Dnachrichten.de

„The Trouble with Being Born“ im Kino : Pinocchio träumt von Androiden aus Holz

Das österreichische Filmdrama „The Trouble with Being Born“ untersucht das Verhältnis von Künstlicher Intelligenz und Moral.

„The Trouble with Being Born“ im Kino : Pinocchio träumt von Androiden aus Holz

Ein Mann (Dominik Warta) trauert um sein totes Kind, Trost findet er bei einem künstlichen Wesen (Lena Watson).Foto: Eksystent

Das zehnjährige Mädchen posiert im Nachthemd vor dem Vater. „Bin ich nicht hübsch?“, fragt es kokett und nähert sich ihm hüftwackelnd. „Natürlich“, antwortet er. „Wie hübsch bin ich? Sag!“, insistiert es. „Ein Wahnsinn bist Du“, gibt er nach und zieht seiner Tochter spielerisch den Stoff über den Kopf. Sie lässt sich zu ihm auf die Couch fallen. „Sag! Nun sag schon!“, fordert sie ihn lachend heraus.

Die Szene aus „The Trouble with Being Born“, dem zweiten Spielfilm der österreichischen Regisseurin Sandra Wollner, erzeugt unwillkürlich Unbehagen. Das Verhältnis von Vater (Dominik Warta) und Tochter (Lena Watson) wirkt etwas zu vertraut, nackt liegt sie neben ihm am Pool, während er liest. „Ich weiß doch, was du magst“, sagt er einmal. Das Wasser strahlt hellblau, die Sonne bricht sich im Kameraobjektiv, die Zirpen der Grillen dominiert die Tonspur. Ein verbotenes Idyll.

An diesem Punkt im Film, etwa nach einer Viertelstunde, versteht man bereits, dass es sich bei dem Mädchen um einen Androiden handelt. Am Anfang treibt der regungslose Körper im Pool. „Was ist denn nun schon wieder?“, fragt der Vater etwas genervt und trägt das künstliche Wesen ins Haus. Es ist nur ein Glitch im System.

Die Begehren des Vaters lassen sich dennoch nicht ignorieren, auch nicht als er das Geschlechtsteil des Androiden zur Wartung reinigt. Elli lässt es über sich ergehen, sie plappert weiter. Das Objekt hat keine Moralvorstellung, das Publikum schon.

Der Tabubruch folgt keinem Kalkül

Wollner kann dessen Abwehrreaktion nachvollziehen. „Künstliche Intelligenz ist nicht befreit von einer Moral, sie basiert ja auf unserem Wertesystem“, erklärt sie im Skype- Gespräch. Die Algorithmen seien schließlich vom Mensch beeinflusst. Daraus ergibt sich für Wollner allerdings auch – völlig wertfrei – ein Problem: „Wie kann KI als Utopie funktionieren, wenn die Technologie noch auf historisch gewachsenen Denkstrukturen beruht?“

Es ist eine provokante Fragestellung, aber schnell wird klar, dass der Tabubruch in „The Trouble with Being Born“ keinem bloßen Kalkül folgt. Der Vater, erfahren wir bruchstückhaft, hat seine Tochter Jahre zuvor verloren, die Ambivalenz dieser Verlusterfahrung zeigt Wollner ohne Werturteil

„The Trouble with Being Born“ im Kino : Pinocchio träumt von Androiden aus Holz

Die österreichische Regisseurin Sandra Wollner.Foto: Eksystent

Sie interessiert an dieser „Zuspitzung“, wie sie es nennt, vor allem die unterschiedlichen Reaktionen des Publikums auf ihre Bilder. „Einen Teil lässt die Geschichte mit dem Vater und der Tochter kalt, weil klar ist, dass es sich um einen Androiden handelt. Andere kommen bis zum Schluss nicht über das pädophile Tabu hinweg.“ Dieser Gegensatz wirft ihrer Meinung nach aber die entscheidende Frage im künftigen Umgang mit KI auf: Behandeln wir künstliche Wesen wie Menschen oder sind es nur unsere Projektionen?

