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Kolumne Spiegelstrich : Vielen Dank auch, CDU

Coronatagebuch, Teil 4: Friedrich Merz entdeckt das Gendersternchen als Wahlkampfthema. Dabei gibt es für seine Partei wahrlich Wichtigeres zu tun.

Kolumne Spiegelstrich : Vielen Dank auch, CDU

Man wird ja noch träumen dürfen. Bei Licht besehen ist die CDU eher von gestern.Foto: Michael Kappeler/dpa

Klaus Brinkbäumer ist Programmdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks in Leipzig. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de, auf Twitter unter @Brinkbaeumer.

Wir müssen über die Union reden, für Friedrich Merz: die Christdemokrat*innen. Ich bin im katholischen, konservativen Münster aufgewachsen, und das Bild, das die Elterngeneration damals von der CDU malte, war eines der Stabilität und der Klarheit. Andere, die Sozen natürlich und später die Grünen, waren eitel und wirr, während die CDU zusammen hielt und regieren wollte.

Sie konnte regieren, weil sie so vernünftig war; „Vernunft“ war das Schlüsselwort dieser Erzählung, einer sich selbst verstärkenden Prophezeiung, die zur Wirklichkeit wurde, weil so viele dem Image glaubten. Die Union von heute lässt mitten in einer Pandemie Söder auf Laschet los und Laschet wehrlos hampeln, ohne dass sie sich selbst Spielregeln für die Lösung der Kandidatenfrage gegeben hätte. Wer klärt’s wie? Oh je, glatt vergessen.

Es kommt schlimmer: Mitten in der Pandemie und, wie der Kommunikationswissenschaftler Christian Stöcker schreibt, „mitten in einer sich beschleunigenden Klimakrise, mitten in einem maßgeblich von dieser Partei verantworteten Verwaltungs- und Digitalisierungsdesaster (zur Erinnerung: die Union hat in den vergangenen 39 Jahren 32 Jahre lang regiert im Bund), mitten in einem rasanten globalen Transformationsprozess“ glauben Christdemokratinnen und Christdemokraten, dass das Gendersternchen das größte aller Wahlkampfthemen sei.

Frauofrau statt Mannomann?

Friedrich Merz sagt und twittert dies: „Grüne und Grüninnen? Frauofrau statt Mannomann? Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Mutterland? Hähnch*Innen-Filet? Spielplätze für Kinder und Kinderinnen? Wer gibt diesen Gender-Leuten eigentlich das Recht, einseitig unsere Sprache zu verändern?“

Hähnch*Innen wären ungefähr so logisch wie Männ*Innen; kein Mensch fordert, was Merz zu zitieren vorgibt. Die Regierung hat die deutsche Wirklichkeit zu verantworten, und Merz spricht von Nebenwirklichkeiten – so wie Amerikas Republikaner die Klimakrise und die sozialen Katastrophen der USA leugnen, jedoch inbrünstig Migranten bekämpfen, Waffen lieben, Abtreibung verdammen.

Kolumne Spiegelstrich : Vielen Dank auch, CDU

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

Ich erinnere mich, wie solidarisch Deutschland mir im Frühjahr 2020 von jener anderen Seite des Atlantiks aus erschien, wie entschlossen; das ganze ferne Land wirkte wie die CDU der späten siebziger Jahre in den Augen meiner Eltern. Heute schreibt Karl Lauterbach: „Gestern Nacht hat es meinen geliebten Smart Stadtwagen erwischt. Farbeimer, er sieht schrecklich aus. Auch die Scheiben, ich kann ihn nicht mehr fahren. Aber wir werden nie aufgeben. Wir sind viele …“

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Wir sitzen im Wartezimmer der Hausärztin und erinnern uns an das, was war: vor einem Jahr das Klatschen in New York City abends um sieben; auch das stundenlange Desinfizieren von Lebensmitteln; auch der bizarre Mut, alle sieben Tage den kollektiven Waschraum im Keller in der Bleecker Street zu betreten; 14 Monate ohne die Eltern in den Arm zu nehmen; 14 Monate ohne Begegnungen von Großeltern und Enkel; St. Pauli gewinnt ohne mich, und vermisse es sehr und sehe darum einen Film über die Pokalserie von 2005 und fühle immerhin, was ich damals fühlte; vor einer Woche der nächste 50. Geburtstag ohne Feier; Buchläden fehlen, Begegnungen fehlen. Und nun sitzen wir im Wartezimmer und müssen eine Viertelstunde abwarten: Langsam wird der linke Arm schwer, der ganze Rest leicht. Geimpft zu werden bedeutet: Es kann gut werden, denn es ist bereits besser. (Da es an dieser Stelle vermutlich Fragen geben wird: Der Grund ist ein Pflegefall in nächster Nähe.)

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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