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Wie aus Mietern Eigentümer wurden : Diese Berliner kämpften schon in den achtziger Jahren gegen Mietspekulation

1980 sollte das Schöneberger Eckhaus verkauft werden. Die Mieter fürchteten, verdrängt zu werden. Das wollten sie nicht hinnehmen und ergriffen die Initiative.

Wie aus Mietern Eigentümer wurden : Diese Berliner kämpften schon in den achtziger Jahren gegen Mietspekulation

Kurze Pause. Etliche Arbeiten im Haus erledigten die Hausbewohner selber.Foto: Privat

Wenn ein altes Berliner Mietshaus Geschichten erzählen könnte über seine Bewohner, seine Eigentümer, all die kleinen und großen Dramen, die dort passierten, würde man wahrscheinlich über Stunden gebannt dasitzen und zuhören.

Bernd Cronjaeger und die Hausgemeinschaft eines stattlichen Eckhauses in der Regensburger Straße haben sich dran gemacht, die Geschichte ihres Hauses zusammenzutragen.

Viele von ihnen wohnen dort schon seit vielen Jahrzehnten. Es entstand eine Chronik, die auch Einblick gibt in die Berliner Wohnungsbaupolitik über die Jahrzehnte, und die zeigt, wie es damals gelang, dass aus Mietern Eigentümer wurden.
Cronjaeger, damals noch Student, zog am 1. Mai 1970 mit anderen Studentinnen und Studenten in das Haus, das im für die Jahrhundertwende typischen Stil gebaut worden war.

Gut 200 Quadratmeter groß war die Wohnung, die die WG in der Belle Étage des Hauses übernehmen konnte. In dieser Wohnung war einst eine prominente Mieterin zu Hause: Dort lebte von 1919 bis 1933 die Kabarettistin, Sängerin und Schauspielerin Claire Waldoff.

Eine Gedenktafel erinnert heute am Haus an Waldoff, die – als geborene Gelsenkirchnerin – wie kaum eine andere als Vertretein der Berliner Kleinkunst galt. Lieder wie „Wer schmeißt denn da mit Lehm“ oder „Nach meene Beene is ja janz Berlin verrückt“ machten sie berühmt.

Wie aus Mietern Eigentümer wurden : Diese Berliner kämpften schon in den achtziger Jahren gegen Mietspekulation

Direkt am Viktoria-Luise-Platz. Das Eckhaus, das 1980 von seinen Mietern gekauft wurde.Foto: Sigrid Kneist

Als die WG um Cronjaeger dort einzog, gehörte das Haus einem Dahlemer Fabrikanten, der es Anfang der fünfziger Jahre erworben hatte und 1973 seinen drei Töchtern überschrieb. In der Nazizeit waren die jüdischen Eigentümer verdrängt worden, die Anstrengungen, nach dem Krieg Wiedergutmachung zu erhalten, verliefen nicht sehr erfolgreich – wie so oft.

Die einstige Pracht des Altbaus war Anfang der siebziger Jahre nur noch zu erahnen. Auch hier hatte der Krieg seine Spuren hinterlassen, Schäden waren großteils nicht beseitigt worden. Die Fassaden waren grau. Im Haus lebte eine wilde Berliner Mischung, wie Cronjaeger erzählt: Kriegswitwen, Rentner, Wirte und eben Studenten-WGs.

Im Keller sei ein Rentnerpuff gewesen; die Prostituierten hätten in der Kneipe darüber das Geld abliefern müssen. „Die Kneipe „Bei Margret“ hatte fast rund um die Uhr auf, und wir konnten uns auch noch früh morgens um fünf Uhr betrinken“, schreibt Cronjaeger in der Chronik des Hauses.

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Um 1980 fiel in Berlin die Mietpreisbindung. Das Verhältnis der Mieter zu den drei Eigentümerinnen war nicht das beste. Diese hätten sich nicht mit den Problemen der Mieter herumschlagen wollen, sagt Cronjaeger, der zu diesem Zeitpunkt in der Senatsbauverwaltung arbeitete und immer noch in der Wohnung wohnte, während es bei seinen Mitbewohnern immer wieder Wechsel gegeben hatte.

Die Eigentümerinnen beschlossen, das Haus zu verkaufen. Einen ersten Verkauf mussten sie rückabwickeln, da großflächig Schwamm entdeckt worden war. Andere Kaufinteressenten standen auf der Matte. Die Aussichten für die Mieter waren nicht gut. „Wir hätten uns auf einen Mieterkampf einstellen müssen“, sagt Cronjaeger.

Wie aus Mietern Eigentümer wurden : Diese Berliner kämpften schon in den achtziger Jahren gegen Mietspekulation

Bernd Cronjaeger lebt seit mehr als 50 Jahren in dem Eckhaus an der Regensburger Straße.Foto: Privat

Er kam deswegen auf die Idee: „Warum nicht selber kaufen?“ In nur drei Wochen hatte er Zusagen von etlichen Mietern, die gemeinsam zwei Drittel der Wohnfläche des Hauses bewohnten. Man beschloss, das Haus zu kaufen, bildete eine Käufergemeinschaft. Die Grundsätze: Die Mieter und Freunde kaufen die Wohnungen und das Gemeinschaftseigentum des Hauses, beispielsweise die Ladenlokale.

Diejenigen, die nicht kaufen können, dürfen nicht vor die Tür gesetzt werden. Spekulation sollte so verhindert werden. Cronjaeger besaß 12.000 DM, erhielt weitere 12.000 DM von seiner Mutter. Der Quadratmeter-Preis lag bei 750 DM, das ganze Haus, in dem insgesamt 17 Mietparteien wohnten, kostete 1,8 Millionen DM.

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Nach gut zwei Monaten mit schwierigen Verhandlungen mit den Eigentümerinnen, die zuerst nicht an ihre Mieter verkaufen wollten, stand der Verkauf fest. Der Vertrag konnte unterschrieben werden.

180 Häuser waren in Berlin besetzt

Zu dieser Zeit waren in Berlin 180 Häuser besetzt, viele davon auch in Schöneberg. Cronjaeger kannte durch seine Arbeit in der Senatsverwaltung die Förderungen für „Instandbesetzung“. Oder im Fall der Regensburger Straße für Instandsetzung.Mit diesem Wissen konnte er die Mittel für die notwendige Sanierung und Modernisierung beantragen. Und natürlich musste auch der Schwammschaden angegangen und das Dach erneuert werden.

Kinder wuchsen in dem Eckhaus an der Regensburger Straße auf und verließen es wieder. In den Anfangsjahren gab es regelmäßige Hoffeste, diese Tradition wurde nach einer längeren Unterbrechung 2014 wieder aufgenommen.

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Ein Zigarrenladen war im Erdgeschoss untergebracht. Die Fassade noch nicht saniert.Foto: Privat

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Viele der Gründungsmitglieder leben heute noch dort. Inzwischen sind sie nicht mehr die Jüngsten und denken auch an die Erschwernisse des Alters. Überlegt wird beispielsweise, ob man nicht Aufzüge einbauen kann.

Für Cronjaeger ist der Werdegang seiner Hausgemeinschaft von Mietern zu Eigentümern, die ihre Wohnungen selber nutzen, ein gutes Beispiel gegen Spekulation und für soziale Stadtentwicklung. Und wäre das seiner Auffassung auch heute noch: „Denn was bedeutet das schon: Berlin ist eine Mieterstadt. Das heißt letztlich doch nur, dass man anderen Menschen Geld zahlen muss, um wohnen zu können.“

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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