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Kolumne Spiegelstrich : Wenn die Maske, das Symbol der Sorge, fällt

Die neunte Folge des Corona-Tagebuchs führt von New York, über Hamburg nach Leipzig. Mit Wegebier und neuer Lust am Lesen bei „Leipzig liest“.

Kolumne Spiegelstrich : Wenn die Maske, das Symbol der Sorge, fällt

Keine Buchmesse, dafür “Leipzig liest” – im Freien, wie bei dieser Lesung von Thilo Hagendorff im Hof der Ideenwerkstatt…Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Es endet etwas, es fängt etwas an. Vor einem Jahr war New York stilles Weltkrisenzentrum, nachts hörten wir kein Auto von der Houston Street, nur einen bellenden Hund. Heute, in Hamburg, lachen Menschen am Elbstrand und singen, und die Maske, Symbol der Sorge, Accessoire der Weltkrise, fällt. Der amerikanische Kollege David Brooks rät, jetzt eine Tabelle unserer Leidenschaften aufzustellen: Das Leben beginnt wieder, was ist wichtig? Brooks zitiert Annie Dillard: „Wie wir unsere Tage verbringen, so verbringen wir unser Leben.“ Auf Okinawa im Süden Japans haben die Hundertjährigen ein Wort für dieses Wichtige: Ikigai. Worum es uns geht.

– Was für eine Nachricht am Ende zweier Studien: Die Impfstoffe wirken, mutmaßlich lange, vielleicht ein Leben lang, denn unsere Körper lernen, mit den Impfstoffen zu arbeiten.

– „Sind wir nach dem Erlebten solidarischer geworden oder zu einem Volk egozentrischer Computernerds? Haben wir Verzicht gelernt oder neue Rücksichtslosigkeit?“ Und haben wir eigentlich den „Segen der digitalen Instrumente“ erfahren oder nur „den Fluch der Bildschirmfixierung?“ Das fragt Jens Jessen in der „Zeit“ und schreibt, Lebenszeit und Schmerz blieben ganz analog. Ich glaube, die Ältesten und die Kinder sind jene zwei Gruppen, denen die Krise die größten Schmerzen zugefügt hat: Den Ältesten fehlen Abschiede, die Enkel, Wärme ganz am Ende, die vielen letzten Male. Die Kinder haben etwas nicht erfahren und nicht gefühlt, und das exakt passende Alter für exakt dieses Gefühl wird nicht zurückkehren.

[Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer]

– Viele Male habe ich an dieser Stelle Pfleger und Ärztinnen gepriesen, doch manchmal kommt es im Leben anders. Corona macht Angehörige ohnmächtig, hält sie fern, sperrt sie aus. A. liegt im Krankenhaus von Hiltrup, zwölf Tage lang, und wir, die Familie, sind lästig. Ein Arzt steht neben den Schwestern, als ich dort anrufe, und flüstert: „Ich bin nicht da“, und das bleibt so: keine Antwort, kein Gespräch, keine Diagnose, keine Prognose, zwölf Tage lang.

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– Außengastronomie: umarmen? Ja. Wir sind beide geimpft. Zunächst ein Wegebier im Clara-Zetkin-Park, dann ein Dinner bei Viet Village Streetfood, mit Simone Buchholz, der Schriftstellerin und Freundin aus St. Pauli, zu Gast in Leipzig, da Leipzig wieder liest und den Lesenden lauscht. Simone erzählt von Jeffrey Eugenides, der in der „Liebeshandlung“ schreibt, dass alle Eltern ihren Kindern etwas auf die Seele schreiben; ihr Leben lang versuchen die Kinder, diesen Text zu entziffern. Liebe nur bei Leistung, das schrieben frühere Elterngenerationen. Wir beschließen, zärtlicher zu sein und nicht so fest aufzudrücken.

Kolumne Spiegelstrich : Wenn die Maske, das Symbol der Sorge, fällt

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

– Das Kompositum ist eine Kombination aus mindestens zwei Wörtern, ist deutsche (und österreichische) Spezialität. So haben wir den Impfmuffel erschaffen, den Querdenkerbommel, die Modellregion und die Außengastronomie, doch dieses Kompositum kannte ich nicht: Eigenurinamulett. Dem Kollegen Stefan Niggemeier fiel es auf, als der österreichische Politiker Heinz-Christian Strache dem „Falter“ eine Gegendarstellung schickte und darin versicherte, niemals ein Eigenurinamulett sowie gleichfalls niemals eine eiförmige und geweihte Messingschale in der Unterhose getragen zu haben, folglich auch nicht, wie vom „Falter“ behauptet, aus Auftrittsangst. Da wir über deutsche Debatten hier mehrfach debattiert haben, halten wir fest: Österreich hat noch Debattenniveau.

– Die nächste Welle: liebliche Aust-Interviews. Der Mann hat Schlaues gemacht (und Unsinn), war ein kreativer, fordernder Chef, nun wird er 75 und leugnet Klimakrise und wissenschaftlich dokumentierte Wahrheit. Stefan Aust ist, so hätte A. es gesagt, nicht aus Zucker, man könnte ihm Fragen stellen.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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