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Hedonismus mit Hygiene : Wie das Festival Nation of Gondwana ein Erfolg werden soll

Viele große Musikevents mussten abgesagt werden, aber die „Nation“ in Brandenburg findet statt. Dank eines aufwendigen Konzepts und lang gewachsenem Vertrauen.

Hedonismus mit Hygiene : Wie das Festival Nation of Gondwana ein Erfolg werden soll

Endlich wieder feiern und tanzen: Das wir auf dem Festival Nation of Gondwana möglich sein.Foto: Getty Images

Die Worte klingen nach einem lang vermissten Gefühl der Ausgelassenheit und etwas Zauberei: An den kommenden beiden Wochenenden lädt das Techno-Festival Nation of Gondwana ins brandenburgische Grünefeld zu „semifiktivem Parallelwelttourismus“ und zur „postpandemischen Selbstenthemmung“. Das vermittelt den Eindruck von Hedonismus und Heiterkeit, ist aber das Ergebnis von viel Arbeit – und einem 22-seitigem Hygienekonzept.

Das traditionsreiche Nation of Gondwana – 2019 feierte es sein 25-jähriges Jubiläum – ist eines der wenigen Festivals, das in diesem zweiten Pandemie-Sommer überhaupt stattfindet. Die „Fusion“ musste ihre ambitionierten Pläne abbrechen, und auch die Fans von Melt, Splash, Rock am Ring und Lollapalooza wurden von den Veranstaltern erneut vertröstet.

Die „Nation“ aber gibt es gleich doppelt: Jeweils rund 5000 Gäste plus Festival-Mitarbeitende werden an den zwei Wochenenden zusammenkommen, um endlich wieder Techno und Tanz zu frönen. Doch für das Modellprojekt des Landes Brandenburg gilt ein strenges Regelwerk, das die Veranstaltergruppe „Pyonen“ gemeinsam mit Virolog:innen, Aerosol-Forscher:innen und Mathematiker:innen erarbeitet hat.

Alle Festivalkarten wurden in Kombination mit einem Auto- oder Fahrradticket verkauft. Nur mit einem Fahrzeug kommt man auf das Gelände. Die Veranstalter wollen so vermeiden, dass Menschenmassen mit dem Zug anreisen. Erklärtes Ziel ist, „möglichst kleine Cluster“ zu bilden.

Ausgeklügeltes Testverfahren

Das Verfahren: Wer ein Ticket ergattert hat und noch keinen Nachweis über eine vollständige Impfung vorlegen kann, bekommt zunächst gar kein Festivalticket, sondern einen Voucher für einen PCR-Test, der frühestens 14 Tage vor Beginn des jeweiligen Festivalwochenendes eingelöst werden kann.

Liegt bei dem Test ein negatives Ergebnis vor, wird dieses an den Ticketanbieter übermittelt, der wiederum das Festivalticket per E-Mail oder SMS an den Gast verschickt. Damit ist allerdings erst die erste Stufe des Testverfahrens genommen.

Bei Ankunft auf dem Festivalgelände müssen alle Besucher:innen, egal ob bereits mit vollständigem Impfschutz oder ohne, bei einer Drive-In-Station einen Antigentest machen, der auf einem eigens auf dem Gelände aufgebauten Labor analysiert wird.

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Erst wenn auch hier das Ergebnis negativ ausfällt, darf der Gast auf das Gelände. Die Informationen über persönliche Daten und Testergebnisse sind auf einem Chip gespeichert, den alle zum Betreten des Geländes brauchen und die gesamte Zeit tragen müssen. Auch für diejenigen, die vorher bereits die Infrastruktur des Festivals aufbauen, gelten strikte Regeln: Sie absolvieren alle zwei Tage während des Aufbaus einen Schnelltest.

Doppelte Motivation für Brandenburg

Das überzeugende Hygienekonzept sei ausschlaggebend gewesen, die Erlaubnis für das Festival zu erteilen, sagt Jörg Seeger, Pressesprecher des Brandenburgischen Wirtschaftsministeriums. Es habe eine doppelte Motivation gegeben, das Festival trotz aller Hindernisse zu ermöglichen: Zum einen wolle man der gebeutelten Veranstaltungsbranche auf die Beine helfen, sagt Seeger.

Zum anderen sollen wissenschaftliche Erkenntnisse für künftige Veranstaltungen gewonnen werden. Wissenschaftler:innen sind zwar nicht vor Ort, werten hinterher aber gewonnene Daten anonym aus.

Nicht nur der Ticketverkauf ist durchdacht worden: Das Festivalgelände selbst ist in abgegrenzte Bereiche eingeteilt. So etwa sind die Bereiche für Festivalgäste, Mitarbeitende und der Backstage-Bereich „streng voneinander getrennt“, wie es im Konzept heißt.

