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Wer soll das alles bezahlen? : Wie sich unser Verhältnis zum Geld gewandelt hat

Seit Corona machen sich viele Gedanken übers Geld – ob es ihnen fehlt oder sie genug davon haben. Selbst an Weihnachten spielt es eine große Rolle.

Wer soll das alles bezahlen? : Wie sich unser Verhältnis zum Geld gewandelt hat

Geld schenken – ja oder nein? Das ist noch eine der einfachsten Fragen, die sich viele in diesem Jahr gestellt haben.Foto: Getty Images/iStockphoto

Bei Kindern und Jugendlichen steht es ganz oben auf dem Wunschzettel: das Geld. 42 Prozent wünschen sich Scheine zum Fest. Die Eltern derweil legen lieber Praktisches unter den Baum, vor allem Schuhe, Kleidung und Rucksäcke. Nichts zu verschenken, ist für die wenigsten eine Option.

Trotz Lockdown könnten die Deutschen 19,8 Milliarden Euro für Bücher, Gutscheine, Krimskrams ausgeben. Das wäre mehr als im Vorjahr. Dabei sollte dieses Weihnachten doch das Fest des Verzichts werden. Ganz bewusst.

So hat es sich zumindest die Politik erhofft.

Selbst der Bundeswirtschaftsminister hat in diesem Jahr vom Geschenkekauf abgeraten. „Ich wünsche mir und ich hoffe, dass die Menschen nur das Allernötigste besorgen, was sie wirklich brauchen an Lebensmitteln“, sagte Peter Altmaier (CDU). Dabei hatte er sich selbst vor wenigen Wochen noch von Fotografen auf dem Fahrrad ablichten lassen: den Korb voller Geschenke.

Vor wenigen Wochen aber gab es noch keinen zweiten Lockdown, galt das Einkaufen im stationären Handel als patriotische Pflicht. So schnell verschieben sich die Prioritäten. So schnell wandelt sich in der Pandemie unsere Einstellung zum Konsum und damit zum Geld.

Wer soll das alles bezahlen? : Wie sich unser Verhältnis zum Geld gewandelt hat

Rät vom Geschenkekauf ab: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).Foto: dpa

Was kostet der Lockdown? Wie viel Hilfen brauchen Unternehmen? Wie viel bekommen sie vom Staat? Was darf eine Impfdosis kosten? Wie hoch fällt das Kurzarbeitergeld aus? Wie soll ich Geld verdienen und gleichzeitig die Kinder betreuen? Was bedeutet Corona für meine Aktien? Sollte ich erstmals Aktien kaufen? Muss ich die Reise bezahlen, obwohl ich sie nicht antreten kann? Was mache ich mit dem Geld, das ich nicht für den Urlaub ausgebe? Fragen, die zeigen, wie viele Gedanken sich die Deutschen 2020 ums Geld gemacht haben – diejenigen, denen es fehlte, ebenso wie diejenigen, die genug besitzen.

Jüngere geben mehr aus für Geschenke

Dabei haben Verzicht und Konsum womöglich mehr miteinander zu tun, als man das zunächst annimmt. Auf so viel haben die Menschen in diesem Jahr schon verzichtet: Reisen, Besuche, Umarmungen. Die Geburtstagsparty. Die Weihnachtsfeier im Büro. Den Messebesuch. Das Konzert. Das Theaterstück. Den Kinoabend. Jeder hat solch eine Liste. Soll man da auch noch an den Weihnachtsgeschenken sparen?

Vor allem die Jüngeren wollen an Weihnachten nicht auf den Konsum verzichten. Während unter den Älteren viele durchaus dem Rat der Politik folgen und vor diesem Fest weniger einkaufen, lassen es die Jüngeren krachen. Ausgerechnet die 18- bis 29-Jährigen sollen Umfragen zufolge ihre Ausgaben für Geschenke in diesem Jahr verdoppeln. 500 Euro geben sie dafür im Schnitt aus.

Dabei hat sie die Krise besonders hart getroffen: Viele Nebenjobs in der Gastronomie sind 2020 weggefallen, Aushilfskellner wurden kaum gebraucht. Gleichzeitig haben Unternehmen befristete Stellen teils nicht verlängert – auch das traf vielfach die Nachwuchskräfte.

Und dabei geht es um mehr als ums Geld. „Wer als Berufseinsteiger den Arbeitsplatz verliert, bekommt nicht nur Probleme, die Miete zu bezahlen oder einen Kredit zu tilgen“, warnt Robert Feiger, Bundesvorsitzender der Industriegewerkschaft BAU. „Die ganze Lebensplanung gerät durcheinander – bis hin zur Familiengründung.“ Geld, das fehlt, auch das verändert einen.

Deutsche zahlen öfter kontaktlos

Dabei hat sich das Verhältnis der Verbraucher zu Scheinen und Münzen in diesem Jahr auch ganz plastisch gewandelt. Eigentlich hängen die Deutschen ja am Bargeld. Das Zahlen per Karte oder gar per Smartphone, daran konnten sich viele lange nicht gewöhnen. Doch dann kam Corona. Und auch wenn Experten immer wieder betont haben, von den Scheinen gehe keine Ansteckungsgefahr aus – kontaktloses Bezahlen lag auf einmal im Trend. In der Euro-Zone sagen 40 Prozent, dass sie heute seltener Scheine und Münzen nutzen als vor Ausbruch der Pandemie. Selbst für kleinere Beträge zücken viele die Karte. Und Experten meinen: Wer sich daran erst einmal gewöhnt hat, der kehrt so schnell nicht zum Bargeld zurück.

