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Kino Arsenal würdigt Birgit Hein : Ihre Filme scheuen kein Tabu

Birgit Hein filmte ihren Alltag bis zu den intimsten Details und widmete sich den Obdachlosen. Das Arsenal zeigt ihr Pionierwerk in einer Online-Schau.

Kino Arsenal würdigt Birgit Hein : Ihre Filme scheuen kein Tabu

Heftig drauf. Birgit Hein.Foto: rbb/Oliver Ziebe

Roh, verboten, stinken, schwitzen. Schon in den Titeln der Berliner Experimentalfilmerin Birgit Hein verbindet sich die Geste der Überschreitung mit einer materiellen Präsenz. In „Rohfilm“ von 1968, dem bekanntesten der sogenannten Materialfilme von „W+B Hein“ wie sich die langjährige Lebens- und Arbeitspartnerschaft mit Wilhelm Hein nannte, wird das Zelluloid zu Störgeräuschen einer 20-minütigen Attacke ausgesetzt. Ein zerkratzter und mit Bildern, Asche und anderen Abfällen beklebter Filmstreifen wurde durch einen Projektor gezogen und von der Leinwand abgefilmt. Die Unfälle schreiben sich in das Endprodukt ein.

Für Digital Natives muss „Rohfilm“ wie eine prähistorische Ausgrabung wirken, die Empörung, die der Film seinerzeit erregte, ist aber auch für die im späten Analogzeitalter Geborenen schwer vorstellbar. Gezeigt wird dieses Pionierwerk des europäischen Avantgardefilms nun im Rahmen einer Werkschau Birgit Heins im digitalen Kinoraum Arsenal 3.

Es mag widersinnig sein, eine performative Arbeit wie „Rohfilm”, das die Projektion selbst zum Thema hat, auf dem heimischen Bildschirm zu betrachten. Anderseits gehören bei Hein Medientransfers zum ästhetischen Programm. Ihr Werk reibt sich, was die Offenlegung und Politisierung des Privaten betrifft, an den Bedingungen der (digitalen) Gegenwart. Wie die Filmemacherin selbst ihr künstlerisches Projekt heute betrachtet, lässt sich am 14. Februar auf dem YouTube Channel des Arsenal mit ihr diskutieren.

Als Birgit Hein Anfang der achtziger Jahre den Blick vom reinen Material auf das Material des eigenen Lebens lenkte, war dies weniger ein Bruch als eine Verschiebung. „Love Stinks“, entstanden 1982 während eines Kunststipendiums in New York, ist ein Rohfilm der anderen Art.

Man sieht die Heins beim Rauchen, Herumsitzen, Masturbieren, Ficken und Fernsehen, immer wieder finden sich neue Kameraperspektiven, Raumansichten und Körperpositionen; Hinweis auch auf das inszenierte Moment dieser vermeintlich authentizistischen Selbsterkundung. Kein Bereich körperlicher Intimität wird ausgespart.

Erinnerung, Sexualität und Gewalt

Auch draußen, im Stadtraum, gilt der Blick dem Schmutz und dem gesellschaftlich Ausgestoßenen: ausgeweidete Gebäude in der Bronx, Graffitis und obszöne Kritzeleien auf Plakaten, in den vermüllten Straßen liegende Obdachlose. Bei allem historischen Abstand geht von „Love Stinks“ noch immer etwas Heftiges aus.

Die Befreiung von gesellschaftlichen Tabus ist allerdings auch eine anstrengende Unternehmung. „Wir versuchen uns hier freizuschaufeln, und das ist wirklich harte Arbeit“, schreiben die Heins zu „Verbotene Bilder“ (1984-85), einem Film, der sich in die Zusammenhänge von Erinnerung, Sexualität und Gewalt hineinbohrt.

[bis 28.2. auf arsenal-berlin.de]

„Kali-Filme“ (1987–88), benannt nach der von Männern gefürchteten Muttergöttin aus der Hindu-Mythologie und Abschluss ihrer Zusammenarbeit mit Wilhelm Hein, ist eine Montage aus Found Footage zu den Klängen von Billie Holiday und Antonín Dvobák, die Aufnahmen stammen aus Horrorfilmen. Unter Heins Bearbeitung fügen sich die exploitativen Szenen zu einem exorzistischen Ritual, wobei sich die (Geschlechter-)Bilder nicht einfach so „austreiben“ lassen.

Das Begehren der älteren Frau

Das kollektive Bilderrepertoire ist auch Gegenstand von „Die unheimlichen Frauen“ (1991), einer Dekonstruktion des Stereotyps der friedfertigen Frau mit Bildern und Geschichten von Soldatinnen, Partisaninnen, KZ-Aufseherinnen und Kindsmörderinnen. Mit dem Begriff der Selbstermächtigung ist diese Täterin-Erzählung sicher nicht zu fassen.

An einem anderen Tabu rüttelt der Travelogue „Baby I Will Make You Sweat“ von 1994. Hein spricht hier ihr sehr explizit über ihr Begehren nach körperlicher Nähe und Sex als älter werdende Frau. Mit einer Videokamera reist sie nach Jamaika, wo ihre Sehnsüchte erfüllt werden, ohne dass sie darum bitten muss.

Den Fallen der Repräsentation begegnet der Film mit einer Bildsprache, die sich dem Zugriff mittels Abstraktion entzieht: Die digitalen Aufnahmen wurden auf 16 mm abgefilmt und bearbeitet. Dennoch bleiben die postkolonialen Machtverhältnisse, die so eine Form der Tauschökonomie ermöglicht, ein irritierend blinder Fleck. Heins Werk ist ein Produkt ihrer Zeit, aber die Fragen, die sie stellt, haben sich nicht erledigt.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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