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Kritik = Antisemitismus? : In Hamburg eskaliert ein Streit um Erinnerungspolitik

Die Hansestadt diskutiert über den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge. Es soll ein Zeichen gegen Antisemitismus sein. Aber das ist ein falsches Argument.

Kritik = Antisemitismus? : In Hamburg eskaliert ein Streit um Erinnerungspolitik

Von den Nationalsozialisten abgerissen. Die Synagoge am Bornplatz in Hamburg um 1920.Foto: ullstein bild via Getty Images

Moshe Zimmermann, geboren 1943 in Jerusalem, ist Historiker und Professor emeritus an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Pro A ist gleich kontra B: Dass dieser konstruierte Gegensatz eine effektive Waffe sein kann, wird jedem politischen Propagandisten und jeder Werbeagentur bekannt sein. Effektiv vor allem, wenn die empfohlene Politik oder Ware im Kern suspekt ist.

So verhält es sich mit dem Slogan, der jetzt in Hamburg die Runde macht: „Nein zu Antisemitismus, Ja zur Bornplatzsynagoge“. In Klartext: Wer gegen den Neuaufbau der Synagoge auf dem ehemaligen Bornplatz ist, ist also Antisemit. Die Initiatoren des Bornplatzsynagogen-Projekts griffen somit zur ultimativen Waffe. Wer wird es schon riskieren, in der Bundesrepublik als Antisemit aufzufallen!

Nun bin ich gegen diesen Wiederaufbau, könnte also, obwohl ich Israeli bin, Ziel des Antisemitismus-Vorwurfs werden. Dabei geht es nicht nur um den Historiker, der die Geschichte der Hamburger Juden erforscht, sondern auch um den Sohn einer jüdischen Familie, die Hamburg in der NS-Zeit in Richtung Palästina verlassen musste.

Zur Bornplatzsynagoge hatte meine Familie eine enge Beziehung – sie war ihr Bethaus. Der Großvater war sogar im Vorstand.

Ein Opfer der Pogromnacht

Die Synagoge, in Anwesenheit meines Großvaters 1906 eingeweiht, wurde während der Pogromnacht im November 1938 geschändet und ein Jahr später abgerissen. Auf einem Teil der freigewordenen Fläche wurde ein Luftschutzbunker errichtet.

Ob aus Amnesie, Verdrängung oder Vertuschungabsicht – die sozialdemokratische Stadt Hamburg entschied sich 1974 dafür, den Bornplatz im Grindelviertel, dessen Bewohner vor 1933 zu etwa einem Drittel Juden waren, in Allendeplatz umzubenennen.

Erst auf Druck der ehemaligen jüdischen Bürger der Stadt wurde der Platz im Jahr 1988, am 50. Jahrestag des NS-Pogroms, zum Erinnerungsort an die NS-Verbrechen.

Ein Teil des Platzes wurde nun nach dem 1942 ermordeten Rabbiner Joseph Carlebach benannt, der Grundriss der zerstörten Synagoge wurde nach einem Entwurf der Architektin Margrit Kahl markiert.

Treibende Kraft war der Historiker Benno (Baruch) Offenburg (Ophir), der in Hamburg noch seine Doktorarbeit im Jahr 1933 einreichen durfte, dann nach Palästina auswanderte.

In Hamburg entstand nach 1945 eine jüdische Gemeinde

Somit wurde der Platz, nun mitten im „judenfreien“ Grindelviertel, zum Erinnerungsort an die Verbrechen der Nazis an den Hamburger Juden. Zur Einweihung dieses Mahnmals wurde auch meine Mutter eingeladen.

Auf die abstruse Idee, die Spuren des Verbrechens zu verwischen, indem man am Ort des Verbrechens eine Synagoge neu erbaut, kam damals niemand, weder die ehemaligen jüdischen Mitbürger noch Gemeindevorsteher oder Landespolitiker.

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Auch in Hamburg entstand nach 1945 eine jüdische Gemeinde, die selbstverständlich ihre Synagoge haben wollte. 1960 wurde an einer anderen Stelle in Hamburg die neue große Synagoge eingeweiht.

2013 wurde sie renoviert und neu eingeweiht, in Anwesenheit des damaligen Bürgermeisters Olaf Scholz. In dieser Synagoge hatte ich, damals Doktorand aus Israel, nach dem Tod meines Vaters Woche für Woche Kaddisch beten können.

Scholz stellt sich hinter die Initiative

Die Initiative, den Gedenk- und Erinnerungsort durch den Bau einer Replik der alten Synagoge zu ersetzen, ist eine Verletzung der Grundnormen des historischen Gedenkens, ein pietätloser Akt.

Die Initiative gewann die Unterstützung der Gemeinde und vor allem des orthodoxen Rabbiners. Wer auch immer den perfiden Slogan „Nein zu Antisemitismus, Ja zur Bornplatz Synagoge“ prägte, wusste um seinen Effekt – die Unterstützung für das Unternehmen und Millionen aus der Staatskasse waren somit garantiert.

