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Corona-Lockerungen! Berliner strahlen über die neuen alten Freiheiten

Corona-Lockerungen! Berliner strahlen über die neuen alten Freiheiten

Für Mama Anna (30) sind es die ersten Nachos im Sitzen, für Tochter Lina (1) die ersten Pommes, die sie im Restaurant essen darf. Gemeinsam mit dem Papa sind die beiden unter den ersten Gästen im „Hard Rock Café“ am Kudamm
Foto: Olaf Selchow

Im Stadion, im Biergarten und Museum: Berlin hat sein Lachen zurück und freut sich über die neue Freiheit nach dem Lockdown.

Von Björn Trautwein und Dirk Krampitz

„Es fühlt sich an wie 2019“, sagt Anna (30). „So viele Leute auf einem Raum, das ist fast schon befremdlich“, sagt Sarah (29). „Es wurde wirklich höchste Zeit“, sagt Dagmar (74) und lacht, „mein letzter Stubenarrest davor war ja ein bisschen her.“ Und wahrscheinlich hat er auch nicht so lang gedauert wie der coronabedingte Gastro-Lockdown: Sieben Monate lang waren Berlins Kneipen, Gaststätten und Biergärten dicht. Seit Freitag darf man wieder draußen sitzen.

Corona-Lockerungen! Berliner strahlen über die neuen alten Freiheiten

Dorothee D. (41), Übersetzerin aus Mitte, im Sommerbad Humboldthain: „Pünktlich zur Freibadsaison gehen die Inzidenzzahlen runter! Ich freue mich sehr über die Öffnung der Bäder. Es ist alles super organisiert. Im Sommer gehe ich eigentlich jeden Tag ins Freibad. Ich schwimme gerne Bahnen und trainiere Ausdauer. Jetzt ist mir egal, ob Sonne oder Regen, ich werde die Freibadöffnung voll ausnutzen“ (Foto: Charles Yunck)

Mit Abstand und Test, aber am Tisch ohne Maske. Und es ist nicht 2019, es ist Mai 2021. „Sich mal wieder bedienen und umsorgen lassen, das ist einfach großartig“, sagt Ellen (74). „Und Netflix habe ich eh durchgeguckt“, sagt Dagmar. Die Seniorinnen sitzen mit ihrer Freundin Ellen (62), der Dritten im Bunde, im „Landhaus Grunewald“. Alle drei haben ein Glas Wein vor sich und den negativen Corona-Test ausgedruckt in der Handtasche. Die eine Ellen ist einmal geimpft, die andere noch gar nicht und Dagmar hat zwar beide Impfungen hinter sich, „aber die 14-Tage-Frist ist erst morgen rum“, sagt sie. Das letzte Mal saßen die Drei so im letzten Herbst zusammen. Zu Hause. Ellen beißt in ihren Burger. „Es ist ein tolles Gefühl von Freiheit.“

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Josie (29) lebt in Wilmersdorf, Sarah (29) in Spandau. Das „Landhaus Grunewald“ ist ihr Stammlokal. „Wir haben auf Facebook gelesen, dass sie wieder aufmachen und haben sofort einen Tisch reserviert“, sagt Josie (Foto: Olaf Selchow)

Berlin macht auf, Berlin lacht. Mit Tests und Sonne und strahlenden Gesichtern. Und das nicht nur in den Biergärten. Bei Union löste die Mannschaft vor 2000 getesteten Fans das Europa-Ticket und schlug Leipzig. In den Museen freuen sich die Dinos, Gemälde und Ausstellungsstücke wieder über ausgelassene Besucher. Selbst die ersten Freiluftkinos haben wieder auf.

Sean Ketchem (52) war zu Besuch in der Gemäldegalerie. Er strahlt. Fürs Foto hat der Marketingspezialist aus San Francisco die Maske kurz abgenommen. „Ich lebe seit Ende 2019 in Berlin – als ich die Stadt erkunden wollte, kam der Lockdown. Heute bin ich zum ersten Mal im Museum“, sagt er. Am Nachmittag will er noch ins „Café am Neuen See“. „Meinen Corona-Test so richtig ausnutzen“, sagt er und lacht.

Seit November gab es keine Kultur mehr, abgesehen von kurzen Pilotprojekten, die aber auch abgebrochen wurden. Nun haben Museen, Freiluftkinos und Freilufttheater wieder geöffnet.

