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Weibliche Vielfalt feiern : Was sich eine trans Frau zum Weltfrauentag wünscht

Trans Frauen sind immer wieder Angriffen ausgesetzt. Gerade Feministinnen sollten sich dem entgegenstellen. Plädoyer für mehr Schwesterlichkeit.

Weibliche Vielfalt feiern : Was sich eine trans Frau zum Weltfrauentag wünscht

Kämpferisches Vorbild. Die New Yorker trans Frau Marsha P. Johnson (1945–1992) engagierte sich für Frauen- und LGBT-Rechte.Foto: imago images/Everett Collection

Michaela Dudley, Jahrgang 1961, ist Berlinerin mit afroamerikanischen Wurzeln. Sie arbeitet als Kabarettistin, Kolumnistin und Keynote- Rednerin. Dudley ist gelernte Juristin. Als Expertin für Vielfalt engagiert sich die trans Frau zudem für LGBTRechte und gegen Rassismus.

Am Montag findet der 110. Weltfrauentag statt. Der Anlass beschert uns die Gelegenheit, unsere historischen und auch heutigen Heldinnen im Kampf um die Geschlechtergerechtigkeit zu ehren, die Rückschritte anzuprangern und neue Forderungen zu stellen.

„Frauen in Führungspositionen: Eine gleichberechtigte Zukunft in einer Covid-19-Welt“, so lautet diesmal das Motto der Vereinigten Nationen zum Weltfrauentag, der zum zweiten Mal im Zeichen von Corona steht. Im Home Office oder als Arbeitslose ist es allerdings schwierig, die gläserne Decke zu durchbrechen und die Vorstandsetagen zu erobern.

Die Pandemie, die von Angela Merkel anfangs als „demokratische Zumutung“ bezeichnet wurde, hat besonders verheerende Folgen für Frauen: Existenzängste, psychische Belastungen und häusliche Gewalt bis hin zum Femizid nehmen zu. Viele Gründe also, unsere Solidaritätsgemeinschaft zu stärken. Doch auch und gerade innerhalb der feministischen Bewegung grassiert ein Virus, das zur Marginalisierung von Frauen beiträgt. Es ist eine gefährliche Mutation, die sich aus Transphobie und Misogynie zusammensetzt.

Bei der „Transmisogynie“ handelt es sich um die Diskriminierung und den Hass gegenüber Transsexuellen bzw. Transgender-Personen, die sich der femininen Seite des Geschlechterspektrums zuordnen. Den Begriff prägte die US-amerikanische Autorin und trans Frau Julia Serano in ihrem 2007 erschienenen Buch „Whipping Girl“, wörtlich „Prügelmädchen“, und sie musste selbst eine ungeheure Tracht Prügel einstecken. Was genau war Seranos Vergehen? Sie hat lediglich darauf aufmerksam gemacht, dass trans Frauen einer größeren Frauenfeindlichkeit ausgesetzt sind. Dass ist eine Tatsache, die Abertausende von Betroffenen und viele Statistiken bestätigen können.

Weibliche Vielfalt feiern : Was sich eine trans Frau zum Weltfrauentag wünscht

Gastautorin Michaela Dudley.Foto: Carolin Windel

Diese Problematik ist für mich nicht abstrakt. Die Transmisogynie habe ich am eigenen Leibe erfahren, erlebt und überlebt. Denn ich bin eine „Frau ohne Menstruationshintergrund, aber mit Herzblut, in der Regel“, so lautet der Titel des Kabarett-Lieds, das zu meinem Markenzeichen geworden ist. Und so bezeichne ich mich auch im Alltag.

Es ist zwar selbstironisch, aber auch ernst gemeint. Ich bin Frau, Feministin und leider auch Freiwild. Für viele von uns trans Frauen ist die Lage sogar todernst. Alleine im Jahre 2020 wurden weltweit 350 trans Personen ermordet. Davon waren sage und schreibe 97 Prozent trans Frauen, und die Dunkelziffer dürfte alles andere als tröstlich sein.

Mischung aus Phobien und Phantasien

Die Blicke, die sich auf meine Schwestern und mich richten, lassen erkennen, dass wir abwechselnd als Faszinationsobjekte und Feindbilder betrachtet werden. Diese Neugierde ist in einer Art Fetischisierung verwurzelt. Denn trans Frauen sind dem Vorurteil folgend doch primär als promiskuitive Wesen zu begreifen und begrapschen. Demgemäß würden wir unsere Transition hauptsächlich aus sexuellen Beweggründen vollziehen, um lauter libidinösen Leidenschaften nachgehen zu können.

Solche Klischees verraten eine giftige Mischung aus Phobien und Phantasien, und sie entstammen der Auffassung, dass die Weiblichkeit schon von Natur aus der Männlichkeit unterlegen sei und den Männern in erster Linie zur Unterhaltung dienen solle.

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Umso bedauerlicher ist es, dass ausgerechnet Frauen, die sich sogar damit brüsten, Feministinnen zu sein, diesen Cocktail toxischer Maskulinität unreflektiert schlucken und in ihrem Sexismus-Suff sogar selbst verbreiten. Viele von ihnen sind unter der Zuschreibung „TERFs“ oder „Trans-Exclusionary Radical Feminists“ gefasst. Radikal sind sie auf alle Fälle, progressiv aber keineswegs.

