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Nach 20-jährigem Engagement für Holocaust-Überlebende : Noemi Staszewski erhält Bundesverdienstkreuz

Im Frankfurter Bankenviertel hilft Noemi Staszewski Holocaust-Überlebenden. Die Einladung von Steinmeier musste sie fünf Mal lesen, bis sie es glauben konnte.

Nach 20-jährigem Engagement für Holocaust-Überlebende : Noemi Staszewski erhält Bundesverdienstkreuz

Es braucht eine wache Erinnerungskultur – nicht nur am Holocaustgedenktag, sondern 365 Tage im Jahr.Foto: Jörg Carstensen / dpa

In der braunen Papiertüte stapeln sich, in kleinen Plastikboxen verpackt, ein Tomate-Mais-Salat, ein Lamm-Reis-Gericht, Erbsensuppe, zwei Hefezöpfe (Challah), ein Brownie, Cookies. Ein üppiges Mittagessen. Genauer: Eine Schabbat-Mahlzeit für alleinstehende Holocaust-Überlebende. Organisiert, gekocht, geliefert von Menschen, die helfen wollen, für Hochbetagte, die ohne Angehörige die Pandemie überstehen müssen. „Wir wollen sicherstellen, dass sie zumindest ein Mal in der Woche etwas Warmes essen“, sagt Noemi Staszewski.

An diesem Freitag wird Staszewski von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Verdienstkreuz am Bande erhalten. Für ihren sozialen Einsatz während der Coronazeit, aber auch für ihre Arbeit in den vergangenen 20 Jahren, in denen sie sich für Erinnerungskultur engagierte. 20 Jahre, in denen sie immer wieder gehört habe: „Warum machst du das eigentlich? Es gibt doch kaum noch Überlebende. Die Arbeit lohnt sich nicht.“

Mehr als 200 Überlebende im Frankfurter Raum

Doch ohne Staszewski hätten viele Überlebende noch mehr Schwierigkeiten. Über 200 betreut ihr Team allein im Frankfurter Raum. Die Überlebenden sind meist zwischen 80 und 100 Jahren alt, gut ein Viertel hat keine Angehörigen in der Nähe. Entstanden ist das Projekt 2002 bei der Zentralwohlfartsstelle der Juden in Deutschland (ZWST).

Staszewski hatte in den 90er Jahren als Leiterin des Pädagogischen Zentrums für den Bereich Schulen bei der ZWST gearbeitet und war auch schon als Psychodrama- und Gestalttherapeutin tätig. Ihr Vater floh während des Krieges nach Schweden, ihre Mutter wurde in Böhmen versteckt. Staszewski, kurze, dunkelblonde Haare, Brille, goldenes Kettchen, ist heute 67 und Teil der zweiten Generation der Holocaust-Überlebenden. Gemeinsam mit einigen anderen der zweiten Generation gründete sie den Treffpunkt, das „Zentrum für Überlebende der Shoah und ihre Angehörigen“ in der ZWST.

Unterstützung bei Alltagsproblemen

Es begann mit einem Café, indem sich nach und nach immer mehr Überlebende trafen. „Wir begleiten hier unter anderem Überlebende, Childsurvivors, die als Kinder bei Erschießungen unter anderen lagen und deswegen noch leben. Die müssen sich hier nicht erklären, aber sie werden verstanden“, sagt Staszewski. Außerdem würden sie bei ihren Alltagsproblemen unterstützt. Eines davon: Behördengänge. Schon allein das Angeben der eigenen Adresse sei schwierig.

Nach 20-jährigem Engagement für Holocaust-Überlebende : Noemi Staszewski erhält Bundesverdienstkreuz

Noemi Staszewski erhält am Freitag das Bundesverdienstkreuz.Foto: privat

„Wir betreuen hier Menschen, die nicht einmal uns ihre Adresse geben, obwohl sie uns seit Jahren kennen. Sie sind teilweise nicht hier, sondern im Ausland gemeldet, weil sie Angst haben, gefunden zu werden“, sagt Staszewski. Einige jüdische Überlebende seien zu Kriegszeiten versteckt gehalten worden und besäßen deshalb keine oder fehlerhafte Papiere. Dadurch gebe es oft Unstimmigkeiten mit Behördenmitarbeiter:innen, etwa weil Geburtsort oder Zeitpunkt unklar seien und Mitarbeiter:innen Sozialhilfebetrug vermuteten.

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Seit 2015 nutzen sie die Räumlichkeiten im Frankfurter Bankenviertel. Auf dem Klingelschild steht nur „Treffpunkt“, aus Sicherheitsgründen sollen die Jüd:innen nicht erkennbar sein. In dem großen Raum hängen Gemälde an der Wand. Eines zeigt einen Mann und eine Frau mit Regenschirm von hinten im Regen, ein anderes eine nackte, zusammengekauerte Frau. Die Bilder wurden von den Überlebenden in einem Malkurs gezeichnet – vor der Pandemie.

Vorbild für den Sohn

An diesem Freitagvormittag begrüßt Staszewski um 11 Uhr Dennis Stern im Treffpunkt. Stern, 40 Jahre alt, koordiniert die Essensausgabe wie jeden Freitag in seiner Mittagspause. Vor einem Jahr kam ihm die Idee, alleinstehende Überlebende mit Schabbat-Essen zu versorgen. So entstand “So schmeckt Shabbes”. Stern hat bedruckte Klebezettel mitgebracht, auf denen die Inhaltsstoffe jeden Gerichtes stehen.