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Ellen (74) und Ellen (62) freuen sich im „Landhaus Grunewald“ über die ersten Burger mit Bedienung. „Wir treffen uns regelmäßig und haben so lange auf diesen Moment gewartet. Jetzt sind wir einfach nur glücklich“, sagen sie (Foto: Olaf Selchow)

Am Donnerstagabend treffen sich im Freiluftkino Kreuzberg die Freundinnen Monika (27), Verena (26) und Anna (21) aus Neukölln. Eine Flasche Wein dabei. Und völlig aufgekratzt. Anna „Ich habe in der B.Z. gelesen, dass das Kino öffnet und sofort Karten besorgt.“ Die Rasenfläche ist nach Corona-Maßstäben ausverkauft. „Wir haben uns mit dem Öffnen beeilt, weil wir unbedingt die Ersten sein wollten“; sagt Betreiber Arne Höhne. „Um 17 Uhr haben wir die Karten freigeschaltet, morgens waren sie alle weg.“ Großen Gewinn ließe sich mit dieser Bespielung nicht machen. „Aber wir wollen, dass die Welt sich endlich wieder dreht.“

Vor dem Deutschen Theater sitzt der Regisseur Jan Bosse (52). Er hatte Samstagabend Premiere mit „Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“ im Deutschen Theater. Seine erste Open-Air-Inszenierung. Seine Schauspieler seien „ganz heiß“ gewesen, endlich wieder spielen zu können. Er findet: „Systemrelevant – Das Wort ist so gemein … Natürlich gibt es in solchen Zeiten viel, viel wichtigere Berufe als jene in Kunst und Kultur, und trotzdem weiß ich, dass Kultur total lebenswichtig ist.“

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Theda (76) und Eva (73) sitzen sonst gemeinsam im Deutschen Theater, gestern Abend waren sie mit Maske und Abstand unter den Gästen der Open-Air-Premiere von „Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“ (Foto: Olaf Selchow)

Ärztin Bettina Brunhuber (29) wollte unbedingt die Ausstellung von Yayoi Kusama im Gropius Bau sehen. „Ich habe die Karten in den Warenkorb gelegt und immer wieder auf aktualisieren gedrückt. Nach 45 Minuten hatte ich sie“, erzählt sie während sie Fotos von den bunten Tentakeln im Lichthof macht.

Wenn die Inzidenzen weiter sinken, war das auch erst der Anfang. Für Juni sind Open-Air-Konzerte am Flughafen Schönefeld geplant (www.unterfreiemhimmel.de) u.a. mit Paul van Dyk, Pietro Lombardi und Mia. Das Deutsche Theater weiht seine zweite Open-Air-Spielbühne ein. Nebenan eröffnet das Berliner Ensemble seine Hofbühne. Zum 1. Juli plant die Kinobranche ihren Neustart.

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Sean Ketchem hat sich testen lassen, um das erste Mal seit seinem Umzug nach Berlin ins Museum zu gehen. In der Gemäldegalerie hat er ein Ticket gebucht (Foto: Ufuk Ucta)

Kultursenator Klaus Lederer (47, Linke) hat in Aussicht gestellt, dass ab dem 4. Juni Kulturveranstaltungen mit bis zu 100 Personen im Innenbereich und mit zu 500 Personen im Außenbereich möglich sein sollen. Nur für die Clubs gibt es noch keinen Zeitplan. Allerdings soll es im 14-Tage-Rythmus weitere Lockerungen geben, wenn es die Infektionslage zulässt.

Der Inhaber vom „Landhaus Grunewald“, Oliver Bleks (55), freut sich nicht nur für seine Gäste und die 35 Mitarbeiter seiner drei Berliner Restaurants. Überall gibt es im Eingangsbereich die Möglichkeit sich testen zu lassen. Auf das Ergebnis kann man dann beim ersten Drink draußen warten.

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Arne Hoehne, Betreiber des Freiluftkinos Kreuzberg, freut sich über die ersten Filme und ersten Gäste in diesem Jahr: „Um 17 Uhr haben wir die Karten freigeschaltet, morgens waren sie alle weg“, sagt er (Foto: DAVIDS/Sven Darmer)

Im Netz kursieren die ersten Gerüchte, dass nicht alle Restaurants auf die Tests achten. Hier gibt’s nichts ohne Test. Bleks glaubt, dass sich die meisten Betreiber an die Regeln halten: „Man sollte das jetzt nicht an die Wand fahren, sondern Schritt für Schritt in die Normalität zurückfinden“, sagt er.

Immobilienkauffrau Josie aus Wilmersdorf und ihre Spandauer Freundin Sarah sitzen im Biergarten am Nebentisch der beiden Ellens und ihrer Freundin Dagmar. Auch sie haben am Morgen einen Corona-Schnelltest gemacht und sitzen heute zum ersten Mal seit über einem halben Jahr gemeinsam im Biergarten und grinsen und prosten um die Wette.

