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Seit dreieinhalb Monaten ruht der Fußball : So geht es Berliner Amateurklubs in der langen Coronavirus-Pause

Wir haben bei Tennis Borussia, dem SC Staaken und dem SV Empor nachgefragt, wie derzeit die Lage ist. Mit überraschenden Ergebnissen.

Seit dreieinhalb Monaten ruht der Fußball : So geht es Berliner Amateurklubs in der langen Coronavirus-Pause

Die Spieler von Tennis Borussia (hier vor der Aufnahme des Mannschaftsbildes im Sommer) müssen sich weiter gedulden.Foto: imago images/Matthias Koch

Seit dreieinhalb Monaten rollt wegen der Coronavirus-Pandemie in Berlin und Umgebung kein Ball im Amateurfußball. Wann es wieder losgeht, ist offen. Der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) hat unlängst in einem Brief um Unterstützung bei den zuständigen Ministerien der Länder gebeten. „Die Antworten stehen noch aus“, sagt NOFV-Geschäftsführer Holger Fuchs.

Beim Berliner Fußball-Verband heißt es, dass nun zunächst die Ergebnisse des Bund-Länder-Gipfels vom Mittwoch ausgewertet werden. Wie sieht es derzeit bei Berliner Vereinen aus? Wir haben uns bei drei Klubs aus der Regional-, Ober- und Berlin-Liga umgehört.

Doppelter Druck für Tennis Borussia

Günter Brombosch ist dieser Tage häufiger am Mommsenstadion. Es gibt schließlich einiges zu tun mit Blick auf die neue Saison. „Herrlich weiß“ sei es da draußen, erzählt er. Die Kinder tummeln sich auf dem neuen Spielplatz am Stadion, der Rasen ist mit 20 Zentimeter Schnee bedeckt. Eine echte Winteridylle.

Manchmal hat Schnee auch etwas Tröstliches. Selbst ohne Corona und Lockdown wäre an Fußball im Mommsenstadion derzeit nicht zu denken. Aber irgendwann wird der Schnee wieder verschwunden sein. Fußball spielen wird der Berliner Regionalligist Tennis Borussia dann aller Voraussicht nach immer noch nicht können. Oder dürfen.

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„Die Ungewissheit ist groß“, sagt Brombosch, der Vorstandsvorsitzende des Klubs. An diesem Freitag werden sich die 20 Nordost-Regionalligisten zu einer Videokonferenz zusammenschalten, um über die Fortführung der Saison zu beraten. Bei den Runden der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten zur Coronakrise dürfte es im Vergleich dazu so friedlich zugehen wie bei einem Weihnachtsgottesdienst. „Es ist schwierig, allen gerecht zu werden“, ahnt Brombosch.

Die Regionalliga ist die Schnittstelle zwischen Profi- und Freizeitfußball. Keine andere Spielklasse ist so heterogen. Im Nordosten gibt es Dorfvereine mit lokal verwurzelten Mäzenen, Investorenklubs mit hohen Zielen, die U 23 von Bundesligist Hertha BSC und jede Menge Tradition aus West, vor allem aber Ost.

Bei Tennis Borussia ist die aktuelle Situation gleich doppelt belastend, sowohl sportlich wie auch finanziell. Da ist der Klub in hohem Maße von Zuschauereinnahmen abhängig. Die Aussicht auf Geisterspiele bis zum Saisonende gefällt TeBe daher ebenso wenig wie dem BFC Dynamo vom anderen Ende der Stadt.

Seit dreieinhalb Monaten ruht der Fußball : So geht es Berliner Amateurklubs in der langen Coronavirus-Pause

TeBe-Fans in großer Zahl bei einem Auswärtsspiel. Bis es solche Bilder wieder geben wird, wird noch dauern.Foto: imago images / Matthias Koch

Und doch ist Vereinschef Brombosch vorsichtig optimistisch. Trotz der erheblichen Mindereinnahmen glaubt er „ohne größeren finanziellen Schaden durch die Saison kommen“ zu können. Aktuell läuft es auf eine rote Null hinaus.

Wie es sportlich ausgeht, ist eine ganz andere Frage: Mit neun Punkten liegt der Aufsteiger auf dem vorletzten Tabellenplatz, allerdings hat er auch erst zehn Spiele bestritten, deutlich weniger als die unmittelbare Konkurrenz. Keine Mannschaft pausiert länger als TeBe. Als wegen des Lockdowns der Spielbetrieb eingestellt wurde, hatte das Team gerade zwei Wochen Quarantäne hinter sich.

