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Tropical Islands und Museen : Wie Berliner Kultur- und Freizeitstätten den Lockdown überbrücken

Museen und Freizeitstätten sind geschlossen, viele Mitarbeiter vermissen die Besucher. Doch für manche Menschen und Tiere hat der Lockdown auch ein paar Vorteile.

Tropical Islands und Museen : Wie Berliner Kultur- und Freizeitstätten den Lockdown überbrücken

Menschenleer. Im Tropical Islands bedeuten die fehlenden Gäste vor allem Kurzarbeit für die Mitarbeiter.Matthias Möller

Tropical Islands
Die Südsee wurde trockengelegt. Der leeren, grauen Kuhle ist kein brandenburgisches Karibik-Feeling mehr abzugewinnen. Das elektronische Vogelgezwitscher fehlt, der Chlorgeruch und „das fröhliche Geschrei der Kinder“, sagt Matthias Möller.

Er arbeitet für das größte Inselimitat Europas. Das Tropical Islands liegt im Landkreis Dahme-Spreewald. In einer riesigen Halle, so groß wie acht Fußballfelder, erstrecken sich eine Badelandschaft, ein Camping-Areal, Strände, Essensstände und Apartments. Vor Corona bevölkerten mehr als 6000 Gäste zeitgleich die künstliche Insel, jetzt ist sie menschenleer. An den Essensständen sind die Jalousien heruntergelassen. Der Pommesgeruch ist verschwunden, die Planschgeräusche fehlen.

„Die Aras sind traurig“, sagt Möller. Den Papageienvögeln fehlten die Kinder, die ihnen beim Vorbeigehen Worte zum Nachplappern zuwerfen. Möller war vor einigen Tagen in der Halle. Er beobachtete, wie die Fasane sich zusammengerottet hatten, gleich neben den Flamingos. „Ich bin da kein Experte, aber das sah aus, als würden die eine kleine Konferenz abhalten“, berichtet er.

Ohnehin seien die Tiere mittlerweile öfter an Orten zu sehen, die sie früher nicht betreten hätten. Ein bisschen so, als würden sie sich die Tropen zurückerobern. Früher hatten die Fasane die meiste Zeit im Mangrovensumpf verbracht, erzählt Möller. Der sei für Besucher:innen gesperrt. Er habe die Hühnervögel nie in Gruppen, sondern immer nur alleine gesehen.

Im Tropical Islands gibt es rund 100 Tiere. Die seien alle noch da, und mit ihnen das tropische Klima, sagt Möller. Die Halle ist auf 26 Grad geheizt, mit 60 Prozent Luftfeuchtigkeit. Das ist wichtig für die Tiere und Pflanzen. Trotzdem kann man nur ahnen, was den Tieren vor Corona alles zugemutet wurde: Dauerbeschallung an 356 Tagen im Jahr, rund um die Uhr.

Jetzt kommen immer noch Gäste, allerdings viel seltener. Models und Fotografinnen, Ausstatter, Beleuchter, Make-up-Artisten und Stylistinnen. Zuletzt erreichten Möller immer wieder Anfragen von Klamottenfirmen. „Die dann wegen Corona ihrerseits wieder nicht in der Karibik die Kollektionen shooten konnten.“

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Möller hat da bislang immer gerne zugesagt, zumindest, wenn das Team nicht zu groß und alles mit Hygienekonzept geplant war. Mittlerweile seien fast alle der 500 Mitarbeiter:innen des Tropical Islands in Kurzarbeit. Mit dem Bereitstellen der Location verdiene das Erlebnisbad ein kleines zusätzliches Taschengeld. „Allerdings einen Tropfen auf den heißen Stein“, gibt Möller zu. Er darf die Namen der Labels, die schon bei ihnen fotografiert haben, nicht nennen. Das würde dann vielleicht die Budgetpläne in der Modebranche gefährden, mutmaßt er, wenn die Chefs sehen, dass es die „Südsee auch in Brandenburg gibt“.

Was allerdings auch weiterhin einen gravierenden Unterschied zum Äquator macht, ist das fehlende Sonnenlicht: Das Tropical Island hat es bislang nicht geschafft, die Sonne nachzubauen. Wenn es draußen regnet und den ganzen Tag nicht richtig hell wird, hängt ein grauer Schleier über dem aufgeschütteten Sandstrand.

