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Tausende feiern Ostern : Jerusalems Auferstehung

Nach einem Jahr der Einschränkungen und des Verzichts feiern Christen in der Altstadt in Jerusalem wieder ein fast normales Osterfest.

Tausende feiern Ostern : Jerusalems Auferstehung

Israelische und arabische Christen laufen am Karfreitag durch die Via Dolorosa.Foto: dpa

Einen derartigen Menschenauflauf hatte Jerusalems Altstadt seit vielen Monaten nicht gesehen: Hunderte Christen zogen am Karfreitag auf den Spuren Jesu durch die Via Dolorosa, Mönche in braunen Kutten, Geistliche in festlicher Tracht, lokale arabische Christen in Wind- und Lederjacken. Einige von ihnen trugen ein schweres Holzkreuz auf den Schultern bis zur Grabeskirche, dort, wo der Legende nach einst Jesus ans Kreuz geschlagen wurde.

Die blauen Masken, die die Gläubigen über Mund und Nase gespannt hatten, erinnerten allerdings daran, dass längst noch nicht Normalität eingekehrt ist in der Heiligen Stadt. Doch dass die Menschen überhaupt prozessieren können, dass sie sich in den Kirchen zur heiligen Messe versammeln und gemeinsam beten dürfen, bedeutet im Vergleich zum Vorjahr einen erheblichen Fortschritt – und für viele einheimische Christen eine große Erleichterung.

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„Es herrscht eine gewisse Zufriedenheit darüber, dass die Dinge sich verbessern“, sagt Wadie Abunassar, Berater und Sprecher der katholischen Kirche im Heiligen Land.

Über die Osterfeiertage im vergangenen Jahr galt in Israel ein strenger Lockdown, sogar die Grabeskirche blieb für Besucher geschlossen. Zwar durften begrenzte Gruppen von Geistlichen dort heilige Messen abhalten, und auch kleine Prozessionen über die Via Dolorosa fanden statt.

Doch die Zahl der Geistlichen, die daran teilnahmen, war streng begrenzt, und es galten strenge Abstandsregeln. Die meisten Christen, einheimische und ausländische, die zu gewöhnlichen Zeiten an den Feierlichkeiten teilgenommen hätten, mussten die Ereignisse zu Hause im Live-Stream verfolgen. „Für Menschen wie mich, die die Zeremonien seit ihrer Kindheit besuchen, war das schwer“, erinnert sich Abunassar.

Effektivste Impfkampagne der Welt

Dass die Kirchen in Jerusalem ihre Tore wieder öffnen und die Gläubigen sich zu großen Prozessionen versammeln dürfen, ist eine Folge der effektiven israelischen Impfkampagne gegen das Covid-19-Virus: 60 Prozent aller Israelis haben mindestens eine Dosis des Pfizer-Impfstoffs erhalten, der in dem Land vorwiegend eingesetzt wird; 55 Prozent haben bereits die zweite Spritze hinter sich und gelten damit als nahezu vollständig immunisiert. Seit einigen Wochen dürfen in Israel nicht nur die Gotteshäuser wieder öffnen, sondern auch Cafés und Restaurants, Theater und Fitnessstudios.

Von Normalität kann jedoch noch immer keine Rede sein. Zu gewöhnlichen Zeiten reisen zu Ostern Zehntausende Christen aus aller Welt ins Heilige Land, drängen sich in den engen Gassen der Jerusalemer Altstadt und warten oft viele Stunden lang auf dem Vorplatz der hoffnungslos überfüllten Grabeskirche darauf, eingelassen werden zu werden. In diesem Jahr jedoch bleiben die ausländischen Pilger fern: Israel beschränkt weiterhin stark die Einreise von Nicht-Staatsbürgern. Wann die Restriktionen aufgehoben werden, ist nicht abzusehen. „Wir gehen davon aus, dass es lange Zeit dauern wird, bis die Pilger in gewohnten Zahlen zurückkehren“, sagt Abunassar.

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Es sind überwiegend arabische Christen sowie in Israel lebende christliche Ausländer, die in diesem Jahr die Kirchen Jerusalems füllen. Doch auch sie erhalten nicht unbeschränkt Einlass: Viele Kirchen gewähren lediglich jenen Menschen Zutritt, die den sogenannten Grünen Pass vorweisen können – jenes digitale Zertifikat des israelischen Gesundheitsministeriums, das Personen erhalten, die entweder geimpft sind oder eine Covid-19-Erkrankung überstanden haben und daher ebenfalls als immunisiert gelten.

Die Entscheidung liegt in der Hand der Gotteshäuser: Alternativ können sie auf den Grünen Pass verzichten und müssen dafür die Zahl der Besucher strenger begrenzen. Die meisten Kirchen machten jedoch die Vorlage des Grünen Passes zur Einlassbedingung, berichtet Abunassar.

Zudem kann die Feiertagsstimmung höchstens zeitweise vergessen machen, dass viele lokale Kirchen und christliche Familien infolge der Coronakrise in großen finanziellen Nöten stecken. Viele Christen in Jerusalem ebenso wie in Bethlehem hatten vor der Krise im Tourismus gearbeitet. Mit dem Ausbleiben der Touristen ist ihre Einnahmequelle weggebrochen. „Dutzende Familien sind in die extreme Armut abgestürzt“, berichtet Abunassar. „Ich persönlich glaube sogar, dass es Hunderte Familien sind. Aber nicht alle berichten den Kirchen von ihren Problemen.“

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Die Kirchen täten ihrerseits Bestes, die Bedürftigen zu unterstützen. Doch auch sie litten unter der Lage. „Die Kirchen wurden auf vier Wegen getroffen“, sagt Abunassar. „Erstens gibt es fast keine Pilger. Für gewöhnlich kommen die Pilger zu den Kirchen und leisten Spenden.“

Einnahmen der Kirchen gesunken

Auch die Zuwendungen von Christen und Kirchen im Ausland sei stark eingebrochen, weil diese oft selbst mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hätten. „Es hängt von der einzelnen Kirche ab, aber wir sprechen über einen Rückgang der Spenden von 70 bis 90 Prozent“, berichtet Abunassar.

Drittens seien außerdem die Einnahmen der Kirchen stark gesunken, die sie üblicherweise über lokale Angebote generieren, beispielsweise durch Schulen, die über viele Monate hinweg ebenfalls hatten schließen müssen. Und zugleich müssten die Kirchen mehr ausgeben, um notleidende Familien zu unterstützen. „Ich kenne keine Kirche, die in einer guten finanziellen Lage ist“, sagt Abunasser.

Dass die Zahl der Neuinfizierten in Israel stetig sinkt und die Regierung den Bürgern daher mehr und mehr Freiheiten zurückgibt, sorge immerhin für einen gewissen Optimismus, fügt er hinzu. „Aber ich gehe davon aus, dass es drei Jahre dauern wird, bis wir wieder die Bedingungen von 2018, 2019 erreichen. Die Lage verbessert sich – mit dem Tempo einer Schildkröte.“

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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