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Sarah Wagenknecht, Frank Schätzing und mehr : Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Einmal monatlich bespricht der Literaturkritiker die „Spiegel“-Bestsellerliste – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“. Diesmal: die Rubrik Sachbuch.

Sarah Wagenknecht, Frank Schätzing und mehr : Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Der Literaturkritiker Denis Scheck.Foto: picture alliance / Rolf Vennenbernd / dpa

10)  Marc Friedrich: „Die größte Chance aller Zeiten“ (Finanzbuch, 384 Seiten, 22 €)

Früher standen Apokalyptiker wie Marc Friedrich mit ihren „Das-Ende-ist-nah!“-Schildern in Fußgängerzonen, heute nennen sie sich „Anlageberater“ und empfehlen Bitcoin-Investments. Mir ist offen gestanden unerfindlich, wie man in Gelddingen einem Menschen vertrauen kann, dessen hysterische „Jede Krise ist eine Chance“-Mantras von einem Verstand wie ein Vogelkäfig künden.

9) Sylvain Tesson: „Der Schneeleopard“ (Deutsch von Nicolas Denis, Rowohlt, 192 S. 20 €)

Ein Schriftsteller und ein Naturfotograf reisen nach Tibet, um eines der scheuesten und seltensten Tiere der Welt zu finden. Natürlich geht es dabei mehr um die Begegnung mit sich selbst als um die Begegnung mit dem Leoparden. Brillantes Nature Writing aus Frankreich.

8) Horst Lichter: „Ich bin dann mal still“ (Knaur, 208 S. 18 €)

Horst Lichter ist ein grundsympathischer Schwaderlapp. Aber der mit Hilfe von Till Hoheneder auf Buchlänge ausgewalzte Bericht über acht Tage in einem Schweigekloster und seinen Versuch, innere Ruhe trotz zunehmenden Erfolgs seiner Sendung „Bares für Rares“ zu finden, hätte die Welt nicht gebraucht.

7)  Robert Marc Lehmann: „Mission Erde“ (Ludwig, 368 S., 24 €)

Im Auftrag eines US-Fernsehsenders stürzen sich einige selbsternannte Umweltaktivisten in den weltweiten Kampf gegen Dynamitfischer, illegale Tierhändler und Brandroder – natürlich alles vor laufenden Kameras. Ich weiß nicht, was widerlicher an diesem Buch ist: die Ergriffenheit ob der eigenen moralischen Überlegenheit, der martialische Ton, in dem das erzählt wird, oder der dreiste Narzissmus, der das ausgestellte Engagement bei weitem überwiegt.

6) Dr. med Anne Fleck: „Energy“ (DTV, 432 S., 25 €)

Die Ärztin Anne Fleck hat sich ein besonders perfides Geschäftsmodell zurechtgelegt: Sie möchte Menschen mit dem Symptom „Energiemangel“ heilen. Nichts an diesen Tipps für ein besseres Immunsystem, eine gestärkte Verdauung, besseren Schlaf und so weiter ist falsch. Und dennoch hat mich dieser überflüssige Ratgeber für erfundene Krankheiten enorm ermüdet.

5) Richard David Precht: „Von der Pflicht“ (Goldmann, 176 S., 28 €)

Zwei verpflichtende „Gesellschaftsjahre“, eines für Jugendliche, eines für Rentner, schlägt Precht in seinem neuen Buch zur „Erfahrung von Selbstwirksamkeit“ vor. In der DDR nannte man solche Eingliederungsmaßnahmen für Nonkonformisten „Bewährung in der Produktion“. In Erinnerung an die anderthalb Jahre, die mir der deutsche Staat unter dem Namen „Zivildienst“ raubte, schlage ich vor, Philosophen, die solche staatlichen Zwangsbeglückungsmaßnahmen vorschlagen, zu Liberalismus-Studien nicht unter zwei Jahren zu vergattern.

4) Mai Thi Nguyen-Kim „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ (Droemer, 368 S., 20 €)

Warum verdienen Frauen weniger als Männer? Ist „Alternativmedizin“ Scharlatanerie? Sollte es eine Impfpflicht geben? Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim erklärt am Beispiel von acht Themenfeldern zwar mitunter ein bisschen zu flapsig, aber überzeugend den Unterschied zwischen Fakten, Fiktionen und Interpretationen.

3) Frank Schätzing: „Was, wenn wir einfach die Welt retten?“ (Kiepenheuer & Witrsch, 336 S., 20 €)

Schätzings neues Buch provoziert zur deutschesten aller Fragen: Darf der das? Als gewiefter Thriller-Autor ein spannendes, verständliches und zur Änderung unserer Routinen motivierendes Sachbuch über den Klimawandel schreiben? Frank Schätzing darf das. Der kann das nämlich.

2) Sahra Wagenknecht: „Die Selbstgerechten“ (Campus, 345 S,, 24,95)

Sahra Wagenknecht beschreibt mit schöner satirischer Schärfe ein neues juste milieu: In ihrem Beharren auf Diversität, Antirassismus, Cancel Culture und eine lockere Einwanderungspolitik propagiert die Lifestyle-Linke die Entsolidarisierung mit dem unteren Drittel unserer Gesellschaft und zieht statt Gesellschaftsanalyse die Denunziation Andersdenkender und der Vergangenheit vor. Selten habe ich mich beim Lesen eines Politikerbuchs mehr amüsiert.

1) Ferdinand von Schirach: „Jeder Mensch“ (Luchterhand, 32 S., 5€)

Eine von Ferdinand von Schirach initiierte Online-Petition soll die 2009 verabschiedete Charta der Grundrechte der Europäischen Union um sechs Artikel ergänzen, die unsere Rechte auf eine gesunde Umwelt, digitale Selbstbestimmung, Einhaltung der Menschenrechte in der Globalisierung, Grundrechtsklage vor europäischen Gerichten und Schutz vor uns ausforschenden Algorithmen fixieren. Auch wenn ich nicht glaube, daß etwa Artikel 4 mit seiner Forderung „Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen“ den politischen Alltagstest bestehen würde: Schirachs Initiative ist eine gute Sache wie alles, was das Engagement für die Europäische Union fördert.

 

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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