Erinnerungen oder programmierte Gedanken?

Die zweite Hälfte von „The Trouble with Being Born“ ist gewissermaßen die Spiegelerzählung zur Vater-Tochter-Geschichte. Wollner findet für diesen Übergang eine märchenhafte Lösung: Das androide Mädchen wandert durch den nächtlichen Wald und tritt am anderen Ende als androider Junge hervor.

Das zugeschriebene Geschlecht ändert sich, aber rudimentäre Erinnerungen, die das künstliche Wesen aus dem Off einspricht, haben den Switch überdauert: der Geruch von Sonnencreme und Zigaretten, das Gefühl schrumpliger Haut nach einem Tag am Meer, eine Fahrt nach Belgrad. Die Erinnerungen eines Kindes, die eines Erwachsenen – oder programmierte Gedanken?

In der zweiten Hälfte dringt „The Trouble with Being Born“ zu seinem eigentlichen Thema vor. „Das menschliche Bewusstsein lässt sich von Erinnerungen oder fehlenden Erinnerungen ableiten“, beschreibt Wollner ihre persönliche KI-Utopie. „Die Programmierung einer menschenähnlichen Intelligenz müsste diese Lücken – oder Fehler – ebenfalls aufweisen.”

Auch in der zweiten Episode dient der Androide als Projektion, diesmal für eine alte Frau (Ingrid Burkhard), die allein in einem Wiener Sozialbau lebt. Die Wohnung sieht aus wie ein Familienmausoleum, das Wohnzimmer ist vollgehängt mit den Bildern von Toten – auch ihres sechzig Jahre zuvor verstorbenen Bruders. Die Frau schafft sich mit dem Androiden sein Ebenbild, die Maschine nimmt die Identitäten teilnahmslos an. Die traumatische Erfahrung des Tochter-Androiden, sagt Wollner, hinterlasse beim Bruder-Androiden keinerlei Gefühlsregung.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Zwischen Science Fiction und Ulrich Seidl

Wollner nennt ihr Experiment den „Anti-Pinocchio”. In der klassischen KI-Erzählung sei die einzige Katharsis, das einzig Erstrebenswerte, dass das Objekt am Ende Mensch wird. „Ich finde dagegen die Vorstellung viel interessanter, dass die Schöpfung ein Stück unbeseeltes Holz bleibt und gar nichts Anderes möchte als das, was wir programmieren.“

Für Wollner sind diese Gedankenspiele keine Science Fiction, darum hält sie ihre Settings betont realistisch: der Bungalow in der Vorstadt, die dunkle Sozialwohnung fast wie aus einem Film von Ulrich Seidl.

„Mich hat die Grundeinsamkeit des Menschen beschäftigt. In diesem Gefühl treten plötzlich auch ambivalente Verhältnisse in den Vordergrund, die wir natürlich nie gleichsetzen würden: die verwerfliche Lust des Vaters nach seiner Tochter und die alte Frau, die um ihren Bruder trauert. Das androide Wesen macht zwischen diesen Programmierungen keinen Unterschied.“ Auch darum sind die Erinnerungen im Film so trügerisch, ihre Herkunft bleibt rätselhaft.

Um die Konstruktion von Erinnerungen ging es auch in ihrem Regiedebüt „Das unmögliche Bild“ von 2016, das in der dramatischen Form eines fingierten found footage-Films eine dunkle Familiengeschichte im Wien der fünfziger Jahre offenlegt. Schon da bewies Wollner, die ursprünglich Dokumentarfilm studiert hat, ihr Geschick im Spiel mit Realität und Fiktion. Mit „The Trouble with Being Born“, der auf der Berlinale 2020 den „Encounters“-Jurypreis gewann, hat sie sich nun endgültig als eine der interessantesten europäischen Regisseurinnen etabliert. (In fünf Berliner Kinos)

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

This website uses cookies to improve your experience. We'll assume you're ok with this, but you can opt-out if you wish. Accept Read More

Privacy & Cookies Policy