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„Totaler Schwachsinn“ : Wie Berlin die erste Nacht mit Ausgangssperre erlebt hat

Seit Beginn der Pandemie gilt zum ersten Mal auch in der Hauptstadt eine Ausgangssperre. Wie sehr halten sich die Berliner daran? Ein Rundgang durch die Stadt.

„Totaler Schwachsinn“ : Wie Berlin die erste Nacht mit Ausgangssperre erlebt hat

Die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz.Foto: picture alliance/dpa

Um Mitternacht passiert im Monbijoupark in der Mitte der Hauptstadt erstmal überhaupt nichts. Die zerstreuten Zweiergruppen, die den Abend an der Spree genießen, sitzen auch in den ersten Minuten des Sonnabends noch da, wo sie die letzten Minuten des Freitags verbracht haben. Es ist nicht viel los, trotzdem dürften alle hier im Park eigentlich gar nicht mehr draußen sein.

So besagt es die Bundes-Notbremse, die allen Regionen, deren Inzidenz eine Hundert und mehr aufweist, eine nächtliche Ausgangssperre ab 22 Uhr auferlegt. Da das Gesetz erst mit Beginn des Sonnabends in Kraft tritt, haben Nachtschwärmer am Freitagabend zwei zusätzliche Stunden gewonnen.

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Dafür, dass es nicht noch mehr Stunden werden, sorgt die Berliner Polizei. Um 0.13 Uhr biegt sie mit einem Streifenwagen in den Park gegenüber der Museumsinsel ein. Kurz hält der Wagen an, es sieht aus, als würden sich die Polizisten beratschlagen. Dann lässt der Fahrer die Scheibe runter: „Es gilt eine Ausgangssperre, können Sie bitte nach Hause gehen“, sagt er in Richtung zweier Mädchen. Auch alle anderen Gruppen werden jetzt im Park angesprochen, mehrere Jugendliche rennen weg, als sie das Polizeiauto entdecken.

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Unterdessen sind die Mädchen irritiert: „Wir haben die beiden Jungs extra schnell weggeschickt, als wir die Polizei gesehen haben. Damit es so aussieht als wären wir jeweils nur zu zweit. Aber auch das scheint ja nicht mehr erlaubt“. Die beiden weggeschickten Jungs kommen dazu. Ein Freundeskreis, der sich spontan teilte, um maßnahmenkonform im Park zu sitzen. Doch auch das hilft ab jetzt nicht mehr, schließlich gilt die Ausgangssperre.

Doch „kein Bock“ auf Polizei-Ansprache

Einer der Jungs sagt: „Ich habe echt Angst vor Corona, aber lange halte ich das nicht mehr aus. Niemand weiß, was gilt.“ Und eines der Mädchen fügt hinzu „Wir brauchen einfach eine Perspektive. Wenn die mir sagen würden, acht Wochen harter Lockdown und danach ist alles wieder gut: ich wäre sofort dabei. Aber so sieht niemand mehr durch.“

„Totaler Schwachsinn“ : Wie Berlin die erste Nacht mit Ausgangssperre erlebt hat

Berlin bleibt in der ersten Nacht der Ausgangssperre relativ leer.Foto: Julius Geiler

Als das Polizeiauto am Ende des Parks wendet und langsam zurückfährt, verabschieden sich die vier: „Ey sorry, aber kein Bock nochmal angesprochen zu werden. Tschüss!“, sagt einer der Jungs.

Ortswechsel: Schöneberg. Mittlerweile ist es 0:30 Uhr. In der Potsdamer Straße stehen zwei Prostituierte gelangweilt in der Nähe des Taxistandes, zwei weitere warten vor dem LSD in der Kurfürstenstraße auf Freier. Sonst ist es relativ leer. Vor dem Dönerladen sind drei Männer ins Gespräch vertieft, im Eingang des Rewe-Supermarktes schläft ein Obdachloser, der keine Möglichkeit hat, die nächtliche Ausgangssperre im warmen Zuhause zu verbringen.

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Auf den Straßen ist zwar recht wenig los, aber es ist weit davon entfernt, dass jedes einzelne Auto auffallen würde. Ob es insgesamt leerer ist als in den vergangenen Monaten? Schwer zu beurteilen, für jemanden, der zu der Uhrzeit allzu lange nicht mehr draußen war.

Deutlich mehr los ist am Mehringdamm in Kreuzberg. „Curry 36“ hat um Viertel nach Eins noch geöffnet. Auch vor einem geöffneten Dönerladen steht ein größerer Pulk Jugendlicher. Einer der Currywurst-Verkäufer sagt, er wusste nicht, dass die Ausgangssperre schon gelten würde.

Unabhängig davon dürfte der Laden auch mit Ausgangssperre immer aufhaben. „Um die Menschen zu versorgen, die von der Arbeit kommen oder zur Arbeit gehen“, sagt er und fügt hinzu: „Totaler Schwachsinn. Guck mal nach Österreich, die machen alles auf…“

„Totaler Schwachsinn“ : Wie Berlin die erste Nacht mit Ausgangssperre erlebt hat

Nur mancherorts sieht es auf den ersten Blick nach einer gewöhnlichen Berliner Nacht aus.Foto: Julius Geiler

Auch Berlins Drogendealer sind nachts im Lockdown

Auch ein 20-jähriger, der alleine im Vorzelt seine Pommes verzehrt, wusste nicht, dass die Ausgangssperre schon mit dem Beginn des Sonnabends in Kraft getreten ist. „Hätte ich es gewusst, wäre ich nicht hier“, sagt er. Auf die Frage, ob er sich also in Zukunft an die Beschränkungen halten will, antwortet er: „Schon, was soll man machen.“

Ringsherum sind immer wieder Vierergruppen auf der Suche nach halal-konformen Essen. Es ist Ramadan, mit Sonnenuntergang beginnt das Fastenbrechen. Währenddessen fahren zwei Mal Streifenwagen der Polizei über den Mehringdamm. Keiner hält an.

Letzter Stopp: Friedrichshain. Die Warschauer Brücke ist verwaist. Nicht mal die sonst so omnipräsenten Dealer sind zu sehen. Noch am Abend hatte ein Freund einen Screenshot von der WhatsApp-Story eines Kokstaxifahrers geschickt. „Wegen Lockdown kein Service zwischen 21-9 Uhr“, stand da. Die Dealer der Hauptstadt scheinen die Ausgangssperre noch enger auszulegen als die Bundesregierung.

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Am Boxhagener Platz hört man lautes Stimmengewirr, Lachen und Musik. Von der einen Seite des Platzes erklingt Techno, auf der anderen spielt jemand Gitarre und singt dazu. Es ist mittlerweile zwei Uhr. Vom Näheren betrachtet stellt sich heraus, dass für den Techno lediglich ein einzelner rauchender Mann mit seiner Bluetooth-Box auf einer Bank verantwortlich ist. Auch das laut Notbremse illegal, aber weit entfernt von einer Coronaparty.

Auf der anderen Seite des Platzes stimmt derweil eine Frau „Forever Young“ von Alphaville an, begleitet auf der Gitarre. Es ist eine große Gruppe, mindestens 15 Personen. Einige sprechen Englisch, andere lallen so stark, dass unklar bleibt, was ihre Muttersprache ist.

Wenig später beginnt die Frau einen neuen Song anzustimmen: „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer. Unabhängig von der Ausgangssperre dürfte es bei der Lautstärke nicht lange dauern, bis sich die ersten Anwohner in Friedrichshain beschweren.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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