Laut Werbeseite steht Hamburgs Bürgermeister voll hinter dem Unternehmen, die zweite Bürgermeisterin ist „begeistert von der Initiative“, und Vizekanzler Scholz meint dazu: „Es ist wichtig, dass wir uns gegen den Antisemitismus stellen, und es ist sehr gut, wenn die Bornplatzsynagoge in Hamburg wieder ersteht“.

Auch andere Historiker äußern Kritik

Worin, gefälligst, besteht da der Zusammenhang? Der Vizekanzler und Finanzminister wäre gut beraten, falls er im Ernst ein Signal gegen Antisemitismus und für das Gedenken an die Opfer des Holocausts setzen möchte, endlich den im Rohwedder-Gebäude des Finanzministeriums befindlichen Saal, der heute Eurosaal heißt, nach einem der von den Nazis ermordeten Funktionäre der Reichsvertretung der deutschen Juden zu benennen. Der große Festsaal im Gebäude ist bereits nach Matthias Erzberger benannt.

Denn in diesem Saal wurde drei Tage nach der Pogromnacht 1938 in einer großen Sitzung über die „Gesamtlösung“ für die deutschen Juden entschieden. Diese Geste, die Umbenennung, hätte erinnerungspolitisch und im Kampf gegen Antisemitismus, eine größere Signalwirkung als die Unterstützung für den Neubau der Bornplatz Synagoge.

Die Historikerinnen Miriam Rürup und Ursula Büttner, die in Hamburg gewirkt haben, initiierten eine Stellungnahme, um die begeisterten Befürworter des „Ja zur Synagoge“ zum Nachdenken zu bewegen. „Geschichte lässt sich nicht rückgängig machen“, wird in ihrem Aufruf moniert.

NS-Verbrechen unsichtbar machen, Zerstörung eines Erinnerungsorts, das alles ist grundfalsch und keineswegs ein Rezept gegen Antisemitismus. Mittlerweile wurde der Aufruf von weiteren Personen der Öffentlichkeit unterschrieben.

Angst vor dem Antisemitismus-Vorwurf

Der zynische Griff zur Antisemitismuskeule ist mittlerweile Usus geworden. Die Bundesregierung und der Bundestag liefen schon im größeren Maßstab in diese Falle. Um die pro-palästinensische Boykott-Bewegung BDS zu bekämpfen, regten deutsche Parlamentarier einen Bundestagsbeschluss an, der den Kampf gegen BDS-Sympathisanten zum Kampf gegen Antisemitismus aufwertet.

Die diffuse Definition des Begriffs Antisemitismus, kombiniert mit der deutschen Angst vor dem Antisemitismus-Vorwurf, macht diese Taktik der BDS-Gegner (allen voran die israelische Regierung) oder auch der Bornplatzaufbaubefürworter so erfolgreich.

Schaut man auf die Seite bornplatzsynagoge.org, kündigt sich eine kollektive Begeisterung für „jüdisches Leben in Deutschland“ an. Nun sollte sich der Beobachter fragen, ob jüdisches Leben allein nach der orthodoxen Auslegung der jüdischen Religion zu verstehen ist.

Der besondere historische Beitrag Hamburgs zur Entwicklung der jüdischen Religion ist bekanntlich die jüdische Reformbewegung, deren erste Synagoge vor etwa zweihundert Jahren in der Hamburger Altstadt eingeweiht wurde.

Ich brauche keine seelenlose Mimikry

Diese Reformbewegung ist gegenwärtig von der Orthodoxie, in Europa und in Israel, marginalisiert. Sollte man nicht auf diejenigen hören, die die Begeisterung für jüdisches Leben in eine andere Richtung lenken möchten, nämlich zur Rettung des alten Gebäudes der Reformsynagoge?

Meine Vorfahren gehörten zwar zur Neu-Orthodoxie, waren aber gegenüber anderen innerjüdischen Strömungen tolerant. Für sie wäre das Gebäude der Talmud-Tora-Schule, das unzerstört und fest in der Hand der heutigen jüdischen Gemeinde am Rande des Bornplatz steht, das authentische Symbol jüdischer Kultur in dieser Stadt. Als Historiker schließe ich mich dieser Symbolik an, ich brauche nebenan keine seelenlose Mimikry.

Ohne die Nachkommen der Opfer zu fragen, ohne den Rat von Historikern und Experten der Erinnerungsarbeit einzuholen, maßen sich die jüdische Gemeinde wie auch nicht-jüdische Politiker an, nicht nur über den Bau der Synagoge zu entscheiden, sondern auch die „Nein zu, ja zu“-Masche zu verwenden. Dabei verhalten sie sich den Kritikern gegenüber, als wären diese Ketzer, schlimmer noch: Antisemiten.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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