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Wer wird Kanzlerkandidat? : Eigener Geschmack oder Wählervorlieben – die Parteien müssen sich entscheiden

Grüne und Union tun sich schwer mit der Frage nach der Kanzlerkandidatur. Auch, weil Parteianhänger und die Funktionärsapparate anders ticken. Ein Kommentar.

Wer wird Kanzlerkandidat? : Eigener Geschmack oder Wählervorlieben – die Parteien müssen sich entscheiden

Die Partei will sie als Kanzlerkandidatin, die Wählerinnen und Wähler bevorzugen ihn. Annalena Baerbock und Robert Habeck bei der…Foto: AFP

Die Redensart ist nicht charmant für Bürgerinnen und Bürger, aber sie trifft den wunden Punkt im Ringen der führenden Parteien um die Kanzlerkandidatur. „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“

Sowohl in der Union als auch bei den Grünen tun sich viele Funktionärinnen und Funktionäre, die nach Stimmen fischen wollen, schwer mit der Entscheidung zwischen dem eigenen Geschmack und dem der Wählerinnen und Wähler. Die Bevölkerung gibt Markus Söder in einer kürzlichen Umfrage den klaren Vorzug vor Armin Laschet, mit 41 zu 14 Prozent. Unter den Anhängern der Union liegt Söder noch deutlicher vorn, 63 zu zwölf Prozent.

Der Parteiapparat tickt anders, vor allem in der weit größeren Unionsschwester, der CDU. Nur wenige sprechen sich für Söder aus. Die Mehrheit bevorzugt Laschet. Er polarisiere weniger als der Bayer und könne – wie vor ihm Angela Merkel – die Mitte besser gewinnen, heißt es. Die Angler der Union setzen auf den Wurm, der den Fischen weniger schmeckt.

Die Partei gibt Baerbock, das Volk Habeck den Vorzug

Bei den Grünen ist die Lage weniger klar. In der Umfrage haben zwei Drittel der Befragten keine Meinung dazu, ob Annalena Baerbock Kanzlerkandidatin oder Robert Habeck Kanzlerkandidat werden soll. Beim restlichen Drittel hat Habeck mit 20 zu zwölf Prozent die Nase vorn. Ebenso bei den Wählerinnen und Wählern der Grünen mit 38 zu 29 Prozent.

Dürfte ein Parteitag entscheiden, hätte Baerbock die besseren Chancen. Einer Frau das Prä zu geben nach Jahrhunderten männerdominierter Politik, gehört zur DNA der Grünen. Und liegt darin nicht auch der potenzielle Vorteil, mit dem sie sich von den anderen Parteien unterscheiden können: eine quirlige, auf viele sympathisch wirkende jüngere Frau als Kontrast zu den Alphamännern der anderen Parteien?

Der vermeintliche Vorteil, junge Frau, kann zum Nachteil werden

Auch bei den Grünen ist jedoch die Frage, ob die Fische dem Wurm-Kalkül der Anglerinnen folgen. Gegen Baerbock spricht ein Einwand, der nicht stechen muss, aber stechen kann – vor allem, wenn die Konkurrenz ihn im Wahlkampf penetrant nutzen sollte. Mit 40 Jahren ist sie für eine Bundeskanzlerin ziemlich jung, und sie hat noch nie Regierungsverantwortung getragen.

Ihre Fans halten für wichtiger, was für sie spricht: Baerbock hat Politik und Recht im In- und Ausland studiert, arbeitet sich fleißig in Themen ein. Und Habeck sei nur Agrarminister in Schleswig-Holstein gewesen, das weniger Einwohner hat als Berlin.

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Wahlkämpfe können brutal sein. Negativ-Zuschreibungen setzen sich in den Köpfen hartnäckiger fest als die Vorzüge einer Person. Laschets Auftreten wirkt auf das Volk nicht kanzlerhaft. Und als Gegenthese zu Baerbocks angeblicher Sicherheit in Sachthemen verweisen Leserinnen und Leser mit erstaunlicher Vehemenz auf ihren „Kobolde“-Versprecher. Sie meinte Kobalt als Rohstoff für Batterien.

Schwächen einzugestehen, kann Gegner entwaffnen

Versprechen ist menschlich, aber statt zuzugeben, dass sie sich vertan hat, behauptete sie, sie habe das Wort auf Englisch ausgesprochen. Doch auch das Englische kennt die Pluralform „Kobolde“ nicht. Das machte es schlimmer.

Wenn Laschet und Baerbock es werden wollen, müssen sie alles daran setzen, die Fische und nicht die Angler von ihren Qualitäten zu überzeugen. Dabei kann es helfen, die ihnen – zu Recht oder Unrecht – zugeschriebenen Schwächen nicht zu ignorieren, sondern aktiv anzusprechen und zu entschärfen. 

Fehler und Schwächen einzugestehen, ist die effektivste Form, Gegner zu entwaffnen. Das hat die Inhaberin des Amtes, das sie gerne hätten, gerade vorgemacht.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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