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Studie über die Kosten von mehr Tierwohl : „Fünf Cent pro Mahlzeit reichen aus“

Bessere Ställe und eine gute Tierhaltung sind möglich und bezahlbar, zeigt eine neue Studie. “Es gibt kein Recht auf Billigstfleisch”, sagt Julia Klöckner.

Studie über die Kosten von mehr Tierwohl : „Fünf Cent pro Mahlzeit reichen aus“

Darf es etwas mehr sein: Schweine würden sich über bessere Ställe freuen.Foto: imago/Marius Schwarz

Drei bis vier Milliarden Euro würde es im Jahr kosten, die Haltungsbedingungen für Schweine, Mastrinder, Kühe oder Hühner hierzulande deutlich zu verbessern. Das hat das staatliche Thünen-Institut im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums errechnet. „Umgerechnet auf eine Mahlzeit wären das fünf Cent“, sagte Institutschef Folkhard Isermeyer am Montag bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Das Geld wäre nötig, um einen Umbau der Ställe zu finanzieren und die laufenden, höheren Kosten der Landwirte zu decken.

Kosten für Landwirte steigen um zehn bis 20 Prozent

„Mehr Tierwohl wird mehr Geld kosten“, betonte auch Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU). „Die Tierhalter können das nicht alleine tragen.“ Nach Schätzung des Thünen-Instituts steigen die Kosten für die Landwirte um zehn bis 20 Prozent, für Sauenhalter sogar um 25 bis 30 Prozent. Da die Bauern im internationalen Wettbewerb stehen, könnten sie solche Kostensteigerungen ohne staatliche Unterstützung nicht stemmen. Zur Gegenfinanzierung sind eine Erhöhung der Mehrwertsteuer für Fleisch, Milch, Käse oder Eier von sieben auf 19 Prozent oder eine produktbezogene Verbrauchsteuer im Gespräch.

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Stroh statt Spaltenboden: Für die Tiere ist das angenehmer.Foto: picture alliance / dpa

Basis der Reformdiskussion sind Vorschläge einer Expertenkommission unter Leitung des früheren Bundesagrarministers Jochen Borchert (CDU). Klöckner hatte mit der Kommission auf die wachsende Kritik am derzeitigen System reagiert. Nicht nur Tierschützer, auch viele Verbraucher wollen, dass Schweine, Hühner oder Kühe artgerechter gehalten werden.

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Bis 2040 sollen es alle Schweine, Kühe und Hühner deutlich besser haben

Die Borchert-Kommission plädiert dafür, dass bis zum Jahr 2040 alle Nutztiere in ihren Ställen separate Bereiche zum Schlafen, Fressen und Spielen haben sollen. Zudem soll es verschiedene Klimazonen geben, die Tiere sollen möglichst Kontakt zur Außenwelt haben. Doch noch sieht die Realität anders aus: Drei Viertel der Tiere werden gerade einmal nach den Vorgaben des gesetzlichen Mindeststandards gehalten.

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Tierische Produkte sollen teurer werden, das betrifft auch Eier.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Klöckner: Kein Recht auf Billigstfleisch

„Es gibt kein Recht auf Billigstfleisch“, meint Klöckner. Zwar solle Fleisch kein Luxusgut werden, aber die Menschen sollten weniger, dafür aber höherwertigeres Fleisch essen. Auf die Verbraucher allein will Klöckner aber nicht vertrauen. Denn obwohl die meisten Bürger in Umfragen betonen, wie wichtig ihnen das Tierwohl ist, kaufen sie im Supermarkt dann meist doch das billige Fleisch oder die No-Name-Milch aus Massenproduktion.

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Fleisch und Milch werden teurer

Der Umbau der Tierhaltung wird aber dennoch nicht ohne Folgen für die Geldbeutel der Verbraucher sein. Um bessere Ställe, geringere Tierzahlen, höherwertiges Futter oder Beschäftigungsmöglichkeiten für die Tiere zu finanzieren, werden die Menschen mehr Geld ausgeben müssen, zumindest wenn sie Fleisch, Milch oder Eier kaufen.