TERFs reduzieren unser Leben auf Schlafzimmer, Toiletten und Umkleidekabinen. Für sie gibt es nur zwei Geschlechter: Männlein und Weiblein, und sie beschränken sich auf biologische Merkmale, die bei der Geburt zu erkennen sind. Das soziale Geschlecht und die autonomen Wünsche der betroffenen, non-binär denkenden Personen spielen in dieser Sichtweise keine Rolle. TERFs sind partout darauf bedacht, trans Frauen aus dem feministischen Diskurs, aus dem Damenklo und überhaupt aus der Öffentlichkeit auszuschließen. Denn wer einen Penis habe oder je gehabt habe, könne keine Frau sein.

Martina Navratilova verurteilt trans Frauen als „cheaters“

Bereits 1979 schrieb Janice Raymond, emeritierte US-Professorin für Frauenstudien und medizinische Ethik in „The Transsexual Empire“: „Alle Transsexuellen vergewaltigen den Körper von Frauen, indem sie die reale weibliche Form auf ein Artefakt reduzieren und diesen Körper für sich selbst aneignen“. Trans Frauen, so fuhr sie fort, würden lediglich die „offensichtlichsten Mittel“ abschneiden, um in Frauen einzudringen, so dass sie dabei nicht invasiv wirken. Paranoia in Pamphletform.

Und keine Geringere als die berühmte Feministin Germaine Greer postulierte in „Die ganze Frau“ (1999), dass wenn Eierstock- und Uterustransplantationen ein obligatorischer Bestandteil geschlechtsangleichender Operationen wären, trans Frauen von heute auf morgen verschwinden würden.

Tennisstar Martina Navratilova verurteilt trans Frauen als „cheaters“, also Betrüger. Ihr mutiges Coming-Out hatte ich als Gewinn für die gesamte Queer-Community begrüßt. Doch mittlerweile forderte sie die Verbannung aller trans Frauen aus dem Frauentennis. Kann es sein, dass die neunfache Wimbledon-Siegerin den im Tennis gängigen Ausdruck „Love“ nur sehr selektiv versteht? Das wäre schade. Und Judith Bulter mahnt zurecht: „Die transausschließende radikale feministische Position greift die Würde der trans Menschen an“.

J. K. Rowlings Tweets haben einen transphoben Tenor

Zu diesen Angriffen zählt auch der Schadenzauber aus Schottland. Mit J.K. Rowling habe ich mich schon mehrmals medial kritisch auseinandergesetzt. Dabei stieß ich auf viel positive Resonanz, aber stellenweise auch auf erbitterte Resistenz. Fans von Rowling und vereinzelte Feministinnen, die behaupten, im Namen der Organisation Terres des Femmes zu sprechen, werfen mir bis heute Zensur vor. Freilich hatte ich weder nach dem Scheiterhaufen gerufen noch eine Bücherverbrennung verlangt. Ich wies lediglich auf den transphoben Tenor von Rowlings Tweets hin.

So hat sie sich einmal über die Formulierung „menstruierende Menschen“ lustig gemacht. Sie schrieb: „Ich bin sicher, dass es früher ein Wort für diese Menschen gab. Kann jemand helfen? „Wumben? Wimpund? Woomud?“ Offensichtlich meinte sie women, Frauen, wobei sie aber übersah, dass nicht alle Frauen menstruieren – etwa trans Frauen. Umgekehrt sind nicht alle Menschen, die menstruieren Frauen – zum Beispiel nicht binäre Menschen und trans Männer. Aber genau um diesen Aspekt ging es in dem gesundheitspolitischen Text, der der Anlass für Rowlings Tweet war. Wer inklusive Sprache lachhaft macht, muss damit leben, wenn das als unsensibel beschrieben wird.

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Dass Rowling ihre Krimis wie zuletzt „Böses Blut“ unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlicht, lässt ebenfalls nicht auf ihre Queerfreundlichkeit schließen. Denn der Psychiater Robert Galbraith Heath (1915–1999) war ein Verfechter der Konversionstherapie, deren Ziel die Umpolung von Homosexuellen ist. Rowling streitet einen Zusammenhang ab, doch dieser „Zufall“ erscheint doch mehr als unwahrscheinlich. Und was sind die in Deutschland erst seit Kurzem verbotenen und in vielen US-Staaten weiter praktizierten Konversionstherapien, wenn nicht Cancel Culture schlechthin? Darauf muss man hinweisen können.

Marsha P. Johnson engagierte sich für die Belange aller Frauen

Misgendern, Mobbing, Mord. Die Entmenschlichung fängt mit dem Wort an. So wünsche ich mir an diesem Weltfrauentag, dass weitere verantwortungsbewusste Feministinnen die Transmisogynie ernst nehmen und anprangern. Auch und gerade an diesem Tag. Ich weiß, dass es schon andere Tage wie den Christopher Street Day und Transgender-Gedenktag im Kalender gibt, an denen wir trans Frauen in den Blick rücken. Doch auch der Weltfrauentag gehört uns.

Und unsere Heldinnen wiederum gehören der Allgemeinheit. Etwa Marsha P. Johnson (1945–1992), die afroamerikanische trans Frau, die 1969 zu den Anführerinnen des Stonewall-Aufstandes in New York gehörte, der als die Geburtsstunde der LGBTQI-Bewegung gilt. Johnson war nicht nur Gay-Rights-Aktivistin, sondern sie engagierte sich auch für die sozialen Belange aller Frauen. In ihren Pumps ging sie für Gerechtigkeit auf die Barrikaden, als der Begriff „Intersektionalität“ noch nicht mal in den Kinderschuhen steckte. Die Leistungen dieser mehrfach diskriminierten Vorkämpferin wurden allerdings von Feministinnen lange ignoriert.

Heute fordern wir den Schulterschluss mit unseren Schwestern. Denn Inklusion ist die beste Impfung gegen Ungerechtigkeit. Lasst uns unsere Vielfalt als Frauen gemeinsam feiern.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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