Museum für Naturkunde

Das ist unter der großen Kuppel im Museum für Naturkunde anders. Da ist immer Tag, jedenfalls, wenn das Museum geöffnet hat. Jetzt ist es meistens dunkel, nur ab und zu wird das Licht angeknipst. Es dauert ein bisschen, bis das System wieder hochgefahren ist.

Langsam wird der Brachiosaurus dann immer heller, schließlich ragen 13 Meter Skelett, gut ausgeleuchtet, vor Sebastian Demtröder empor. „Das ist ein irres Gefühl, wenn man fast ganz alleine im Museum vor dem Dino steht“, sagt der 32-jährige Biologe. Er bietet Live-Führungen auf Instagram und Tiktok an. Dafür begleitet ihn ein Kameramann durch die Ausstellungsräume. Nutzer:innen können währenddessen Fragen stellen. Demtröder weiß fast immer eine Antwort.

Zuletzt hatte das Naturkundemuseum einen Wandertag auf Tiktok angeboten. 10.000 Nutzer:innen loggten sich im Laufe der Veranstaltung ein. Demtröder erklärte, dass Eisbär Knut gerade sein Winterfell verlor, als er starb, deshalb sei sein Präparat in der Leistengegend viel buschiger.

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Tiktok-Führer. Sebastian Demtröder vom Berliner Museum für Naturkunde.Screenshot Instagram @mfnberlin

Die Zuschauer:innen reagierten mit Herzen und Kussgesichter-Emoticons. Jemand kommentierte, er kenne Knut aus dem Fernsehen. Bei Bao Bao erklärte Demtröder, es gebe den Panda im Museum zweifach: Als Präparat und als Skelett. Im Chat gab es wieder Kussmünder, dann kam noch eine Frage zu Knut.

Demtröders Faszination für die Tierwelt ist ungebrochen, das bekommt man auch über das Neunmal-16-Kleinformat mit. Trotzdem vermisst er das reale Publikum. „Mir fehlen die Blicke, die mir zeigen, ob alle noch dabei sind – oder ob ich noch eine Schippe drauflegen muss.“

Zumal sich im Internet manche User plötzlich einschalten, eine Frage stellen, die eigentlich schon beantwortet wurde und dann plötzlich wieder weg sind. Demtröder vermisst die Menschen im Museum. Die Audiodatei mit Sauriergeräuschen, die in der großen Lichthalle immer von Besucherstimmen übertönt wurde, höre man jetzt in der Leere viel lauter.

Vorderasiatisches Museum

Olaf Teßmer mag leere Museumsflure, sie bedeuten, dass er seiner Arbeit ungestört nachgehen kann. Er ist Fotograf im Vorderasiatischen Museum, das im Pergamonmuseum untergebracht ist. „Früher musste ich mich immer den Öffnungszeiten anpassen, um in Ruhe und ohne Besucher ein Foto von einem Exponat machen zu können.“

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Die Exponate im Vorderasiatischen Museum stehen recht nutzlos herum.Olaf M. Teßmer

Jetzt könne er jederzeit ungestört fotografieren. Seine Kollegin Nadja Cholidis sagt am Telefon: „Wissenschaftler:innen nutzen die Zeit für gesteigerte Publikationstätigkeiten.“ Das bedeutet mehr Arbeit für Olaf Teßmer, denn er läuft durch die Ausstellung und macht Bilder von den Forschungsgegenständen, damit die Wissenschaftler:innen weiterforschen können, trotz oder gerade wegen des Lockdowns.

Teßmer fotografiert Tontafeln, Skulpturen, Steinreliefs. Die meisten sind zwischen 2000 und 4000 Jahre alt. Das ist gar nicht so einfach, er muss das Objekt von allen Seiten dokumentieren. Mit einem speziellen Verfahren belichtet er die Objekte teilweise so, dass der Betrachter anschließend wählen kann, von welcher Seite er den Lichteinfall wünscht, um die Oberflächenstruktur genau zu erkennen.

Teßmer hat ein kleines Studio im Museum, sein Lichtequipment und einen Computer für die Bearbeitung. Bevor ein Objekt fotografiert werden kann, prüfen die Restauratoren, ob das schadlos möglich ist. Wenn das abgesegnet ist, beginnt Teßmer mit den Aufnahmen. Lange tüftelt er an den Fotos. Bei ihm klingt das, wie sich manche Corona im ersten Lockdown noch kurzzeitig vorgestellt hatten: entschleunigt, ruhig und produktiv.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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