Zehn Euro mehr im Monat

Eine Anhebung der Mehrwertsteuer für tierische Erzeugnisse auf 19 Prozent würde Verbraucher im Monat rund zehn Euro mehr kosten, hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace ausgerechnet. Eine Tierwohlabgabe, die auf Wurst, Eier oder Butter aufgeschlagen würde, würde mit 40 bis 47 Cent pro Kilo Fleisch und zwei Cent pro Liter Milch zu Buche schlagen.

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Der Preis zählt: Die meisten Kunden kaufen Billigfleisch.Foto: dpa

Welches Modell kommt, wird derzeit intensiv zwischen den Regierungsfraktionen diskutiert. Vom Tisch scheint dagegen die dritte Idee zu sein: ein Tierwohl-Soli, der alle Steuerzahler, auch Veganer, treffen würde. Das sei politisch nicht mehrheitsfähig, meint Klöckner.

Was auf die Landwirte zukommt

Die Landwirte müssten „durch Druck und Sog auf den gesellschaftlich gewünschten Pfad geleitet werden“, schlägt Gutachter Isermeyer vor. Bis 2030 soll die Stufe 0 der Tierhaltung verboten werden, das ist die Stufe mit den derzeit geltenden Mindeststandards. 2040 soll dann auch die Stufe eins nicht mehr erlaubt werden, die leichte Verbesserungen im Rahmen der bestehenden Ställe vorsieht. Um die Haltungsstufen zwei oder die von der Borchert-Kommission propagierte Höchststufe drei zu erreichen, bräuchten die meisten Bauern neue Ställe, gibt Borchert zu bedenken.

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Kein Recht auf Billigstfleisch: Bundesagrarministerin Julia Klöckner will, dass die Menschen weniger, aber besseres Fleisch essen.Foto: imago images/photothek

Für die Landwirte sind das große Investitionen. In vielen Betrieben steht zudem jetzt ein Generationenwechsel an. Die Investitionen in das Tierwohl werden mit der Frage, ob und wie der Hof weitergeführt wird, verknüpft. Um den Bauern Sicherheit für ihre Investitionen zu geben, sollen sie mit der Bundesregierung Verträge schließen, die über die Legislaturperiode hinaus Bestand haben sollen, kündigte Klöckner an. Derzeit können Förderungen nach EU-Recht maximal für sieben Jahre garantiert werden, die Bundesregierung verhandelt in Brüssel nun über längere Zeiträume.

Warum schärfere Gesetze nicht helfen

Einig sind sich Klöckner und die Regierungsexperten darin, dass schärfere Tierschutzgesetze zumindest kurzfristig keine Lösung wären. Das Problem: Nach EU-Recht dürfte der Staat den Landwirten dann keine Prämien für Investitionen in mehr Tierwohl zahlen, denn nur das, was über die gesetzlichen Vorgaben hinausgeht, ist förderfähig. “Sie werden ja auch nicht dafür belohnt, dass Sie an einer roten Ampel halten”, sagt Klöckner. Praktisch würden schärfere Gesetze dafür sorgen, dass Landwirte im internationalen Wettbewerb nicht mehr mithalten könnten und große Teile der Nutztierhaltung in Deutschland verschwänden, warnt die Ministerin.

Staatliches Tierwohlsiegel soll kommen

Die Reform der Nutztierhaltung könnte dazu führen, dass ein Lieblingsprojekt der Ministerin, das staatliche Tierwohllabel, vielleicht doch noch eine Chance bekommt. “Ohne Kennzeichnung wird es keine Akzeptanz geben”, meint Klöckner mit Blick auf mehr Tierwohl in den Ställen. Wegen Konflikten mit dem EU-Recht soll das Siegel zwar weiterhin freiwillig bleiben, betont die Ministerin, allerdings müssten Landwirte, die vom Staat Geld für mehr Tierwohl bekommen, das Label verwenden, um ihre Anstrengungen zu belegen.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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