Seit dem 4. Januar trainiert Tennis Borussia wieder, „weil wir optimistisch waren“, wie Brombosch sagt. Optimistisch, dass es im Februar weiter geht. Jetzt dürfte es Mitte, Ende März werden. Für TeBe heißt das: viele Spiele, viel Druck, um es über den Strich zu schaffen.

Vor allem wenn es bei einer einfachen Runde bleibt. Sollte es doch wieder, wie in der vorigen Saison, eine Quotientenregel geben, „dann blieben wir drin“, sagt Günter Brombosch. Er hat das schon mal ausgerechnet. „Man muss ja vorbereitet sein.“

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Staakens Lukas Kohlmann (re.) im Zweikampf mit Peterson Appiah vom Greifswalder FC.Foto: Imago/Leo

Neue Ziele beim SC Staaken

Einmal die Woche sehen sich die Spieler des SC Staaken – virtuell. Da werden per Videokonferenz individuell und doch irgendwie gemeinsam Kraft- oder Stabilisationsübungen absolviert und zur Auflockerung gibt es kleine Wettbewerbe.

Zum Beispiel, so oft wie möglich den Ball mit dem Fuß zu jonglieren. Was auf dem im Vergleich zum Sportplatz sehr kleinen Raum eines Arbeits- oder Wohnzimmers eine echte Herausforderung ist. „Da sieht man, wer mit dem Ball umgehen kann“, sagt Trainer Jeffrey Seitz. Der Humor und die Lust auf Fußball ist trotz der langen Zwangspause nicht verloren gegangen.

„Die Motivation ist nach wie vor sehr hoch“, sagt Seitz. Was sicher auch daran liegt, dass die Mannschaft bis zur Unterbrechung hervorragend aufgetreten ist. Sie liegt auf Rang drei, fünf Punkte hinter Oberliga-Spitzenreiter SV Tasmania, aber mit einem Spiel weniger.

Seitz rechnet mit der Fortsetzung des Spielbetriebs nicht vor Mitte oder Ende April, „aber das würde ja reichen, um eine einfache Runde zu Ende zu spielen. Wir wollen an unsere bisherigen Leistungen anknüpfen. Daher arbeiten wir jetzt fleißig“, sagt der 36-Jährige. So gut es eben ohne richtiges Training geht.

Auch hinter den Kulissen wird eifrig gearbeitet. „Wir planen zweigleisig, für die Oberliga und die Regionalliga“, sagt der erste Vorsitzende Klaus Dieter Krebs. Bis zum 5. März ist Zeit, die Unterlagen für die höhere Spielklasse einzureichen. Im Herbst hatte es geheißen, dass die Regionalliga weder finanziell noch von der Infrastruktur machbar sei.

Nun sagt Krebs: „Die Mannschaft spielt eine tolle Saison, repräsentiert unseren Verein sehr gut nach außen. Wir werden alles dafür tun, dass sie aufsteigen kann, wenn es sportlich reicht. Alles andere wäre dem Team gegenüber unfair.“

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Vor allem in Sachen Spielstätte sind viele Fragen offen. Der Kunstrasenplatz im Sportpark Staaken ist zu klein, das Flutlicht nicht ausreichend und überdachte Sitzplätze gibt es auch nicht. „Wir sind mit dem Bezirksamt und der Politik in guten Gesprächen“, sagt Krebs.

Es muss ausgelotet werden, ob beispielsweise das Helmut-Schleusener-Stadion regionalligatauglich gemacht werden könnte. Oder welche Ausweichmöglichkeiten es gäbe. Klar ist, dass der Klub nicht zu weit aus Spandau wegziehen will.

Die Favoritenrolle lassen Staakens Verantwortliche gern bei Tasmania, ein Muss ist der Aufstieg keinesfalls. „Aber wir nehmen die Herausforderung beim Thema Regionalliga an. Dabei bleiben wir der familiäre Verein, der wir sind“, sagt Krebs.

