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Auf sie mit Gebrüll und Gewalt? : Mein Feind, der Politiker

Das mediale Bashing von Merkel & Co. darf aufhören. Ein Plädoyer zur Verteidigung eines Berufsstandes.

Auf sie mit Gebrüll und Gewalt? : Mein Feind, der Politiker

Da isser wieder. Der SPD-Epidemiologe und Corona-Bescheidwisser Karl Lauterbach (rechts) schaut am Dienstag um 22 Uhr 15 bei „Chez…Foto: rbb/Daniel Porsdorf

Dieses Land steht am Abgrund. Alles, was mit dem Virus zu tun hat, geht schief. In den Zahlen des ZDF-Politbarometers ausgedrückt: Nach 58 Prozent Anfang und 72 Prozent Ende Januar sind jetzt 92 Prozent der Meinung, dass das Impfen gegen Corona in Deutschland eher schlecht läuft. Verschwindende sechs Prozent der Deutschen meinen, es funktioniere gut.

Ein vernichtendes Urteil, das an die Politik adressiert ist. Die Popularitätswerte der Regierungskoalition aus SPD und Union sind deshalb drastisch gesunken. Wäre am kommenden Sonntag Bundestagswahl, kämen CDU/CSU noch auf 28 Prozent und die SPD auf 15 Prozent. Es ist der Moment der Opposition: Die Grünen liegen dank Zugewinnen bei 23 Prozent, die FDP bei neun Prozent.

Imageverluste für Spitzenpolitiker

Kanzlerin Angela Merkel, SPD-Vizekanzler Olaf Scholz, Gesundheitsminister Jens Spahn, Wirtschaftsminister Peter Altmaier, der CDU-Vorsitzende Armin Laschet, sie alle müssen laut Politbarometer deutliche Imageverluste hinnehmen. Angela Merkel, die mit ihrem „Oster-Kotau“ mehr Verwirrung denn Klarheit angestiftet hat, reagiert darauf mit einer Interviewoffensive im Fernsehen, nach ARD, ZDF und RTL saß sie am Sonntag als Sologast bei „Anne Will“. Das Medium, insbesondere das öffentlich-rechtliche, stellt sich als Plattform dar, auf der sich die Regierungschefin nach Belieben präsentieren darf. Ja, es gibt einen Blankoscheck an die erste politische Kraft im Land, deutlicher: Merkel kann sich selber einladen. Ist das in Ordnung?

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Sigmund Gottlieb hat am Wochenende diesen bemerkenswerten Tweet abgesetzt: „Liebe Klardenker, ich möchte bis auf Weiteres kein Politiker mehr zum Thema Corona im Fernsehen sehen. Null Erkenntnis, maximale Verwirrung.“ Gottlieb war Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens von 1995 bis 2017. Verhaltensauffällig wurde er mit Sendungen wie der politischen Talkshow „Münchner Runde“, in der es von Politikerinnen und Politikern nur so wimmelte.

Es sei mal dahingestellt, wie viel Sinn und Verstand in dem Gottliebschen Tweet steckt. In seinen „Tagesthemen“-Kommentaren war er ein wahrer Gottseibeiuns, nach rechts hat er vertraulich gezwinkert, nach links hat er gewettert. Jetzt ist etwas hinzugekommen, eine Verachtung der Politik, der Politikerinnen und Politiker. Pandemie können sie nicht, darüber reden sollten sie nicht.

Politik aus erster Hand bei “Anne Will”

Gegen solches Ansinnen muss die Politik unbedingt verteidigt werden, ebenso die Bereitschaft der TV-Macher, mit der Politik ins Gespräch zu kommen. Bei „Anne Will“ konnten die Bürgerinnen und Bürger erfahren, wo sich die Kanzlerin mit ihrer Politik sieht.

Wenn die Medien nicht mehr mit der Politik ins Gespräch kommen sollen, wer soll es dann übernehmen? „Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine“, hat Helmut Schmidt festgestellt. Streit heißt Kommunikation in, mit und über die Medien.

Die Pandemie heizt die Unruhe an. Die Politik steht im Fokus der Krise, vielleicht ist sie die Krise selbst, das mag jeder für sich selbst entscheiden. Was bemerkenswert und bedenkenswert ist, ist die auch von großen Teilen der Medien betriebene Tendenz, auf Politikerinnen und Politiker einzuschlagen und ihnen kriminelle Absichten zu unterstellen. Was bei den Corona-Leugnern Methode ist, schleicht sich in die Mitte der Gesellschaft.

Kritik muss sein

Ta Es geht nicht darum, mit berechtigter Kritik zu sparen oder mit blindem Eifer parteilich zu agieren, zu argumentieren, zu agitieren. Es geht aber darum, das Berufsbild des Politikers zu verteidigen, statt das Feindbild zu befördern. Der Kabarettist Wilfried Schmückler hat dafür einen Ausdruck gefunden: „Verfreundlichung“. Er will künftig dazu beitragen. Dazu gehört auch eine fortgesetzte Einladungspolitik der Informationssendungen. Sind Gespräche mit der Kanzlerin eine besondere Form der Pandemie, die nur mit dem Vakzin der Nichteinladung, des Nichteinschaltens bekämpft werden kann? Sie sind eine notwendige Herausforderung. Bedenklich wird es nur, wenn aus der Einladung ein roter Teppich wird, wenn Höflichkeit im Umgang zur deplatzierten Höflichkeit in der Fragestellung wird. Das ist bei „Anne Will“ nicht geschehen.

Ist es diesem Land bekommen, dass es von Angela Merkel regiert wird, oder wäre vieles nicht nur anders, sondern auch besser geworden, wenn Deutschland von den (medialen) Kritikerinnen und Kritikern der Angela Merkel regiert worden wäre? Ich weiß eine Antwort.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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