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Die Dichterin des Präsidenten : Amanda Gormans Worte sind Balsam für die amerikanische Seele

Das Inaugurationsgedicht „The Hill We Climb“ erscheint auf deutsch – mit Hilfe von drei Übersetzerinnen. Sie haben Mühe mit dem hohen Ton der jungen Poetin.

Die Dichterin des Präsidenten : Amanda Gormans Worte sind Balsam für die amerikanische Seele

Schon als junges Mädchen träumte Amanda Gorman davon, einmal Präsidentin der Vereinigten Staaten zu werden.Foto: imago images/MediaPunch

Der große Jubel über das „Inbild sanfter Anmut“ (Oprah Winfrey) ist mittlerweile verhallt, die Bühne ist leer. Für einen kurzen historischen Augenblick lang hatte die junge schwarze Dichterin Amanda Gorman die Weltöffentlichkeit mit einem Poem elektrisiert, das sie am 20. Januar zur Amtseinführung Joe Bidens vor dem Kapitol in Washington zelebrierte.

Was Gorman da vortrug, war ein imponierendes Beispiel einer liturgisch inszenierten Spoken Word-Poetry – ein Gedicht mit der Vision von gesellschaftlicher Gleichheit, Gerechtigkeit und Diversität in einem demokratisch geläuterten Amerika. „The Hill We Climb“ leistete sehr viel: Großes Poesie-Kino, eine zivilreligiöse Utopie und die faszinierende Performance einer schwarzen Poetin im gelben Prada-Mantel.

Aber nur zwei Monate später, da ihr Gedicht in deutscher Übersetzung bei Hoffmann und Campe vorliegt, wird sich die kollektive Ergriffenheit wohl nicht wieder herstellen lassen. Den 20. Januar 2021 werden künftige Literaturhistoriker wahrscheinlich nicht als das Gründungsdatum einer neuen politischen Lyrik markieren. Denn die Wiederbegegnung mit dem Gedicht Amanda Gormans ist eine zwiespältige Erfahrung.

Es wirkt sehr bescheiden auf den mit viel Weißraum ausgestatteten Buchseiten, ein Vergleich mit den groß angelegten Amerika-Poemen der amerikanischen Modernisten Williams Carlos Williams („Paterson“), Langston Hughes („I, too, sing America“) oder auch der afroamerikanischen Dichterin Margaret Walker („Prophets for a New Day“) wäre unstatthaft.

Therapeutische Wirkung der Poesie

Denn Amanda Gorman hat ein Inaugurationsgedicht geschrieben, ein politisches Gelegenheitsgedicht also, das seinen Zweck für den rituellen Anlass der Amtseinführung geradezu mustergültig erfüllte. „Die Worte, die uns umfingen“, schreibt nun die Talkshow-Diva Oprah Winfrey im Vorwort zur deutschen Ausgabe, „waren Balsam für unsere Seelen.“

Der Hinweis auf die therapeutische Wirkung des Poems ist aufschlussreich. Denn „The Hill We Climb“ ist eher als religiöse Litanei zu lesen, die für ihre politische Verheißung die ganz bedeutungsschweren Wörter in der Art von Beschwörungsformeln aufbietet.

Wenn man das rhetorische Ereignis jedoch als Gedicht würdigen will, das neben anderen modernen Gedichten bestehen soll, beginnt das Unbehagen. Als öffentliches Gedicht mag es in seiner performativen Darbietung überwältigen.

In seiner textuellen Gestalt, wie es nun in der „autorisierten Übersetzung“ von Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüşay in einer „Sonderausgabe“ vorliegt, wirkt es eher überfrachtet mit flammenden Appellen, die man einem weniger berühmten politischen Gedicht nicht durchgehen ließe.