Einen Schub durch die neuen Ziele verspricht sich der Vorsitzende auch auf anderer Ebene. Zuletzt hat er wegen der Pandemie eine gewisse Stagnation im Klub ausgemacht: „Man sieht sich nicht mehr, hat keinen direkten Kontakt, da ist einiges ein bisschen eingeschlafen. Aber wir wollen uns immer weiterentwickeln.“ Das sieht Seitz genauso. Er hat die Mannschaft 2016 in der Berlin-Liga übernommen, stieg mit ihr sofort auf und hat sie in der Oberliga etabliert. Seitz hat seinen Vertrag kürzlich verlängert – erstmals um zwei Jahre.

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Empors Trainer Nils Kohlschmidt.Foto: SV Empor

Mit dem SV Empor in Europa unterwegs

Beim SV Empor sind sie in den vergangenen Wochen gut rumgekommen. In Skandinavien waren sie ebenso wie in den Alpen und am südwestlichsten Punkt Europas. Jedenfalls in der Theorie. Im Rahmen einer aufwändig ausgearbeiteten „Lockdown-Challenge“, die zuletzt drei Wochen lang für viel Abwechslung in der fußballlosen Zeit gesorgt hat.

Das Jahr 2020 ist vor einigen Wochen gegangen, das Jahr 2021 kam – aber geändert hatte sich nichts: Coronavirus, Lockdown, und keine Aussicht auf schnelle Veränderungen zum Besseren. Dieses Gefühl überkam auch Nils Kohlschmidt. Er wollte etwas dagegen tun.

Für sich, aber vor allem für den SV Empor, der in der Fußballabteilung 1100 Mitglieder hat. Kohlschmidt ist Trainer der ersten Männermannschaft in der Berlin-Liga und im Vorstand tätig. Ein paar Tage später ging eine Mail zum Thema „Lockdown-Challenge“ an die Kapitäne der einzelnen Mannschaften von Empor raus. „Als nicht sofort Rückmeldungen kamen, waren wir skeptisch“, sagt Kohlschmidt. Hatte etwa keiner Lust, mitzumachen? Dann gab es in wenigen Tagen Anmeldungen von 21 Mannschaften aus allen Bereichen – Frauen, Männer, Senioren, Jugend. Die Skepsis wich der Freude über die große Resonanz.

Jede Mannschaft konnte in verschiedenen Disziplinen Punkte sammeln. Zum einen durch Joggen. Insgesamt sind so mehr als 12 000 Kilometer zusammengekommen. Das Organisationsteam um Kohlschmidt bereitete die zurückgelegte Strecke in Zwischenstand-Mails als gedankliche Europareise auf: Von Berlin bis hoch nach Norwegen und dann gen Süden bis Portugal.

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Die erste Männermannschaft des SV Empor (hier Mittelfeldspieler Jan Dietrich) belegte bei der “Lockdown-Challenge” Platz fünf.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Dazu kam ein Quiz-Teil. „Da haben wir den Aufwand unterschätzt und sind an die Grenzen des Ehrenamtes gelangt“, sagt Kohlschmidt. Doch der Ehrgeiz war geweckt. Auf beiden Seiten: Mehr als 100 Fragen haben der 31-Jährige und seine Mitstreiter ausgetüftelt – und die Mannschaften fragten öfter nach, wann endlich mit neuen Aufgaben zu rechnen sei. Die Historie des Vereins war ebenso Thema wie eine Frage nach den in allen vier Himmelsrichtungen am weitesten draußen liegenden Fußballplätzen Berlins.

„Das Herz aufgegangen ist uns beim dritten Teil“, sagt Kohlschmidt. Kreativität war gefragt, etwa beim Verfassen von Gedichten zum Verein oder einer Empor-Hymne. Eine ist so gut, dass überlegt wird, diese zur offiziellen Hymne zu machen. Außerdem hat die 3. B-Jugend in vielen Stunden Arbeit im Videospiel Minecraft den Jahnsportpark nachgebaut.

Dieses Team hat die Gesamtwertung auch knapp vor der Frauenmannschaft und der 1. A-Jugend gewonnen. Neben Preisen für die ersten drei bekommen alle ein T-Shirt. Aber in erster Linie ging es darum, in einer Zeit ohne richtiges Vereinsleben das Motto des Klubs zu leben: Es lautet „Gemeinsam Empor“. Eines bleibt trotz des großen Erfolges der Aktion jedoch klar: „Der Ball fehlt uns allen“, sagt Kohlschmidt.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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