„Man kann es noch gar nicht richtig fassen“, sagt Josie, „ich hatte ein bisschen Angst, ob es sich fremd anfühlt.“

Aber Entwarnung: „Es ist einfach nur schön“, sagt sie nach dem ersten Aperol Spritz. Die meisten Tische sind besetzt. Und so wie hier im Landhaus sah es am Freitag und Sonnabend in ganz Berlins aus. Ab dem späten Nachmittag füllten sich vor den Restaurants langsam die Bierbänke und Gartentische.

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Ingo Nerger (53) und sein Sohn David (30) sind beide Maler aus Köpenick und beide haben ein Ticket in der Verlosung ergattert. Sie sind froh, endlich wieder im Stadion zu stehen: „Ich konnte nicht schlafen. Wir stehen endlich wieder zusammen im Stadion (Foto: Matthias Koch)

Genauso wie im Stadion an der Alten Försterei am Sonnabend. 15:30 Uhr war Anpfiff, das erste Bier floss schon Stunden vorher. 2000 Fans mit Maske durften am Sensationssieg teilhaben.

Maler David Nerger (30) aus Köpenick war einer der glücklichen Stehplatzrückkehrer: „Ich konnte nicht schlafen. Wir stehen endlich wieder zusammen im Stadion.“ Richard Williams (37, Lichtenberg): „Ich bin Engländer. Ich wohne seit sechs Jahren in Berlin und habe eine Dauerkarte. Ich freue mich, dass ich Union endlich wieder unterstützen kann. Die Stimmung in Deutschland ist viel besser als in England.“

Emma Ulok (21), Auszubildende aus Eberswalde, hat allen Freunden Bescheid gesagt: „Auch denen, die das gar nicht wissen wollten“, sagt sie. Und Yasemin Hidndi (29) aus Zeuthen freut sich: „Schön, dass ich dabei bin. Das letzte Heimspiel in der 1. Bundesliga mitzuerleben, ist ein tolles Gefühl. Und dann mit diesem Ergebnis.“

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Andy Koglin (52) hat die Stühle im „Hard Rock Café“ mit dem Metermaß aufgestellt. Von Lehne zu Lehne sind es immer mindestens 1,5 Meter (Foto: Olaf Selchow)

Ähnlich gespannt wie die Unioner auf Tore, wartete Andy Koglin (52) vom „Hard Rock Café“ am Kudamm am Freitag auf seine ersten Gäste. Ab 12 Uhr hatte der Außenbereich geöffnet. „Wir sind überrascht, wie schnell es ging und wie viele Gäste gleich kamen“, sagt er. „Und es fühlt sich einfach großartig an, wieder Gäste bei uns zu haben.“

Anna (30) aus Westend sitzt mit ihrer Tochter Lina (1) und ihrem Mann hier im Außenbereich. Kellner Diego (30) bringt gerade den ersten Teller Nachos mit Käse. „Es ist noch richtig ungewohnt“, sagt sie und strahlt. „Aber es fühlt sich so gut an.“

Beide haben einen Test gemacht, die kleine Lina braucht noch keinen. Die Daten im Café werden mit der Luca App erfasst, man kann sich aber auch händisch in eine Liste eintragen. „Und wer keinen Test hat, kann gleich wenige Meter weiter einen machen“, sagt Andy Koglin.

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Karin und Jörg Oeser waren das erste Mal seit dem Sommer wieder gemeinsam essen und zu Besuch in Berlin. „Fühlt sich fast an wie früher“, sagt das Paar aus Mühlheim. „Es ist einfach nur großartig, dass die Restaurants wieder offen sind“ (Foto: Olaf Selchow)

Karin (61) und Jörg Oeser (62) aus Mühlheim an der Ruhr sind für zwei Tage in Berlin, um sich um die Wohnung ihres Sohnes zu kümmern. Am Freitagnachmittag sitzen sie beim ersten gebrachten Bier des Jahres im Café. Am Abend haben sie einen Tisch im Restaurant in Prenzlauer Berg gebucht. „Das erste Mal ausgehen seit letztem Sommer“, freuen sie sich.

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Die Dinos lachen zwar nicht, dafür alle Besucher. Papa Stefan Steinmetz (37) ist mit seinem Sohn Oskar (4) ins Naturkundemuseum gefahren. Als Belohnung für einen Krankenhausaufenthalt (Foto: Olaf Selchow)

Stefan Steinmetz (37) ist mit seinem Sohn Oskar (4) aus Lebus in die Berliner Charité gefahren. „Oskar hatte da eine kleine medizinische Sache und ich habe ihm versprochen, dass wir zu den Sauriern gehen, wenn er tapfer ist.“ Oskar war tapfer und zeigt stolz sein Pflaster auf der Hand, bevor er zum nächsten Saurierskelett rennt.

Berlin hat sein Strahlen wieder. Und es wird immer breiter werden.

Mitarbeit: Isabel Pfannkuche

Eine Quelle: www.bz-berlin.de

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