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Hommage an Roger Willemsen : Zeig mir die Enden der Welt

Vor fünf Jahren starb Roger Willemsen. Im Andenken an den literarischen Abenteurer hat Maria Schrader sein letztes Programm als CD herausgebracht.

Hommage an Roger Willemsen : Zeig mir die Enden der Welt

Reisende in Wort und Klang. Schauspielerin Maria Schrader, Geigerin Franziska Hölscher und Pianistin Marianna Shirinyan.Foto: Christine Fenzl

„Worauf kann ich eher verzichten: das Weggehen oder das Ankommen?“ Ein Hammer-Satz, mit dem Roger Willemsen seinen Essay „Heimat“ beginnt. Enden wird er, nach drei Minuten und 41 Sekunden sowie jeder Menge anregender Gedanken zur „Landschaft der Kindheit“, mit einem weiteren Gedankenspiel: „Wenn ein Karpfen in einem Waschbecken aufwächst – nennt er es dann heimlich Heimat?“

Mitten im Text aber steht eine Schnurre, die ein Landarzt Roger Willemsen erzählt hat. Der besucht einen frisch verwitweten Patienten, um zu hören, wie er ohne seine Frau zurechtkomme. „Ach, wissen Sie, Herr Doktor“, sagt der alte Mann, „der Gram bekommt mir besser als der viele Ärger.“ Es ist diese Mischung aus Aphorismen und Anekdoten, die Willemsens Texte so anziehend macht. Philosophisches mit Alltagsbeobachtungen zu mischen war sein künstlerischer Kniff, als grenzenlos Neugieriger begab er sich gerne in die absurdesten Situationen – und hatte als umfassend Gebildeter dabei immer das adäquate Klassiker-Zitat zur Hand.

Was seinen Lesern das Gefühl gibt, das Übergeordnete im Kleinen erkennen zu können. Oder in diesem Fall: seinen Hörern. Denn zum fünften Todestag Willemsens am 7. Februar wurde sein letztes literarisch-musikalisches Bühnenprogramm „Landschaften“ als Album veröffentlicht. Die Geigerin Franziska Hölscher und die Pianistin Marianna Shirinyan spielen Stücke von Bach bis Bartok, von Brahms bis Gershwin, Maria Schrader liest dazu die sprachlich verspielten Pretiosen des Autors. So hatte es sich der bereits Todkranke von der Schauspielerin gewünscht, nachdem er das mit den Musikerinnen konzipierte Programm nur einmal selber hatte aufführen können.

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Kennengelernt hatten sie sich Mitte der 1990er Jahre, als Maria Schrader Studiogast in „Willemsens Woche“ war. Regelmäßig trafen sie sich dann bei der Lit.Cologne, später, als sie beide in Hamburg lebten, wurde der Kontakt noch enger. Beim Telefoninterview beschreibt Maria Schrader Roger Willemsen als einen Mann, „der mir in der ersten Begegnung so ungewöhnlich herzlich, verbindlich und interessiert vorkam, dass ich dachte, das ist zu viel, um wahr zu sein; das hört bestimmt gleich auf.“ Aber es hörte nicht auf. Denn Roger Willemsen begegnete allen Menschen mit auffälliger Aufmerksamkeit.

„Und dann war da dieses irre Tempo, nicht nur sprachlich, sondern auch gedanklich“, erinnert sich Maria Schrader. Diese Energie ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. „Er schien immer mit mehr Einsatz zu spielen als wir anderen. Worum es auch ging in den Gesprächen, durch ihn wurden sie fundamentaler, witziger, besonderer. Er konnte einen anstecken und inspirieren.“

Schwer war es für Maria Schrader, Franziska Hölscher und Marianna Shirinyan, den privaten Schmerz der beruflichen Professionalität unterzuordnen, als sie, nur zehn Tage nach Roger Willemsens Beerdigung, erstmals die „Landschaften“ aufführten. Oft haben die drei das Programm seitdem präsentiert, die CD-Produktion fand nun in der für ihre musikfreundliche Akustik berühmte Dahlemer Jesus-Christus-Kirche statt, zwangsläufig ohne Publikum. „Das war mein erstes und einziges Geisterkonzert“, berichtet Maria Schrader, „fast ein schockartiges Erlebnis“. Letztlich aber, fügt sie hinzu, hätten sie im menschenleeren Sakralraum Roger Willemsens Präsenz umso stärker spüren können.

Zuneigung zum verstorbenen Freund, Respekt vor seinen Gedanken

Zuneigung und Verbundenheit der Interpretinnen mit ihrem verstorbenen Freund werden beim Hören ebenso greifbar wie ein großer Respekt vor seinen Gedanken. Zurückhaltend, fast demütig wirkt Maria Schrader beim Lesen der Texte. Ganz bewusst versucht sie nicht, die extrovertierte Art ihres Verfassers zu imitieren. Und auch Franziska Hölscher und Marianna Shirinyan musizieren eher defensiv, zielen nie auf Effekte ab. So stellt sich eine angenehm intime Atmosphäre ein, die ganz auf die Inhalte konzentriert ist, wie in den Künstler-Salons des 19. Jahrhunderts.

Dabei geht Roger Willemsen durchaus dorthin, wo es wehtut. In die Berliner U-Bahn beispielsweise, ganz tief in die deutsche Provinz oder in die Ruinen von Belgrad. „Roger war ein literarischer Abenteurer“, sagt Maria Schrader, „einer, der sich treiben lassen konnte, der etwas erleben wollte und sich darum Menschen wie Situationen ausgesetzt hat.“ Dass man beim Unterwegssein seltsame Erlebnisse sammelt, Begegnungen, Dialoge, die man in Erinnerung behält, sei eine Erfahrung, die jeder Reisende kenne.

Wobei das Gefühl des Fremdseins schnell beängstigend werden könne, nicht nur, wenn man in Situationen gerate, die sich mangels Ortskenntnis schwer einschätzen ließen. Dass er sehr genau wusste, „wer er ist und woher er kommt“, hat Roger Willemsen geholfen, glaubt Maria Schrader. „So ein In-Sich-Zuhause-Sein hat mit einer Erdung zu tun, die es einem erlaubt, sich auf Reisen nicht zu verlieren. Das ist eine große Charakterstärke.“

[„Landschaften” ist beim Label Zweitausendeins erschienen.]

Dass er sich den Auftrag, bis an die Enden der Welt vorzustoßen und darüber zu schreiben, selber gegeben hatte, war Roger Willemsens Schutzschild, meint Maria Schrader. „Ich empfinde das ähnlich, wenn ich mit meiner Arbeit reise. Ich bin für Filmprojekte in Gegenden gewesen, in die ich mich als Privatperson gar nicht getraut hätte.“ Wie Roger Willemsen das Erlebte kreativ zu verarbeiten verstand, bewundert sie besonders. „Er kann von einer fast schon rotzigen Subjektivität, mit der er Details schildert, mühelos in die Vogelperspektive wechseln – die es ihm dann ermöglicht, größere Zusammenhänge zu sehen und zu beschreiben, auch durch die Zeiten hindurch.“

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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