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Philipp Köster über das Coming-Out im Fußball : „Philipp Lahm hat einfach nicht weitergedacht“

Chefredakteur Philipp Köster spricht über den 11-Freunde-Appell zum Coming-Out von Profis, Homosexualität im Fußball und die Aussagen von Philipp Lahm.

Philipp Köster über das Coming-Out im Fußball : „Philipp Lahm hat einfach nicht weitergedacht“

Ihr könnt auf uns zählen. Das neue 11-Freunde-Heft will das Thema Homosexualität und Fußball wieder verstärkt in den Fokus rücken.Foto: 11Freunde

Herr Köster, im neuen 11-Freunde-Heft haben 800 Profis homosexuellen Kollegen ihre Unterstützung bei einem Coming-Out zugesichert. Wie sind Sie auf die Idee für eine solche Aktion gekommen?
Wir haben Ende letzten Jahres in der Redaktion zusammengesessen und festgestellt, dass seit dem Outing von Thomas Hitzlsperger 2014 ziemlich wenig passiert ist. Man hat ja gedacht, das sei nun der Beginn einer größeren Welle von offenerem Umgang mit Homosexualität, von Coming-Outs. Stattdessen herrschte Stillstand, Stagnation. Deshalb haben wir uns gefragt, was wir dagegen eigentlich tun können und kamen auf die Idee, einmal radikal die Perspektive zu wechseln. Also weg vom Druck auf homosexuelle Profis, doch mal endlich die Courage zu haben und ein Coming-out zu wagen. Hin zu denen, die dafür verantwortlich sind, ein sicheres Umfeld zu schaffen.

Wie lange hat es von der ersten Idee bis zur Umsetzung gedauert?
Etwa drei Monate. Die Erklärung haben wir relativ früh formuliert, sind dann aber erst einmal an ein paar Gewährsmänner der Liga herangetreten und haben vorgefühlt, ob dieses Bekenntnis zu offensiv oder missverständlich ist. Nach diesem ersten Lackmustest haben wir dann rasch die Klubs angeschrieben mit dem Wunsch, dass sich Spielerinnen und Spieler äußern. Am Ende ist die Liste der Unterzeichner ziemlich heterogen geworden. Neben Profis sind auch viele Vereinsvertreter dabei. Wir wollten natürlich nicht unter den Tisch fallen lassen, wenn sich Funktionäre wie Dortmunds Aki Watzke oder Oke Göttlich vom FC St. Pauli anschließen.

Was versprechen Sie sich als Fußballmagazin davon? Glauben Sie, dass sich wegen der Veröffentlichung jetzt eher ein männlicher Profi outet?
Das ist nicht unser Ziel. Es ging es eher darum, ein paar Klischees zu widerlegen, die immer noch kursieren. Denn wenn einem schwulen Profi von einem Coming-Out abgeraten wird, werden immer drei Sachen gesagt: die negative Reaktion der Fans, Schlagzeilen der Medien und Anfeindungen in der Kabine. Es wird in Zukunft schwerer fallen zu sagen, dass der gesamte Fußball homophob ist, wenn 800 Profis ausdrücklich Unterstützung und Solidarität versichern.  

Philipp Lahm hat praktisch zeitgleich mit Ihrer Aktion von einem Coming-Out während der Profikarriere abgeraten. Was möchten Sie ihm entgegnen?
Ich glaube, dass Philipp Lahm tatsächlich Befürchtungen angesprochen hat, die viele in den letzten Jahren hatten. Und fairerweise gehört zum Bild dazu, dass sein Buch vor unserer Aktion in den Druck gegangen ist, die Statements der Kollegen lagen ihm nicht vor. Gleichzeitig hätte man sich aber gewünscht, dass er nicht nur den Status Quo im Profifußball so pessimistisch beschreibt. Denn er ist ja nicht nur Beobachter, sondern einer, der als OK-Chef der EM 2024 und DFB-Präsidiumsmitglied handeln kann. Klar, was er sagt, ist keine komplett falsche Zustandsbeschreibung, aber es ist ein bisschen denkfaul, was die Konsequenzen daraus angeht.

Lahms Aussagen wurden heftig kritisiert. Ist die Empörung gerechtfertigt?
Man muss Philipp Lahm jetzt nicht als Lordsiegelbewahrer alter Zustände schelten. Ihm ist nur zum Verhängnis geworden, dass es zeitgleich diese Aktion der 800 Profis gibt. Aber dieses Bekenntnis ist auch keine Widerlegung von Lahm. Er hat womöglich einfach nicht weitergedacht oder seinen Einfluss bei diesem Thema für zu gering erachtet. Trotzdem bekommt er die Prügel eher unverdient. Es gibt andere Leute, die deutlich strukturkonservativer sind als er.

