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Zum Anschlag in Hanau vor einem Jahr : Es hört nie auf

Statt den rechten Terroranschlag in Hanau als Zäsur zu begreifen, scheint im Land eine neue, alte Lust am rassistischen Grenzübertritt zu herrschen.

Zum Anschlag in Hanau vor einem Jahr : Es hört nie auf

Töchter und Söhne der Stadt. Eine Gedenktafel mit den Fotos der Ermordeten erinnert am Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt an den…Foto: picture alliance/dpa, Boris Roessler

Gökhan Gültekin
Sedat Gürbüz
Said Nesar Hashemi
Mercedes Kierpacz
Hamza Kurtović
Vili Viorel Păun
Fatih Saraçoğlu
Ferhat Unvar
Kaloyan Velkov

Am vergangenen Sonntag veröffentlichten die Angehörigen der Mordopfer von Hanau ein Video, das erschütterte. Darin verlasen sie die Ergebnisse ihrer Recherche über das Versagen der Behörden, während und nach dem Anschlag. Sie erzählen von Notrufen, die nicht angenommen wurden.

Von Verzögerungen, die weitere Morde ermöglichten. Sie erzählen von einer desaströsen und ja, auch respektlosen Informationspolitik gegenüber den Familien der Opfer. Von unnötigen Obduktionen ohne das Einverständnis der Hinterbliebenen. Sie fragen, warum der Notausgang der Bar, in der der Täter seine Bluttat anrichtete, verschlossen bleiben musste. Warum sie als Hinterbliebene von der Polizei als „Gefährder“ wahrgenommen wurden. Sie fragen all das und so viel mehr.

Zwölf Monate hatte die Initiative 19. Februar in Hanau recherchiert, zwölf Monate, in denen sie sich im Stich gelassen gefühlt haben von Behörden und Staat, in denen viel Vertrauen in das Rechtssystem unwiederbringlich verloren ging. Dabei hätte Hanau eine Zäsur sein müssen.

Dieser rassistische Terroranschlag hätte der Moment sein können, in dem das Land endlich der widerlichen Wahrheit ins Gesicht blickt: nämlich, dass wir uns gesellschaftlich darauf geeinigt haben, dass Rassismus in Deutschland so gut wie keine Konsequenzen hat. Die Bundeskanzlerin berief einen Kabinettsausschuss zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus ein. Der Kampf gegen Rassismus, sollte das wohl signalisieren, sei endlich Chefinnensache.

Rassismus wird gepflegt wie liebgewonnenes Kulturgut

Jetzt erst? Hat es dazu erst zehn brutal aus dem Leben gerissene Menschen gebraucht? Denn Hanau war nicht der erste rassistisch motivierte Mordanschlag auf bundesdeutschem Boden. Ihm gingen Mölln, Rostock, Halle voraus. Istha, Hamburg, Solingen. Garbsen, Hannover, München, Berlin. Die Liste ist endlos, eine Topographie des Grauens und des Hasses. Und sie lässt kaum einen Flecken in diesem Land aus, zieht sich aus der alten Bundesrepublik in die neuen Länder, von der Küste bis zu den Alpen, durch ländliche Regionen und Großstädte.

Ausgerechnet in diesem Land, das immer wieder „nie wieder“ schwört. Aber welchen Wert hat dieser Satz angesichts rechtsradikaler Kontinuitäten über die Dekaden hinweg? Rassismus in all seinen Formen, von Antisemitismus über Islamophobie bis hin zu Anti-Schwarzen Rassismus, beginnt – und endet – nicht mit Morden und Anschlägen.

Die Konzentration auf die Morde erlaubt es der Gesellschaft, diese Taten von sich zu trennen. Aber dieser Fokus auf das Extrem vernebelt unseren Blick auf das Tatsächliche, darauf, dass Rassismus gepflegt wird wie liebgewonnenes Kulturgut, dass er sich aus der Mitte der Gesellschaft speist und ein Stützpfeiler struktureller und institutioneller Ungerechtigkeiten ist.