Ein Team aus Sicherheitsleuten bewacht das Festival von außen, um sicherzustellen, dass niemand Unbefugtes auf das Gelände kommt. Dieses äußere Security-Team hält sich in einem ebenfalls abgegrenzten Bereich auf, der um das Festivalgelände gezogen wurde. Die Idee: Die Sicherheitskräfte kommen erst gar nicht in direkte Berührung mit anderen Festivalmitarbeitenden oder Gästen.

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Im inneren Festivalbereich gilt auf den Toiletten und vor den Essens- und Getränkeständen eine Maskenpflicht, und an jeder Kreuzung stehen Handwaschbecken und Desinfektionsspender bereit. Ganz schön viel Aufwand, im Dienste der Technobegeisterten und alle jener, die nicht für Ewigkeiten auf größere Veranstaltungen verzichten wollen.

„Ich denke, die Atmosphäre wird großartig sein“

„Natürlich ist das sehr lästig. Aber wenn die Menschen vor Ort sind, freuen sie sich hoffentlich, zusammen zu sein“, sagt der schwedische DJ Joel Mull. Für ihn ist es das erste Mal seit fast anderthalb Jahren, dass er wieder vor einer Menschenmenge auflegt. „Ich denke, die Atmosphäre wird großartig sein“, sagt der Künstler am Telefon.

Für ihn sei das Festival immer „das Highlight des Jahres gewesen“. Er legt bei Nation of Gondwana seit vielen Jahren auf und spricht von einem „einzigartigen Festival“. „Viele Menschen kommen jedes Jahr, es gibt ein sehr familiäres Gefühl.“

Auch das mag dazu beigetragen haben, dass das Festival dieses Jahr stattfinden kann: die enge Verbundenheit mit der Gemeinde Schönwalde-Glien, in dem der Austragungsort liegt. Es gäbe ein „sehr enges, partnerschaftliches Verhältnis“ mit den Veranstaltern, erzählt Bürgermeister Bodo Oehme. Man sei von Anfang an in die Planungen involviert gewesen und habe sie „natürlich unterstützt“.

Feuerwehr und Frauenchor sind wieder mit dabei

Wie jedes Jahr werde der Feuerwehr-Verein beim Würstchen-Grillen auf dem Festival-Gelände aushelfen. Und auch der Frauen-Kirchenchor der Gemeinde, der viele Jahre das Festival eröffnet hat, werde am Samstag dort singen. „Ich finde es schön, dass wir hier ein derartiges Musterprojekt umsetzen“, sagt Oehme. So fände man hoffentlich Lösungsansätze für die Zukunft.

Er selbst wird ebenfalls eine Nacht lang auf dem Festival grillen, um den vielen Ehrenamtlichen seine Wertschätzung zu demonstrieren, sagt er. Sorgen um mögliche Infektionen mache er sich „eigentlich nicht“. Das Hygienekonzept ermögliche eine „große Sicherheit“.

Steigende Infektionen nach Festival in Holland

Nachrichten über Infektionen nach einem Festival in Holland hatten Anfang der Woche aufhorchen lassen: Rund 1.000 Besucher:innen des Verknipt-Festivals in Utrecht hatten sich dort am 3. und 4. Juli nach Angaben der niederländischen Nachrichtenagentur ANP mit dem Coronavirus infiziert – trotz Hygienekonzept und Testauflagen für nicht vollständig Geimpfte.

Eine Sprecherin des Festivals erklärte auf Anfrage, dass die Regierung einen Fehler gemacht habe: Der QR-Code, der als Nachweis für den vollständigen Impfschutz diene, sei nicht erst zwei Wochen nach der Impfung verschickt worden, sondern direkt danach.

Außerdem habe es sich bei den Tests, die die noch nicht vollständig geimpften Gäste im Vorfeld machen mussten, lediglich um Schnelltests gehandelt. Das größte Problem dabei sei gewesen, dass der Test bis zu 40 Stunden vor Beginn des Festivals gemacht werden konnte.

Party statt Sorgen

Die Hoffnung ist, dass dem Nation of Gondwana ähnliches nicht passieren kann: aufgrund des ausgeklügelten Regelwerks und insbesondere der Tests direkt vor dem Festivalbeginn. DJ Joel Mull freut sich, nach der langen Pause endlich wieder vor Publikum spielen zu können: „Für mich ist es so wichtig zu erleben, wie Menschen auf meine Musik reagieren und die Energie zu spüren, die davon ausgeht.“ Im vergangenen Jahr habe er sich oft verloren gefühlt, es sei schwierig gewesen.

Das Festival ruft dazu auf, die „Sorgenlandstriche“ der vergangenen Monate zu verlassen – für zwei Wochenenden. Im besten Fall wird es durch die gewonnenen Erkenntnisse dazu beitragen, sicheren Hedonismus auch an anderen Tagen wieder zu ermöglichen.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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