Starke Emotionalität einer großen Freiheitsvision

Es beginnt schon bei der Übersetzung des Titels: „Den Hügel hinauf“ ist dem pathetischen Grundton des Textes näher als die ungelenk wirkende wörtliche Übertragung „Der Hügel, den wir erklimmen“. Letztlich lässt „The Hill We Climb“ den Übersetzerinnen wenig Spielraum für eine Verstärkung der sprachmusikalischen Potentiale des Textes. Denn die Imperative des „amerikanischen Traums“ und die Vision einer neuen „Verbundenheit“ der Nation, werden von Gorman in Verse gefasst, die in jeder Zeile nach Überhöhung drängen und diesen Vorsatz der „Erhöhung“ selbst annoncieren.

Die Dichterin des Präsidenten : Amanda Gormans Worte sind Balsam für die amerikanische Seele

Amanda Gorman am 20. Januar 2021 bei ihrem historischen Vortrag auf den Stufen des Kapitols.Foto: imago images/ZUMA Wire

„Lasst uns ein Land hinterlassen, das besser ist/ als das uns überlassene./ Mit bronzen gestählter Brust,/ mit ganzer Seele / wollen wir diese verwundete Welt / zur wundersamen erhöhen.“ Wer das Gedicht als Sprachkunstwerk ernst nehmen will, ist einerseits gerührt von der starken Emotionalität der großen Freiheitsvision, in der ein skinny black girl den Traum vom Präsidentenamt träumt, andererseits enttäuscht von der ästhetischen Taubheit mancher Verse, die so matt wirken wie eine beliebige Wahlkampfrede.

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„Wir haben Kräfte erlebt, die unsere Nation/ lieber spalten als teilen wollen./ Unser Land zertrümmern, um den Lauf der / Demokratie zu bremsen./ Fast wären sie damit durchgekommen. / Aber die Demokratie mag sich zeitweise hemmen lassen, / doch nie für alle Zeit verhindern.“

Kompetentes Übersetzerinnen-Trio

Selbst die sorgfältigste Übersetzung vermag die metaphorische Armut solcher Verse nicht zu kompensieren. Dass für ein Gedicht von 140 Zeilen gleich ein Übersetzerinnen-Trio engagiert wurde, ist jedenfalls nicht der ästhetischen Komplexität der Verse geschuldet, sondern verdankt sich eher der Entschlossenheit des Verlags, sich in der Debatte um die Legitimität von Übersetzungen keine Blöße zu geben.

Selbstverständlich sollte sein, dass Sprachkunstwerke auch kompetente Übersetzer:innen brauchen, deren Kompetenz aber nur an ihrer Erfahrung in der Anverwandlung von Texten bemessen werden sollte, nicht nach Kriterien der Herkunft oder persönlicher Erfahrungen. „The Hill We Climb“ ist ein politisches Gebet, das auf die Direktheit des Appells und der kraftvollen Vision vertraut.

Die erfahrene Lyrikübersetzerin Uda Strätling, die schwarze Politikwissenschaftlerin Hadija Haruna-Oelker und die feministische Publizistin Kübra Gümüşay haben sich „The Hill We Climb“ Zeile für Zeile in einem gemeinsamen close reading vorgenommen und ihrer Übersetzung einige hilfreiche Anmerkungen beigefügt. So will das Trio an „genderneutralen Bezeichnungen“ im Gedicht festhalten, im Vorspann kommt dennoch das Gendersternchen zum Einsatz.

Der Import des Gendersternchens ins Gedicht gehört im Übrigen auch bei jungen deutschen Lyrikerinnen längst zu den Üblichkeiten. Auch mit übersetzerischer Gewissenhaftigkeit fällt es schwer, das liturgisch instrumentierte Gelegenheitsgedicht Amanda Gormans in ein auch ästhetisch großes Sprachereignis zu verwandeln. Im September soll nun ein erstes größeres Gedichtbuch von Amanda Gorman auf deutsch erscheinen. Dann wird sich genauer erkennen lassen, ob der neue Shooting-Star der Lyrik die poetische Verheißung vom 21. Januar 2021 einlösen kann.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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