Nach wenigen Minuten trudelt die erste ehrenamtliche Helferin ein. „Schabbat Schalom“ sagt sie und drückt Stern ihr vorbereitetes Essen in die Hand. „Heute habe ich wieder was von Liam dabei.“ Liam ist ihr sechsjähriger Sohn, er hat mit Bügelperlen kleine Herzen und andere Figuren gebastelt, und zu jeder Form einen krakeligen Text geschrieben: „Schabbat Schalom, Liam“. Das sei Liams Idee gewesen, sagt Stern. Die Mutter freue sich, mit ihrem Engagement ein Vorbild für ihren Sohn zu sein.

Begegnung schaffen

Für Staszewski ist es wichtig, dass bei Aktionen wie dieser Vertrauen hergestellt und Begegnung geschaffen wird. Das, was in Pandemiezeiten so sehr fehlt. Seit Corona würden einige Überlebende kaum noch das Haus verlassen, der Treffpunkt sei geschlossen. Ein neunköpfiges Team vom Treffpunkt telefoniert deshalb jede Woche die Überlebenden ab, im Büro liegt die mehrseitige Telefonliste. Für einen 100. Geburtstag vor wenigen Wochen organisierten Mitarbeiter:innen einen Skype-Call mit fünf Überlebenden.

Doch die Pandemie sorge nicht nur für Vereinsamung, sondern bringe auch traumatische Erinnerungen aus dem Krieg zurück. „Die Ausgangssperre reaktivierte Erinnerungen an die Zeiten im Ghetto oder KZ. Wer da das Gebiet verlassen hat, dem drohte erschossen zu werden“, sagt Staszewski. Auch Verleumdung sei schlimm. Viele hätten Angst, die Nachbar:innen würden sie verraten, wenn sie sie mit einem anderen Haushalt sehen würden. Im Treffpunkt-Team arbeiten deshalb auch Psycholog:innen.

Viele Probleme bei den Impfungen

Ein großes Drama sei auch die Impfung gewesen. Schwierigkeiten hätte es nicht nur wegen der Anmeldungen im Internet gegeben. Wenn die Überlebenden in einen Raum müssten, in dem Menschen in weißen Kitteln herumliefen und ihre Namen auf Listen schrieben, bringe das Deportationserinnerungen hoch. Eines der Frankfurter Impfteams versorgt Bürger:innen in der Messe. Dazu sagte eine Überlebende: „Ich musste in einer großen Bahnhofshalle auf den Zug nach Ausschwitz warten. Ich werde keine Messehalle betreten.“

Nach langem Hin und Her zwischen Treffpunkt-Mitarbeiter:innen und den Impfstellen fuhr ein mobiles Impfteam ins Bankenviertel, um die Überlebenden im Treffpunkt zu impfen – ein Ort, dem sie noch vertrauen. Dafür kämpft Staszewski bis heute, dabei hat sie die Leitung des Treffpunkts im vergangenen Jahr an ihre Nachfolgerin abgebeben. Sie könnte in Rente gehen, arbeitet aber immer noch als Beraterin für die Projekte weiter. „Rente? Vielleicht mit 80“, sagt sie.

Essensausgabe inzwischen sehr routiniert

Nachdem alle Ehrenamtlichen ihre Gerichte bei Dennis Stern abgegeben haben, packen Staszewski und eine weitere Mitarbeiterin mit an. Sie nimmt immer zwei Challah-Brote aus einem Beutel, füllt sie in eine Papiertüte und klebt das Etikett drauf. Stern verteilt die Brownies, die dritte Mitarbeiterin die Suppe.

Nach wenigen Minuten ist der mehrere Meter lange Tisch voll mit den sortierten Plastikdosen, die sie schnell in die braunen Papiertüten verteilen. „Alles Gute, Shabatt Shalom, bis zum nächsten Mal“, ruft eine junge Frau mit schwarzem Pferdeschwanz und roter Jacke, in jeder Hand drei braune Tüten, als sie den Raum verlässt. „Inzwischen sind wir schon geübt“, sagt Staszewski und lacht. „Am Anfang haben wir mal Suppe im Kofferraum verteilt – aber nur ein Mal!“

“Ich musste es fünf Mal lesen, bis ich es glauben konnte”

Staszewski erzählt mehrere Leute hätten sie für den Verdienstorden vorgeschlagen, aber sie habe davon nichts gewusst. „Als ich letzte Woche die Mail bekommen habe, wollte ich sie zuerst in den Spamordner verschieben, weil ich dachte, das sei ein Virus. Ich musste es fünf Mal lesen, bis ich es glauben konnte.“ Sie freue sich über die Wertschätzung, aber der Preis gelte nicht nur ihr, sondern dem ganzen Team. „Sie bekommt ihn völlig zurecht“, sagt Dennis Stern und macht eine Handbewegung quer durch den Raum. „Ohne sie wäre das alles hier nie entstanden.“

Nachdem das Essen weg und der Raum aufgeräumt ist, unterhalten sich Staszewski und Stern in der Küchentür. Sie überlegen, wie es weitergehen soll mit “So schmeckt Shabbes”. Sie wünschen sich, dass die Überlebenden von Ehrenamtlichen nach Hause eingeladen werden, damit sie endlich wieder mit Menschen in Kontakt treten können.

Hinter ihnen steht die Tür zum Büro offen. An einem rosanen Band hängt ein Schild mit der jiddischen Aufschrift „seiamensch“. Die Aussage des ehemaligen Direktors der Zentralwohlfahrtsstelle Benjamin Bloch, jeder Mensch solle Mensch sein dürfen und als Mensch behandelt werden. Noemi Staszewski trägt ihren Teil dazu bei.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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