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Zweiter Tag des Impeachment-Verfahrens : Horrorshow im Kapitol

Die US-Demokraten tragen ihre Anklage gegen Donald Trump so eindringlich vor, dass selbst Republikaner angefasst wirken. Aber ändern sie auch ihre Meinung?

Zweiter Tag des Impeachment-Verfahrens : Horrorshow im Kapitol

Auf diesen bisher unveröffentlichten Aufnahmen ist zu sehen, wie der demokratische Senator Chuck Schumer (vorne links) in…Foto: U.S. Senate via REUTERS

Als die Sitzung gegen 17.30 Uhr unterbrochen wird und die Senatoren den Saal verlassen, um sich zu stärken, müssen einige erst einmal Luft holen. Zu heftig war das, was sie bisher an diesem Mittwoch aufzunehmen hatten. Chuck Schumer, der demokratische Mehrheitsführer, geht zu den wartenden Journalisten und sagt: „Dies ist eine Dinner-Pause. Ich glaube nicht, dass es viele Leute gibt, die jetzt abendessen wollen.“

Der zweite Tag des zweiten Impeachment-Prozesses gegen Ex-Präsident Donald Trump gehört ganz der Anklage. Insgesamt 16 Stunden, verteilt auf höchstens zwei Tage, haben die demokratischen Impeachment-Manager des Repräsentantenhauses Zeit, ihren Senatskollegen und der amerikanischen Öffentlichkeit darzulegen, warum Trump schuldig ist. Schuldig, einen gewalttätigen Mob zu dem Angriff auf das Kapitol animiert zu haben, die Anklage lautet: „Anstiftung zum Aufruhr“.

Wie dieser Aufruhr am 6. Januar genau ausgesehen hat, wie ernst der Umsturzversuch war, und warum Trump dafür verantwortlich ist – das wollen die Anklageführer am Mittwoch und am Donnerstag präsentieren. Wie schon am Vortag wirkt ihr Auftritt extrem gut vorbereitet, die Choreografie, wie es zu dem Sturm auf das Kapitol kam, ist bestechend.

Neue Aufnahmen belegen das Grauen

Anhand vieler Video- und Tonbandaufnahmen zeichnen sie den Tag nach, als Amerikas Demokratie attackiert wurde wie selten zuvor in der Geschichte des Landes. Minutiös rekonstruieren die Impeachment-Manager den Angriff. Dabei erleben ihre Zuschauer eine wahre Horrorshow. Vor allem bisher unveröffentlichte Aufnahmen zeigen, wie nahe der Mob der politischen Führung des Landes tatsächlich gekommen ist.

Einmal ist zu sehen, wie eine Gruppe Aufständischer durch einen Tunnel unter dem Kapitol läuft und „Nancy, wo bist du?“ ruft, offensichtlich auf der Suche nach der demokratischen Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi. Pelosi ist bei vielen Rechten besonders verhasst, da sie sich Trump immer wieder öffentlichkeitswirksam in den Weg gestellt hat. Während die 80-Jährige sogar aus dem Kapitol gebracht werden muss, verbarrikadieren sich ihre Mitarbeiter in ihrem Büro.

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Auch nach Vizepräsident Mike Pence suchen wütende Männer, sie grölen „Hängt Mike Pence“, wie die Aufnahmen den Senatoren zeigen. Von seinem Stellvertreter hatte sich Trump kurz zuvor enttäuscht gezeigt, weil der ihm nicht den Wahlsieg zuschustern wollte.

Pence wird mit seiner Familie, die an diesem Tag mit ins Kapitol gekommen ist, rechtzeitig in Sicherheit gebracht – allerdings nicht sehr weit entfernt von den Eindringlingen. Draußen wartet da bereits ein Galgen auf ihn. Selbst wenn offen ist, wie ernst es die Angreifer damit meinen: ein verstörendes Bild.

Der Polizist Goodman rettet Senator Romney

Erschreckend deutlich wird auch, wie knapp nur die Senatoren Mitt Romney und Schumer davon gekommen sind. Romney, der spätestens, nachdem er Trump in dessen erstem Impeachment-Prozess als einziger Republikaner für schuldig befand, bei dessen Anhängern in Ungnade gefallen ist, sieht man einen Gang entlang laufen. Der Polizist Eugene Goodman, der für seinen Mut schon ausgezeichnet wurde, lotst ihn in letzter Sekunde weg von der Gefahr: Nur Sekunden später strömen Angreifer in den Gang. Kaum auszumalen, was sie mit Romney angestellt hätten, hätten sie ihn zu fassen bekommen.

