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Kolumne „Spiegelstrich“ : Ist es jetzt wirklich vorbei mit der Pandemie?

Die Maske könnte bald aus der Mode kommen, erste Kulturveranstaltungen beglücken und bald kommt die Frage auf: Welche Fehler haben wir im letzten Jahr gemacht?

Kolumne „Spiegelstrich“ : Ist es jetzt wirklich vorbei mit der Pandemie?

Ein Kellner deckt in Wernigerode, Sachsen-Anhalt, die Tische des Außenbereichs.Foto: Matthias Bein/dpa

Klaus Brinkbäumer ist Programmdirektor des MDR in Leipzig. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter:@Brinkbaeumer.

– Ist die zehnte Folge der zweiten Staffel dieses Tagebuchs das Finale?

– Eine Karikatur im „New Yorker“ zeigt erregte Menschen bei einer „Bottom of the Face Reveal Party“, der feierlichen Enthüllung der unteren Gesichtshälfte. Wie eigentlich ginge FKK inmitten einer Pandemie: die Maske als einziges Kleidungsstück?

– Außengastronomie: Das erste Familiendinner, bei „Dal Fabbro“ in Hamburg, und der Sohn macht nicht mit, kennt’s nicht, rennt weg, rennt erneut weg, rennt ein drittes, viertes, fünftes Mal weg. Aber hier sind Menschen. Und sie lächeln. Und der Herr am Nebentisch hat einen Lolli dabei für Fälle wie diesen. Der Sohn bleibt beglückt sitzen. Auch uns fehlen Erfahrungen.

– Das erste Ballett. John Neumeier sagt, es wäre untertrieben, wenn er behauptete, er freue sich, uns, das Publikum, zu sehen; er berichtet, dass seine Compagnie nie mit dem Training ausgesetzt habe, doch während der Pandemie seien es Übungen im Bad oder im Schlafzimmer gewesen, später in Kleinstgruppen. Wie tanzt, wer Abstand halten muss? Heute aber: Anna Laudere und das gesamte Ensemble tanzen beglückt, die Pianistin Mari Kodama und Kent Nagano und sein Philharmonisches Staatsorchester spielen befreit, Klaus Florian Voigt singt hemmungslos, allen dort auf der Bühne merkt man es an: endlich wieder Beethoven. Kunst brauche Erschaffende wie auch Empfänger, sagt Neumeier, jene, die sich in ihr erkennen.

„Präsenzveranstaltung“, ein verabscheuenswertes Wort dieser Zeit

– Die ersten Lesungen. Schreiben sei ein „ewiges Liebesspiel mit der Sprache“, hat Friederike Mayröcker gesagt. Während der Pandemie konnten wir lesen, schreiben, nur die Begegnungen fielen aus. Im März 2020 verlangte die Kanzlerin den Verzicht auf alle „nicht notwendigen“ Kontakte, Ingo Schulze war der Letzte, der im Leipziger Literaturhaus las. Schulze liest im Garten, beglückt und befreit auch er. „Präsenzveranstaltung“, ein verabscheuenswertes Wort dieser Zeit.

– Sie verabscheue wenige Wörte so sehr wie „schmunzeln“, schreibt Antonia Baum auf Twitter, und viele steuern ihre Ekelwörter bei: „schmökern“, „Fingerzeig“, „schlemmen“, „schelmisch“, „verschmitzt“, „sich lasziv räkeln“, „genusswandern“, „verwöhnen“, „naschen“, „schmusen“, „kuscheln“, „knuddeln“, „stibitzen“. Auch Wörter haben eine Gegenwart, plötzlich ist sie vorbei.

Kolumne „Spiegelstrich“ : Ist es jetzt wirklich vorbei mit der Pandemie?

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

– Ich verehre noch immer Wörter, die ich vergessen hatte, Münsterwörter: „jovel“ für toll und „schofel“ für gemein, „auffer Autobahn“, „hömma“, „musse“, „kannsse“. „Maloche“ und „meschugge“ gehören dazu, die „Leeze“ (Fahrrad) natürlich, sogar die „Kalinen“, wie wir damals die Mädchen nannten. „Masematte“ hieß Münsters Nebensprache einst, Juden und Sinti und Roma hatten sie geprägt. Heute lerne ich, dass ein Parkhaus „Wuddibeis“ heiße, ein Flugzeug „Luftwuddi“ und der Prinzipalmarkt „Nobelstrehle“. Nie gehört.

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– Wie werden wir zurückblicken auf die Pandemie, ihre Regeln und unser Verhalten, unsere Fehler? Noch wissen wir es nicht, aber eines werde bleiben, schreibt Carolin Emcke in der „SZ“: „Die sich radikalisierende Leugner-Bewegung wird fortbestehen, auch wenn das vorgeschobene Objekt ihres Protests, die freiheits-einschränkenden Maßnahmen gegen Covid, längst einkassiert wurde.“ Das „Amalgam aus dissidenter Pose, Wissenschaftsfeindlichkeit und autoritärem Populismus“ werde sich künftig dann gegen eine vermeintliche Klima-Diktatur richten; entscheidend sei die „Blickachse von ‚unten’ nach ‚oben’“: das Volk, „das als entmündigt oder unterdrückt stilisiert wird, gegen die ‚Elite’, die im vermeintlich Geheimen, entkoppelt von der gesellschaftlichen Realität, operiert“.

– Wahltag: auf nach Magdeburg, denn leben heißt wieder bewegen.

– Ende. (Cliffhanger: Ob es wirklich vorbei ist?)

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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