Denn Rassismus beginnt nicht erst beim Mord, sondern schon viel früher. Es beginnt mit Ignoranz. Das Mordopfer Hamza Kurtović wurde von Polizisten, die in der Tatnacht im Einsatz waren, als „südländisch-orientalischen Aussehens“ beschrieben, trotz blauer Augen und blonder Haare. Sie ignorierten sein Aussehen, der Name allein reichte ihnen, um sich ihr falsches Bild zu machen.

Trotz des Anschlags wurde kurz darauf Karneval gefeiert

Nach Hanau wurde fröhlich Weiberfastnacht gefeiert, am Rosenmontag gab es immerhin hier und da eine Schweigeminute, doch den Spaß wollte sich niemand verbieten lassen. Fernsehsendungen wie das in den letzten Wochen vieldiskutierte Format „Die letzte Instanz“ im WDR werden immer noch geplant, geschrieben und umgesetzt.

Diese Ignoranz offenbart vor allem eines: Menschen, die nicht dem Selbstbild der vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft entsprechen, werden nicht als Teil der Gemeinschaft gesehen. Man kann sie vergessen, man kann sie ignorieren. Deutschland hat die Opfer von Hanau nicht als seine Töchter und Söhne gesehen, sonst hätte auf Karnevalsaufzügen Trauerflor geweht.

Sinti und Roma werden nicht als Teil der Gesellschaft gesehen, sonst hätte eine Diskussionsrunde halb vergessener Prominenter sich nicht entblödet, ihre Forderungen und ihre Interessenvertretung verächtlich zu machen. „Aber wir haben es doch nicht so gemeint“, tönt es wie ein mittlerweile einstudierter Chor, wann immer Kritik entgegnet wird, und: „Alles wird heute auf die Goldwaage gelegt!“

So ignorant sein zu dürfen und sich über die vermeintliche Goldwaage zu beklagen, auf der die eigenen Worte gewogen werden, das ist eine Gnade, die nicht jedem zuteil wird. Und wessen Gefühle, Bedürfnisse, Forderungen ignoriert werden und wessen nicht, zeigt welchem Leben in diesem Land ein Wert beigemessen wird – und welchem nicht.

Rassismus beginnt schon mit unsensibler Sprache

Es beginnt schon mit der Sprache. Mit Begriffen wie „Fremdenfeindlichkeit“, die tausende Bürger*innen dieses Landes kurzerhand zum vermeintlich Anderen, zu Fremden erklärt. Hanau war keine „fremdenfeindliche“ Tat und es war kein „Ausländerhass“: Diese Worte zu nutzen, bedeutet, die Argumentationsmuster der Rassisten anzunehmen.

Die Opfer waren Mitbürger*innen, fast alle mit deutschem Pass, viele von ihnen Kinder der Region. Man hört den hessischen Zungenschlag, wenn man heute ihren Verwandten und Freund*innen zuhört, und kann sich vorstellen, wie sie klangen, mit diesem südhessischen Singsang, der von Apfelweingemütlichkeit und der provinziellen Weltläufigkeit der Rhein-Main-Region erzählt.

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Und selbst, wenn sie nicht hier Zuhause gewesen wären: Formulierungen wie „ermordet, weil sie anders waren“ und ähnliche, Formulierungen, die hundertfach in deutschen Medien im Nachgang der Taten genutzt wurden, setzen den Fokus auf die Opfer, als könnten sie etwas dafür, ermordet zu werden. Hätten sie eben nicht fremd sein sollen! Hätten sie doch eben keine Shisha geraucht! Hätten sie lieber in einer Eckkneipe gesessen und sich von einem betrunkenen Stammgast anpöbeln lassen sollen!

