamkeit und auch bei Kora Mikino hat sich die Debatte positiv auf die Verkaufszahlen ausgewirkt.

Die nächsten Innovationen zeichnen sich derweilen in Kanada, den USA und Schweden ab. Dort haben Start-Ups wie Nixit und Intimina sogenannte Period-Disks auf den Markt gebracht. Genau wie Menstruationstassen sollen sie das Blut während der Periode auffangen. Ihr Design ist an das von Diaphragmen angelehnt und erinnert eher an eine flache Schale. Durch ihre Form sollen sie einfacher zu entfernen sein und können laut Herstellerangaben auch beim Sex getragen werden. Sie sind mit 30 bis 50 Euro allerdings deutlich teurer als die Menstruationstassen und sind in Deutschland aktuell nur über die Online-Shops der Hersteller erhältlich.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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