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Neuer Standort für Pinault Collection : Die Pariser Warenbörse wird zum Kunsttempel

Die Pariser Warenbörse stand seit Jahren leer. Der Milliardär François Pinault hat sie in ein imposantes Privatmuseum verwandelt.

Neuer Standort für Pinault Collection : Die Pariser Warenbörse wird zum Kunsttempel

Mit gewaltigem Deckengemälde. Die Bourse de Commerce im Pariser Hallenviertel wurde vom japanischen Architekten Tadao Ando für die…Foto: Marc Domage

Fertig, versichert der Sprecher der Pinault Collection am Telefon, fertig sei der Umbau der Börse schon längst. Nur könne das Haus, die einstige Pariser Warenbörse, nicht eröffnet werden, solange der Lockdown, solange die Beschränkungen aufgrund der Pandemie in Paris respektive ganz Frankreich andauerten.

Mehrfach musste der ursprünglich für das vergangene Frühjahr vorgesehene Eröffnungstermin verschoben werden, in den Frühsommer, den Herbst und zuletzt auf Ende Januar. Am Gebäude hingen schon Plakate mit dem Eröffnungsdatum. Doch auch dieser Termin ist verstrichen. Nun wird kein neuer mehr genannt.

François Pinault, einer der reichsten Männer Frankreichs, ist der Haupteigner des Konzerns, dem die Pinault Collection zugehört. Um die 5000 Werke der Gegenwartskunst zählt die Sammlung. Mit dem Baudenkmal der einstigen Bourse du Commerce im Zentrum von Paris sollte die Sammlung endlich ein französisches Schaufenster erhalten, nachdem Pinault vor nun schon fünfzehn Jahren den Palazzo Grassi in Venedig, damals das Ausstellungshaus des Autokonzerns Fiat, erworben und im Jahr 2006 nach Renovierung durch den japanischen Architekten Tadao Ando eröffnet hatte.

Ando, berühmt für seine kontemplativen Innenräume und sein bevorzugtes Baumaterial, einen seidenglatt polierten Sichtbeton, ist der Hausarchitekt Pinaults. Mit ihm wollte der Eigner des Mischkonzerns Groupe Artémis ursprünglich eine am südwestlichen Rand von Paris gelegene Seine-Insel, die zuvor 63 Jahre lang als Standort des Automobilherstellers Renault gedient hatte, für rund 150 Millionen Euro zu einem gigantischen Kunstzentrum ausbauen. Doch es kam keine Einigung mit der zuständigen Gemeinde Boulogne-Billancourt über das Ausmaß der Bebauung zustande. Pinault ließ das Projekt fallen und wandte sich Venedig zu. Tadao Ando nahm er mit.

Es war die Stadt Paris, die Pinault das Angebot machte, die seit Jahren leer stehende Warenbörse zu bespielen. Einst bildete deren Rundbau den markanten Endpunkt des Hallen-Viertels. Nach dem Abriss der Hallen lag die Börse wie ein gigantischer Rundtempel da – in fußläufiger Entfernung zum Centre Pompidou wie zum Louvre. Das macht den Bau als Scharnier einer künftigen Kunstmeile interessant.

Was er zeigen wird, ist noch geheim

In Venedig hatte Pinault unterdessen auch die Punta della Dogana, das ehemalige Zollhaus der Seerepublik auf der Landspitze zwischen Canal Grande und Canale della Giudecca, als Ausstellungsort hinzugewonnen. Das Gebäude gehört weiterhin der Kommune, die diesen, bei verschiedenen Biennalen bespielten Ort, dauerhaft für kulturelle Zwecke genutzt sehen wollte. Pinault erhielt in Konkurrenz zum Guggenheim Museum den Zuschlag, Ando besorgte die zurückhaltende, elegante Renovierung.

In seiner Sammlung hält Pinault Werke vieler Künstler und Künstlerinnen, die in der Gegenwartskunst Rang und Namen haben. Für Stirnrunzeln sorgt der Umstand, dass das weltweit zweitgrößte Kunst-Auktionshaus Christie’s seit 1998 zu dem im Laufe der Jahre als Luxusgüterkonzern ausgebauten Konglomerat von Artémis gehört.

Den wertmäßig größten Teil des internationalen Kunstmarkts macht die zeitgenössische Kunst aus, da liegen wechselseitige, wertsteigernde Effekte zwischen dem Sammeln und Präsentieren von Kunst und ihrer Verauktionierung auf der Hand. Allerdings ist nicht bekannt, dass Pinault aus seiner Sammlung heraus kommerzielle Aktivitäten entfaltet hätte.

Was Pinault in seinem neuen Haus zeigen wird, ist noch geheim. Der Direktor der Pariser Dependance, Martin Bethenod, gab jedoch in einem Interview zu verstehen, dass die Sammlung insgesamt auf große Themen der Gegenwart reagiere, seien sie „politisch, gesellschaftlich, gender-bezogen, divers oder postkolonial“.

Jean-Jacques Aillagon, der Präsident der Pinault-Sammlung und frühere Kulturminister Frankreichs – maßgeblich beteiligt an der Einführung von Steuerprivilegien für gemeinnützige Stiftungen – sprach von „Offenheit und Radikalität“ als Maßstab von Erwerbungen und nannte beispielhaft Arbeiten von David Hammons und Paulo Nazareth.

Nur der Startschuss fehlt

Documenta-Teilnehmer Hammons, in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung verwurzelt, ist für seine politischen Installationen bekannt, der Brasilianer Nazareth für Performances wie einen 15-monatigen Fußmarsch durch beide Amerikas. In Venedig hatte Pinault bislang eher Kunstmarktgrößen wie Damien Hirst, Jeff Koons, Carl Andre oder Raymond Pettibon gezeigt, allerdings auch die politischen Arbeiten des Belgiers Luc Tuymans.

Das Gebäude der Pariser Börse ist für die Präsentation von Kunst kein einfacher Ort – es fehlte zunächst an Ausstellungsflächen. Mitte 2017 begannen die Bauarbeiten, bei denen Ando in den runden Innenraum einen Betonzylinder von neun Metern Höhe hineinstellen ließ, auf und vor dem die Werke gezeigt werden sollen. Sie konkurrieren optisch mit dem riesigen Deckengemälde, das das Rund der Dachkuppel unterhalb der glasgedeckten Mitte einnimmt.

Die gusseiserne Kuppelkonstruktion stammt aus dem ersten Umbau der ursprünglichen Getreidemarkthalle im Jahr 1813, sie ist eine der Ersten ihrer Art und entstand unter dem Architekten Bélanger und seinem Schüler, dem damals blutjungen gebürtigen Kölner Jakob-Ignaz Hittorf. Der wurde später zum gefeierten Schöpfer der Gare du Nord, gleichfalls einer Eisenkonstruktion.

Das jetzt restaurierte Deckengemälde entstand allerdings erst 1889 zum erneuten Umbau der Börse. Weitere Ausstellungsräume für Pinault sind in den ehemaligen Geschäftsräumen der Umgänge um das innere Rund angeordnet, dazu im obersten Geschoss ein Gourmetrestaurant, für das die Betreiber der hochgelobten Gastronomie des Musée Soulages im südwestfranzösischen Rodez gewonnen wurden.

Alles fertig also für den erhofften Auftakt – nur der Startschuss fehlt. Ihn wird die französische Politik geben – irgendwann, wenn sich der Sieg über die Pandemie abzeichnet.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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