Es sind aber auch Worte wie „Clankriminalität“, die organisierter Kriminalität eine Hautfarbe und einen kulturellen Kontext zuschreiben, die Angst vor dem importierten Fremden beschwören, der das Böse bringt. Auf die zahlreichen Familienunternehmen Deutschlands, deren Reichtum sich auf Raub und Enteignung von jüdischen Bürger*innen während des Dritten Reichs gründet, werden derlei Begriffe nicht gemünzt. Und auch in dieser Zeitung erschienen Artikel, die sich auf rassistische Bilder und Muster verlassen oder an rassistische Diskurse anknüpfen.

Rapper Kool Savas will bestimmte Wörter nicht mehr nutzen

Sie sind nur Beispiele eines Trends, der sich vielfach in den Medien zeigt: In Satiresendungen und Podcasts, in Kolumnen, Meinungsspalten, ja sogar Social-Media-Auftritten von Sicherheitsorganen, herrscht eine Lust an der Provokation, am verbalen Grenzübertritt. Dagegen wäre nichts einzuwenden, würde sie nicht fortwährend darauf bestehen, nach unten zu treten statt nach oben. Die herrschende Ordnung soll nicht in Frage gestellt, sondern gefestigt werden.

Der Rapper Kool Savas sprach vor wenigen Tagen in einem Interview mit „Die Zeit“ davon, dass er gewisse Wörter wie „schwul“ oder „behindert“ heute nicht mehr wie früher als Beleidigungen und Diss nutzen würde. „Ich weiß, dass man Leute durch Sprache verletzen kann“, sagt er. Aber mit unseren Rundfunkgebühren müssen wir weiter Personen wie Dieter Nuhr und Lisa Eckhart – um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen – finanzieren, die sich dieser simplen Wahrheit verweigern.

Sie wollen unbedingt daran festhalten, Teile der Gesellschaft fortwährend zu demütigen, zu diskriminieren und zu beleidigen. Erniedrigung ist immerhin der erste Schritt auf dem Weg zur Entmenschlichung. Und darin kennt sich das Land der Täter sehr gut aus. Das hat es in den letzten hundert Jahren oft genug bewiesen.

Der Vater kämpft um die Waffen des Sohnes

Es beginnt auch mit unserem Blickwinkel. Wenn es Tage dauert, bis der Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns, der Waffen bei Nazis kauft, endlich zurücktritt. Wenn Berichte von Sicherheitsbeamt*innen, die Waffen horten, sich auf den vermeintlichen „Tag X“ vorbereiten, die Gewaltfantasien hegen, Rassismus pflegen und Selbstjustiz begehen, kaum jemanden interessieren, aber eine satirische Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah, die die Gefühle eben dieser Berufsgruppen verletzte, zu einer mittleren Staatskrise führt.

Wenn die Sicherheitsbehörden getrieben von Klischees über „Blutrache“ und „Ehrenmorde“, die Hinterbliebenen der Opfer von Hanau als „Gefährder“ ansehen, aber die reale Gefahr ignorieren, der sie durch den weiterhin in ihrer Nachbarschaft lebenden Vaters des Mörders, ausgesetzt sind. Jener Vater, der darum kämpft, die Waffen seines Sohnes wieder ausgehändigt zu bekommen, sein rassistisches Manifest online freizuschalten und der in Emails an Verwandte davon schreibt, dass es „Menschenleben erfordern“ werde, den Ruf seiner Familie wiederherzustellen.

All das und so viel mehr ist in nur zwölf Monaten passiert. Zwölf Monate, seit zehn Menschen für eine Ideologie des Hasses ihr Leben lassen mussten. Zwölf Monate, in denen das Land Veränderung versprach doch stattdessen weiter lustvoll Diskriminierung zelebrierte.

Das Schicksal der Hinterbliebenen von Hanau ist eng verwoben mit unserem gesellschaftlichen Umgang mit Rassismus. Und solange wir uns nicht unserem Rassismusproblem stellen, kann es keine Aufklärung geben, kein Ende und vor allem: keinen Frieden.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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