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Opfer lagen unentdeckt in ihren Zimmern von Potsdamer Wohnheim

Opfer lagen unentdeckt in ihren Zimmern von Potsdamer Wohnheim

Ermittler der Spurensicherung untersuchen ein Bewohner-Zimmer. Es ist einer der Tatorte im 3. Stock des Thusnelda-von-Saldern-Hauses
Foto: Olaf Selchow

20 Jahre lang kümmerte sich Ines R. (51) als Pflegehelferin des Oberlinhauses um die ihr anvertrauten Menschen mit Behinderungen. Junge und alte, die nach Unfällen oder von Geburt an Hilfe brauchten. Ihre Hilfe.
Bis zum Mittwochabend.

Von A. Lier, D. Böttger, L. Zander, T. Biermann, A. Geray, M. Lukaschewitsch, J. Bergmann, P. Wilke, M. Sauerbier, M. Rabie, C. Cakar und Y. Yavuz

Offenbar während ihres Dienstes soll sich die Pflegehelferin ein Messer genommen, zwei Männern und zwei Frauen (31, 35, 42 und 56 Jahre) die Kehlen durchtrennt haben. Ein fünftes Opfer wurde schwer verletzt. Die Frau überlebte die Attacke nur knapp.

Opfer lagen unentdeckt in ihren Zimmern von Potsdamer Wohnheim

Auch die Bushaltestellen vor der Einrichtung wurden nach der Tatwaffe abgesucht (Foto: Soeren Stache/dpa)

Unfassbar: Nach der Tat setzte sich Ines R. ins Auto, fuhr von der Diakonie-Einrichtung an der Babelsberger Rudolf-Breitscheid-Straße in ihr 5 Kilometer entferntes Haus – und erzählte ihrem Mann, was sie getan hatte! Der Ehemann alarmierte gegen 21.15 Uhr die Polizei.

Sofort fuhr eine Streife zum Thusnelda-von-Saldern-Haus der Oberlin-Stiftung. Ermittler fanden die Opfer in mehreren Räumen der 3. Etage. Jedes lag in seinem eigenen Zimmer.

Bis dahin hatte niemand die Tragödie bemerkt. Vermutlich war Ines R. an dem Abend alleine für ihre Schützlinge verantwortlich. Auch die Tatwaffe wurde noch nicht gefunden.

Opfer lagen unentdeckt in ihren Zimmern von Potsdamer Wohnheim

Polizisten suchen in den Straßen um den Tatort nach der Waffe. Das Messer wurde noch nicht gefunden (Foto: EPA)

„Die Tatverdächtige wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Wilfried Lehmann (59). „Zum Motiv haben wir noch keine Erkenntnisse.“

Wie konnte die Helferin plötzlich zur Mörderin werden?

Ines R. schweigt zur Tat. Menschen, die sie kennen, beschreiben sie als starke Frau. Zusammen mit ihrem Mann Timo, der als Hausmeister arbeitet, zog sie zwei Söhne groß. Ihr jüngster arbeitete an einer Tankstelle, der älteste ist schwerstbehindert.

„Er ist Autist, lebt auch in der diakonischen Einrichtung“, so eine Nachbarin. „Ich habe Ines immer bewundert, wie sie das alles schafft. Die Altenpflege und dann das mit ihrem Sohn“, sagt die Frau.

Opfer lagen unentdeckt in ihren Zimmern von Potsdamer Wohnheim

Mordermittler bringen Kisten und Tüten mit möglichen Beweisen aus dem Haus zur Untersuchung (Foto: spreepicture)

Wie B.Z. erfuhr, soll Ines R. seit ihrer Jugend Psychopharmaka einnehmen. Zudem ist sie polizeibekannt: 2013 kassierte die Pflegehelferin eine Anzeige wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz, 2015 wurde sie beim Klauen in einem Getränkemarkt erwischt.

Die Opfer kannte sie seit Jahren. „Es waren langjährige Bewohner. Zwei von ihnen haben seit ihrer Kindheit hier gelebt“, sagte Tina Mäueler, Bereichsleiterin Wohnen in den Oberlin Lebenswelten.

Ihr Team musste den Angehörigen die schreckliche Nachricht überbringen. Eine Hinterbliebene zur B.Z.: „Sie haben mir gesagt, dass meine Tante unter den Opfern ist. Sie war erst 42, hatte vor acht Jahren einen schweren Autounfall, bei dem sie schwere Hirnschäden erlitt.“

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Mehrere Rettungswagen-Besatzungen und Notarzt-Teams waren an der Diakonie-Einrichtung im Einsatz, Seelsorger betreuten Bewohner und Angestellte (Foto: spreepicture)

Beamte suchten am Donnerstag mehrere Stunden lang das Gelände und die umliegenden Straßen nach der Tatwaffe ab. Auch das Einfamilienhaus der R.’s wurde nach Spuren und Hinweisen durchsucht und anschließend von den Mordermittlern versiegelt.

Ganz Potsdam steht nach Bekanntwerden der Tat unter Schock. Oberbürgermeister Mike Schubert (48, SPD): „Oberlin steht in seiner langen Tradition für aufopferungsvolle Pflege von Menschen für Menschen. Umso unbegreiflicher ist für uns alle die Tat.“

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Rettungskräfte verlassen mit einer leeren Trage das Gebäude, für die meisten Opfer kam jede Hilfe zu spät (Foto: Paul Zinken/dpa)

Potsdamer legten Blumen am Gelände des Oberlinhauses nieder. „Ich pflege eine Angehörige und weiß, was diese Arbeit bedeutet“, sagt Baschka Lindenberger (56). „Es ist furchtbar für die Pflegebranche und traurig für die Angehörigen der Opfer.“

Am Abend wurde in der Oberlinkirche der Toten gedacht. Nur Angehörige, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren dazu eingeladen. Aber auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (59, SPD) kündigte seine Teilnahme an: „Meine Gedanken gelten den Opfern und meine Anteilnahme den Angehörigen. Es ist eine grauenhafte Tat, die die Stadt Potsdam und ganz Brandenburg zutiefst erschüttert.“

Das Oberlinhaus stand unter „Schockstarre“. Es sei eine so große Erschütterung, „das hat uns schon die Beine weggehauen“, sagte der Theologische Vorstand der Einrichtung, Matthias Fichtmüller. „Wir können uns noch gar nicht auf das Trauern konzentrieren.“

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Dietmar Woidke (SPD), Ministerpräsident von Brandenburg, Mike Schubert (SPD), Oberbürgermeister von Potsdam, und Ursula Nonnemacher (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerin für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz, haben vor dem Eingang zur Einrichtung des diakonischen Anbieters Oberlinhaus Blumen niedergelegt und stehen schweigend während einer Gedenkminute nebeneinander (Foto: Soeren Stache/dpa)

Warum hat die Staatsanwaltschaft am Nachmittag Haftbefehl wegen Totschlags und nicht wegen Mordes beantragt?

Der Tatvorwurf könne auf Mord erweitert werden, falls Mordmerkmale wie niedere Beweggründe oder Heimtücke erfüllt sind, so der Leitende Oberstaatsanwalt Lehmann.

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In der Klinik des Maßregelvollzugs, in die Ines R. eingewiesen wurde, sollen Experten nach B.Z.-Informationen in den kommenden Tagen ein Psycho-Gutachten über sie erstellen.

Eine Quelle: www.bz-berlin.de

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