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Neues Album von Mykki Blanco : Selbstermächtigung mit Augenzwinkern

Mykki Blanco mischt seit Jahren den Hip-Hop auf und verzückt jetzt mit dem Album „Broken Hearts And Beauty Sleep“. Einziges Manko: Es ist zu kurz.

Neues Album von Mykki Blanco : Selbstermächtigung mit Augenzwinkern

Mal sie, mal er. Mykki Blanco lebt fluideFoto: Luca Venter

Aggression und Trauer müssen kein Gegensatzpaar bilden. Ebenso wenig wie Humor und Verletzlichkeit. Das ist die Botschaft, die Mykki Blanco seit einem Jahrzehnt in die Welt trägt. Nur folgerichtig, dass das Rapphänomen sein zweites Album „Broken Hearts And Beauty Sleep“ (Transgressive Records) taufte.

Gebrochene Herzen und Schönheitsschlaf. Bloß fluide Momente der menschlichen Gleichzeitigkeit. Austauschbar, vergänglich, relativ. Wie unsere Geschlechterbilder.

Eindeutig uneindeutig

Ist es nun ein Er oder eine Sie? Aller demonstrativer Regenbogenmentalität und rechtlicher Fortschritte zum Trotz dürfte das noch immer die populärste Frage bei der Geburt eines Kindes sein. Dementsprechend verwirrt waren in binären Geschlechterrollen geschulte Hip-Hop-Fans, als Mykki Blanco 2012 mit dem Song „Wavvy“ das Internet eroberte.

Im Video dazu ist ein Gangsterrapper zu sehen, der sich nach einem Drogendeal zu einer langhaarigen Person verwandelt, die sich im Dessous auf einer Sexparty räkelt.

Über das Gendersternchen wird viel diskutiert, doch bei dem*der amerikanischen Rapper*in ist die Sache eindeutig uneindeutig – Blanco möchte nicht eingeordnet werden. Zumindest derzeit nicht. Denn bis heute, sagt der queere Star, sei er auf der Suche. Mal als sie, mal als er, mal als nicht-binär. Mal trans, mal homosexueller Mann. Gefunden hat sich Mykki Blanco dafür auf dem zweiten Album „Broken Hearts And Beauty Sleep“ musikalisch umso mehr.

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Fünf Jahre mussten Fans nach dem Debüt „Mykki“ warten. Und ein halbes Jahrzehnt Pause bedeutet heute meist schon den Karriereknick. „Ich bin eine*r der Künstler*innen, bei denen die Leute sagen, sie haben den langen Weg genommen, um dort anzukommen, wo sie jetzt sind“, erklärt Blanco. „Aber die Reise selbst ist die Belohnung. Denn die Reise ist in Wahrheit mein Leben; die Karriere ist nur die äußere Schale der tieferen Dinge, die ich erlebt habe.“

Als Michael David Quattlebaum Jr. wurde das Aushängeschild des Queerraps 1986 in Kalifornien in einem afroamerikanisch-jüdischen Elternhaus geboren. Erst mit 25 Jahren entwickelte Quattlebaum die dezidiert weibliche Kunstfigur Mykki Blanco. Vorbilder dafür waren die Rapperin Lil Kim, der Skandal-Punkrocker GG Alin, die Riot-Girl-Ikone Kathleen Hanna aber auch Marylin Manson.

Die Auswahl offenbart: Musikalisch festgelegt ist nichts. In den ersten Songs trafen also Trapbeats auf Punkrap, elektronische Einflüsse auf Autotune. Auf Konzerten changierte die Stimmung zwischen Moshpit und Technoorgie.

Genrefixiert ist Blanco auf „Broken Hearts And Beauty Sleep“ weiterhin in keinerlei Hinsicht. Doch die Ausflüge in Funk-, House- und Soulgefilde sind stimmiger, die Song zugänglicher und poppiger als je zuvor. Die Wut auf Alltagssexismus und unterdrückende Herrschaftsverhältnisse ist zwar immer noch zu spüren, doch zärtlich-eingängige Liebeslieder dominieren das Album.

Blood Orange ist auf dem besten Track dabei

So schwingt sich das von FaltyDL und Hudson Mohawke koproduzierte „Free Ride“, mit Trapbeats und souligen Hooks gleich zu Beginn zu einem heißen Sommerhitkandidaten auf. Direkt im Anschluss demonstriert Mykki Blanco, das Selbstermächtigung und Augenzwinkern wunderbar zusammengehen, wenn Gastsängerin Kari Faux in „Summer Fling“ singt: „You can’t cuff me ’cause I don’t fuck with no cops“.

Highlight des Albums ist „It’s Not My Choice“, eine gefühlvolle Mid-Tempo-Nummer mit Kritikerliebling Blood Orange über das Auf- und Ab des Beziehungslebens. So sehnsuchtsvoll hat noch niemand die Zeile „Bring your ass home“ gerappt.

Mit „That’s Folks“ schließt ein brillanter Raptrack das mit neun Songs leider viel zu knapp geratene Album ab. „Broken Hearts And Beauty Sleep“ wird in lauen Sommernächten auf dem Balkon ebenso verzücken wie auf schweißgebadeten Dancefloors. Und auch das muss kein Gegensatz sein.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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