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Jede dritte Förderstunde zur Disposition : Berlin verteilt hunderte Lehrer um – und schickt sie in einen Stellenpool

Schulleiter sind in Sorge: 30 Prozent der Stellen für Förder-Personal werden den Schulen herausgerechnet. Sie müssen nun spezielle Konzepte belegen.

Jede dritte Förderstunde zur Disposition : Berlin verteilt hunderte Lehrer um – und schickt sie in einen Stellenpool

Eine Lehrerin in einer Grundschule. (Symbolbild)Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Das Schreiben trug den unverfänglichen Titel „Prognose zum Schuljahr 2021/2022“ und wanderte in vielen Berliner Schulen kurz vor den Winterferien erst mal in die Ablage. Ein Fehler, wie sich später herausstellte, denn es enthielt äußerst brisante Informationen, die inzwischen vor allem an den sogenannten Brennpunktschulen für Empörung sorgen.

Grund ist, dass allen Schulen erstmal 30 Prozent ihres Personals, das sie für Sprachförderung und Inklusion bekommen, herausgerechnet wird. Das kann an Brennpunkt- oder Inklusionsschulen mehr als ein halbes Dutzend Stellen ausmachen.

Über ganz Berlin verteilt dürfte es sich um weit über 500 Stellen handeln, die sodann in einen neuen regionalen Stellenpool fallen. Von dort aus können die Schulen ihre Stellen wiederbekommen, wenn es ihnen gelingt, geeignete Förderkonzepte nachzuweisen. Damit soll verhindert werden, dass Schulen ihr Förderpersonal – etwa für Vertretungsstunden – zweckentfremden.

Alles halb so schlimm, meint die Bildungsverwaltung. Sprecher Martin Klesmann betont, dass es unterm Strich sogar über 100 Stellen zusätzlich gebe. Es handele sich somit nicht nur um „einen Stellenaufwuchs, sondern auch eine deutlich größere Verteilungsgerechtigkeit“.

Die Vereinigung der Berliner Integrierten Sekundarschulleitungen (BISSS) sieht das ganz anders. „Wir empfinden die Streichung von Förderstunden als völlig kontraproduktiv“, sagte Vorstandsmitglied Sven Zimmerschied dem Tagesspiegel am Freitag.

Schulleitungen fordern zusätzlichen „Corona-Stundenpool“

Um die Pandemie-Folgen zu bewältigen, brauche man eher einen zusätzlichen „Corona-Stundenpool“. Zwar würden die Schulräte dahingehend beschwichtigen, dass die Schulen die gekürzten Lehrerstunden wieder beantragen könnten, „aber daran glauben alle Schulleitungen aufgrund ihrer Erfahrungen nicht“, lautet seine Einschätzung.

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Was die neuen Berechnungen konkret bedeuten, rechnet Zimmerschied für seine Charlottenburger Schule vor: erstmal acht Stellen weniger. Er weiß nicht, ob er neue Lehrer einstellen kann, denn die Planung ruht, bis für Charlottenburg-Wilmersdorf ausgerechnet ist, was wer aus dem Pool bekommt. Daher bangt Zimmerschied etwa um einen Kurs für die Berufsorientierung, der Schülern beim Übergang in die Ausbildung helfen soll. Auch andere Förderkurse und besondere Kleinlerngruppen sieht er in Gefahr.

Berlin ist bei der Personalplanung ohnehin spät dran

„Erschrecken Sie nicht, es wird schon wieder“, sei die Botschaft der Schulräte in Friedrichshain-Kreuzberg gewesen, als jetzt per Videokonferenz über das Papier beraten wurde, berichtet eine Schulleiterin. Sie weist darauf hin, dass Berlin ohnehin immer später dran sei bei der Personalplanung als andere Bundesländer. Das behindere die Suche nach Lehrernachwuchs, der zuerst dahin gehe, wo er Zusagen bekomme.

Da Berlin mangels Lehrerverbeamtung ohnehin im Nachteil sei in der Konkurrenz um die kostbaren Kräfte, würden die Chancen durch die späte Planbarkeit weiter sinken. Dieses Dauerproblem werde durch das jetzt verkündete Verfahren mit dem Dispositionspool nochmals verstärkt.

Jede dritte Förderstunde zur Disposition : Berlin verteilt hunderte Lehrer um – und schickt sie in einen Stellenpool

Schulen sollen ihre Förderkonzepte nachweisen, um Personal zu bekommen.Jörg Carstensen/dpa

Darüber hinaus weist Michael Wüstenberg, Leiter des Weddinger Lessing-Gymnasiums, auf weitere Konsequenzen des immensen Stellenpools hin: „Er erschwert den Schulleitungen die Personalprognose, stärkt die Schulaufsicht und schwächt die Schulleitungen der eigenverantwortlichen Schulen.

„Diese Neuerungen wurden im Vorfeld nicht kommuniziert. Viele Schulleitungen üben sich nicht mehr in Verzweiflung, sondern nur noch in Sarkasmus“, beschreibt Zimmerschied die Stimmungslage. Hinter der „Personalbedarfsbereinigung“ stecke ein „tiefes Misstrauen, wie die Schulen die Stunden einsetzen“, sagt Zimmerschied. Wenn es „schwarze Schafe“ gebe, die zu viel Personalbedarf angäben, dann müsse man das im Einzelfall klären, aber nicht den anderen Schulen „ihre Konzepte kaputtmachen“.

“Das ist nicht auf Augenhöhe”

„Ich bin enttäuscht über den Umgang. Das ist nicht auf Augenhöhe“, ergänzt die BISSS-Vorsitzende Miriam Pech. Für ihre Heinz-Brandt-Schule in Weißensee bedeuten die neuen Berechnungen, dass sie rechnerisch 6,5 Stellen einbüße, ohne zu wissen, was zurückkommt.

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Einen weiteren Kürzungsversuch sehen Schulleiter in der Berechnung der Willkommensklassen. Bisher konnte man die Lehrkräfte pro Klasse beantragen, ohne dass diese Klassen bereits zum Schuljahresbeginn voll sein mussten. Der Hintergrund: Im Laufe des Schuljahres füllen sich die Gruppen durch neue Geflüchtete von selbst. Künftig sei das aufgrund einer neuen Personalzumessung nicht mehr möglich: „Ich muss dann mit Sicherheit eine von zwei Klassen schließen“, sagt Zimmerschied.

Nicht alle Schulleiter hegen Bedenken

Weniger Befürchtungen hegt Tilmann Kötterheinrich-Wedekind, der Leiter des Neuköllner Abbe-Gymnasiums. Die Stellenzuteilung von der Vorlage von Konzepten abhängig zu machen, halte er “grundsätzlich für einen richtigen Weg”.

Da seine Schule über ein Konzept für eine “ausgezeichnete Sprachbildung und Höchstförderung” verfüge, sei ihm “gar nicht bange”, auch wenn er in der Planungsphase über die Förderstunden “theoretisch nicht mehr verfüge, bis die regionale Schulaufsicht die Konzepte gewichtet hat”.

Ein junger Schulleiter, der gerade frisch nach Berlin gekommen ist, und eine prekäre Sekundarschule verantwortet, wunderte sich am Freitag zumindest über „die Art der Kommunikation“ der Bildungsverwaltung. Das sei nicht das, was er sich unter Verlässlichkeit vorstelle. Was die „Prognose zum Schuljahr 2021/2022“ für seine Schule bedeutet, versucht er jetzt erstmal zu verstehen.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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