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Ist der Fußball womöglich längst weiter, als Lahm glaubt?
Ich würde den Fußball gern als liberaler bezeichnen, als er derzeit wirkt. Es gibt ganz unterschiedliche Entwicklungen, die parallel den Fußball prägen. In den Klubs gibt es längst viele Leute, die aufgeklärt, fortschrittlich und emanzipiert denken. Es gibt zudem viele Spieler, für die Homosexualität längst etwas völlig normales ist. Daneben wird es aber auch noch viele geben, die da eher unreflektiert sind und gern alte Zustände konservieren. Was dazu führt, dass es wahrscheinlich nicht achselzuckend hingenommen werden würde, wenn jemand ein Coming-Out wagen würde. Der Fußball transportiert immer noch ein antiquiertes Männerbild vom unerschrockenen tapferen Krieger, der auf den Platz kommt und im Anblick der Gefahr trotzdem souverän bleibt. Das ist anders als in der Kulturszene, wo es vielfältigere Bilder von Männlichkeit gibt. Aber an den Fußball wird auch eine etwas andere Messlatte angelegt, weil er als Seismograph gesellschaftlicher Veränderungen gilt.

Welche Herausforderungen und Risiken sehen Sie persönlich bei einem Outing?
Das ist sehr ambivalent. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die ersten, die ein Coming-Out wagen, eine positive Rezeption erfahren. Weil alle Leute sagen würden: Wow, die sind mutig, die brechen das Tabu. Nicht ganz klar ist, was passiert, wenn der Profi dann keine Leistung bringt, ob die Stimmung dann womöglich kippt. Ich würde es deshalb nicht ausschließen, dass es zu Schmähungen kommt. Aber das Armageddon, das immer heraufbeschworen wurde, wird nicht eintreten. Wobei ich es einem 20-Jährigen, der am Anfang seiner Karriere steht, jetzt auch nicht raten würde, voranzugehen. Und es wäre prinzipiell ratsam, wenn mehrere zusammen an die Öffentlichkeit gehen würden, damit die Last nicht auf den Schultern eines Einzelnen liegt.

Spielerinnen gehen mit dem Thema offener um. Worauf lässt sich das zurückführen?
Es gibt im Frauenfußball ein offeneres Milieu. Das liegt auch daran, dass es lange Zeit das Klischee gab, dass Frauen, die Fußball spielen, per es lesbisch sein müssen. Von „Mannweibern“ war da ja bösartig die Rede. Ich glaube, dass es daher eine Art Trotzreaktion gab. Weil die Spielerinnen viel häufiger mit derlei dämlichem Geplapper konfrontiert wurden und zwangsweise einen offeneren Umgang damit pflegten. Das ist heute von Vorteil, weil es zeigt, wie normal und entspannt alles sein könnte. Insofern kann der Männerfußball da vom Frauenfußball lernen..

Philipp Köster über das Coming-Out im Fußball : „Philipp Lahm hat einfach nicht weitergedacht“

Max Kruse hat Philipp Köster besonders beeindruckt.Foto: 11Freunde

Wie waren die Reaktionen auf die 11-Freunde-Aktion bisher?
Nahezu ausnahmslos positiv. Auch der DFB hat sich der Aktion angeschlossen, Medien, Fans und unzählige Sportvereine. Wir haben außerdem gesehen, dass sich viele Spieler für ihre Botschaften wirklich Gedanken gemacht haben. Das hat mir mit am besten gefallen.

Gab es auch Vereine, die sich komplett verweigert haben?
Der FC Bayern ist nicht dabei, Bayer Leverkusen ist nicht dabei und auch der SV Sandhausen nicht. Dafür gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Ich warne aber vor dem Zirkelschluss, dass die, die jetzt nicht mitgemacht haben, die Sache nicht unterstützen.

Welcher Spieler oder welches Verhalten hat Sie bei der ganzen Aktion am meisten erstaunt?
Ich fand Max Kruse besonders beeindruckend. Nicht nur, weil er gleich gesagt hat, dass er dabei ist und auch als Titelfigur zur Verfügung stand. Sondern weil das ja eigentlich einer ist, der als Lebemann gilt, als Pokerspieler und Bruder Leichtfuß. Dass er das jetzt aber so entschieden unterstützt und deutliche Worte gefunden hat, war großartig.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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