Wer soll das alles bezahlen? : Wie sich unser Verhältnis zum Geld gewandelt hat

Seit dem Ausbruch der Pandemie, zahlen weniger Menschen bar.Foto: imago images/Ralph Peters

Gewöhnt haben könnten sich manche in diesem Jahr noch an etwas anderes: den Kauf von Aktien. War das vielen lange zu riskant, sind sie ausgerechnet in der Pandemie auf den Geschmack gekommen. Bei der Onlinebank Comdirect haben in den ersten neun Monaten so viele Kunden ein neues Depot abgeschlossen wie in den letzten 20 Jahren nicht. Auch Start-ups, die wie Traderepublic bewusst junge Leute als Aktienkäufer ansprechen, haben einen starken Zulauf. Für sie war die Coronakrise ein Glücksfall. Ob das auch für die Anleger gilt, wird sich zeigen. Zumindest in den USA hat man schon jetzt die Erfahrung gemacht, dass die Haltedauer der Aktien deutlich gesunken ist: Gerade einmal etwas über fünf Monate haben die Anleger an ihren Papieren festgehalten – so kurzlebig war der Aktienmarkt selbst kurz nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 nicht. Je kürzer Aktien aber gehalten werden, desto mehr Spekulation ist im Spiel, desto größer das Risiko für die Anleger.

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Immerhin haben sich aber mehr Menschen mit der Frage beschäftigt: Was tun mit dem Geld? Weil viele nicht in Urlaub fahren konnten, ihre Freizeitaktivitäten zurückgefahren haben, haben sie automatisch mehr gespart. Und das in einer Zeit, in der Sparen kaum belohnt wird. Zinsen wird es so schnell nicht mehr geben. „Die Politik ist dabei, die Sparer zu enteignen“, sagt Allianz-Chef Oliver Bäte im „Handelsblatt“ und spricht offen vom „Betrug am Sparer“.

Wie hoch ist der Preis des Profits?

Kritik gab es in diesem Jahr aber nicht nur an der Zentralbank, sondern auch an Unternehmen. Um jeden Preis Profit machen zu wollen, das kam gerade in der Pandemie nicht gut an. Gleich zwei Vorstandschefs mussten sich deshalb entschuldigen. Im ersten Lockdown war es Adidas-Chef Kasper Rorsted. Als seine Läden schließen mussten, setzte er kurzerhand die Mietzahlungen aus.

Ausgerechnet ein großer Konzern weigert sich, die Miete zu zahlen, das hat viele empört: Auf Twitter schworen Nutzer, nie wieder eine Hose oder ein T-Shirt mit den drei Streifen zu kaufen. Selbst Bundesarbeitsminister Hubertus Heil mischte sich ein, erklärte das Verhalten von Adidas „für unverantwortlich“. Rorsted räumte den Fehler ein und versprach, die Mieten dann doch zu überweisen.

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Douglas wollte seine Filialen im Lockdown mit einem Trick offen halten.Foto: dpa

Die zweite Entschuldigung folgte erst vor wenigen Tagen im zweiten Lockdown. Diesmal kam sie von Douglas-Chefin Tina Müller. Mit einem Trick wollte sie immerhin einen Teil der Filialen ihrer Parfümeriekette offen halten. Ihre Begründung: Dort würden größtenteils Drogerieartikel verkauft – und Drogerien bleiben im Lockdown geöffnet. Auch das kam bei vielen Verbrauchern nicht gut an. Die Folge: Müller bat um Entschuldigung und ließ alle Filialen sofort schließen.

Profit ist nicht alles. Auch das haben wir also dieses Jahr gelernt. Für viele kleine Händler muss dieser Satz allerdings anders lauten. Für sie gilt: Alles ist nichts ohne Profit. Gastronomen, Einzelhändler, Fitnessstudiobetreiber bangen derzeit um ihr Geschäft. Schaffen sie es dank Staatsgeld durch die Krise? Und: Kommt das Geld rechtzeitig? Antworten wird die Insolvenzstatistik im nächsten Jahr liefern.

Gibt der Staat zu viel oder zu wenig?

Dabei halten manche Ökonomen die Hilfen für Firmen bereits für zu umfangreich. Einer dieser Mahner ist der frühere Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, der meint, die Politik verliere gerade das Maß. „Krisenzeiten sind politisch verführerisch“, sagte er dem „Handelsblatt“. „Man muss nur Corona rufen, und schon fließen die Milliarden.“ Die Händler wiederum haben für solche Sätze kein Verständnis. Aus ihrer Sicht reichen die Staatshilfen für die geschlossenen Läden bei Weitem noch nicht aus. Bei drei Viertel der Bekleidungshändler sei derzeit die Existenz bedroht, heißt es beim Handelsverband HDE.

Doch während die einen verlieren, gewinnen die anderen. Der Onlinehandel boomt. Das spürt Amazon ebenso wie die Post-Tochter DHL. 56 Millionen Pakete hat Letztere binnen einer Woche transportiert – ein Rekord. „Die Deutsche Post DHL erlebt in diesem Jahr einen Weihnachtshochbetrieb, den es so noch nie gab“, sagt ein Sprecher.

Wie Barack Obama es mal gesagt hat: „Geld ist nicht die einzige Antwort, aber es macht einen Unterschied.“

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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