Von Schumer sind ebenfalls bisher unbekannte Aufnahmen zu sehen, wie er von Einsatzkräften an einen sicheren Ort gebracht werden soll, dann schnell umkehrt und in die entgegengesetzte Richtung eilt, weg von den nahenden Angreifern. Auffallend bei den Aufnahmen ist, wie viele der Angreifer spezielle Kampfmontur tragen. Von einigen weiß man inzwischen, dass sie Extremistengruppen wie den „Proud Boys“ angehören, die Kanada gerade als terroristische Vereinigung eingestuft hat.

Die „Proud Boys“ hat Trump einmal ganz explizit erwähnt, auch das dient den Anklägern als Beweis. Bei der ersten TV-Debatte mit Joe Biden während des Präsidentschaftswahlkampfs 2020 hatte er diesen Super-Fans von sich zugerufen, sie sollten sich „bereit halten“.

„Trump hat seine Anhänger auf eine Mission geschickt”

Für die demokratische Anklägerin Stacey Plaskett ein klarer Beleg dafür, dass Trump für den Angriff Verantwortung trägt. „Wahr ist, das Trump seine Anhänger monatelang dazu aufgerufen hat, an einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort zu marschieren“, um die Bestätigung des Wahlausgangs zu verhindern. „Seine Unterstützer verstanden dies als einen Aufruf, das Kapitol anzugreifen.“ Er habe sie auf eine Mission geschickt.

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Deutlich wird an diesem Tag auch erneut, wie überfordert die Polizei war. Auf bisher unveröffentlichten Aufnahmen ist zu hören, wie Beamte um Verstärkung flehen, ein Polizist ruft „Wir sind umzingelt“, ein anderer „Sie haben uns überrannt“. Und obwohl bereits um 14 Uhr kommuniziert wird, dass die Sicherheitskräfte dem Sturm nicht mehr standhalten können, dauert es noch mehrere Stunden, bis die Lage unter Kontrolle und der Aufstand beendet ist. Stundenlang kann sich der Mob nahezu ungehindert im Kapitol austoben. Die Aufarbeitung, wie es zu diesem Totalversagen der Sicherheitskräfte kommen konnte, wird noch viel Zeit in Anspruch nehmen.

Mit besonderer Aufmerksamkeit wird am Mittwoch beobachtet, wie die republikanischen Senatoren die Beweisführung der Demokraten verfolgen. Viele wirken tatsächlich angefasst, immerhin drohte am 6. Januar auch einigen von ihnen Gefahr. Aber zunächst ist von keinem, der bislang der Meinung ist, dass Trump an den Ausschreitungen keine Schuld trägt oder dass man einen ehemaligen Präsidenten nicht mehr „impeachen“ könne, ein Meinungsumschwung zu vernehmen.

Ab Freitag ist die Verteidigung an der Reihe

Anschließend sagt etwa Senator Mike Braun zu dem CNN-Reporter Manu Raju, er sei zwar erschüttert, das ändere aber seine Meinung nicht. „Wenn du überzeugt bist, dass der Prozess an sich ein Fehler ist, ist es schwer, für eine Verurteilung zu stimmen.“

Senator Ron Johnson erklärt: „Wer wäre nicht erschüttert?“ Aber an den Krawallen seien die Eindringlinge schuld, nicht Trump.

Die Lager wirken verfestigt, noch zeichnet sich nicht ab, dass sich 17 Republikaner trauen, gegen Trump zu stimmen. Die Demokraten wissen das, aber mit ihrer Vorgehensweise machen sie eines auch klar: Hier geht es nicht nur um Trump und darum, ob er politisch noch einmal tätig werden kann. Hier steht die gesamte Republikanische Partei vor Gericht. Deren Vertreter sind am Ende verantwortlich dafür, ob die Partei es schafft, sich von ihrem ehemaligen Präsidenten loszusagen oder nicht.

Am Donnerstag können die Demokraten noch einmal ihre Anklage ausbreiten. Dann hat die Verteidigung zwei Tage lang die Möglichkeit, zu erklären, warum Donald Trump keinerlei Schuld trifft. Nach den ersten beiden Tagen ist ihre Aufgabe zumindest nicht leichter geworden.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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