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Fortsetzung der RBB-„Schicksalsjahre“ : Große Geschichte, kleine Geschichten

Berlin seit 1945 in 100 Stunden: Wie der RBB die „Schicksalsjahre“ mit neuen Staffeln zum Epochenfernsehen ausbaut.

Fortsetzung der RBB-„Schicksalsjahre“ : Große Geschichte, kleine Geschichten

Lange Zeit hielt die Gladow-Bande die geteilte Berliner Nachkriegspolizei zum Narren, heißt es in der neuen Staffel der…Foto: picture alliance / dpa

Heute kämpfen Berliner darum, das Straßenland von den Autos zurückzuerobern. Wenn Hans Hielscher an die Kinderjahre nach dem Zweiten Weltkrieg denkt, dann erinnert er sich auch daran, dass die Straßen in Weißensee ihr Spielplatz waren, weil es so gut wie keine Autos gab. Und Eberhard Diepgen, der spätere Regierende Bürgermeister, erzählt, wie er und seine Brüder ein Trümmerfeld im Wedding zum Bolzplatz umfunktionierten.

Die Erzählungen von Hielscher und Diepgen, die um Erinnerungen von prominenten Zeitzeugen wie Didi Hallervorden und Vera Tschechowa, aber auch um jene von weniger bekannten Berlinern ergänzt werden, stammen aus der neuen Staffel von „Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt“, die vom 14. August an im RBB ausgestrahlt wird. Die Staffel behandelt die Zeitspanne von 1945 bis 1960, jede der vier Folgen – Sprecherin ist diesmal Corinna Harfouch, die Meret Becker 2022 als Berliner „Tatort“-Kommissarin ablösen wird – umfasst vier Jahre. Es ist die Zeit zwischen heißem und Kaltem Krieg, zwischen Trümmerbeseitigung und Wirtschaftswunder, aber auch die Zeit, in der Berlin in zwei Teile mit unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen zerfällt.

Im Anschluss an die neuen Folgen wiederholt der RBB alle Episoden von 1961 bis 2010, bevor dann im Herbst 2022 eine weitere neue Staffel über die Jahre von 2011 bis 2020 die Reihe komplettiert. Am Ende ergeben 64 Folgen zu 90 Minuten 5760 Fernsehminuten oder fast 100 Stunden Berlin-Geschichte. „Epochenfernsehen“ nennt es RBB-Programmchef Jan Schulte-Kellinghaus selbstbewusst. Und epochal ist es tatsächlich, was die RBB-Abteilung Dokumentation und Zeitgeschichte auf die Beine stellt.

Es ist überwältigend, wie viel Geschichte in diesen Nachkriegsjahren steckt. So wie 1949 mit dem Ende der Berlin-Blockade im Mai, bevor dann im gleichen Monat die Bundesrepublik und im Oktober die DDR gegründet wurde. Zwei weitere Schritte Richtung Trennung in Ost und West.

Austausch an der Sektorengrenze

Zur großen Geschichte kommen die kleinen Geschichten, sowie die von den Straßenbahnschaffnern und -schaffnerinnen. Weil mit Westgeld nicht im Osten bezahlt werden konnte und umgekehrt, mussten sie vor der Überfahrt zwischen den Ost- und Westsektoren ausgetauscht werden. Ein ganz normaler Vorgang seinerzeit, inklusive des entspannten Plauschs zwischen den BVG-Kollegen.

Die Zeitzeugen der neuen Staffel waren damals Kinder. Entsprechend fällt der Blickwinkel aus, diese Begeisterung für die Zeit ihrer Kindheit und Jugend, aber auch eine mitunter naive Weltsicht. Eine andere Besonderheit sind die Quellen. In den Staffeln davor konnten die Macher der Reihe um Johannes Unger und Rolf Bergmann auf den eigenen Fundus von „Abendschau“ (West) und dem Archiv des DDR-Fernsehen zurückgreifen. Für die Zeit zwischen 1945 und 1960 mussten andere Quellen wie „Wochenschau“ (West) und „Der Augenzeuge“ (Ost) erschlossen werden.

In ihrer Tonalität unterscheiden sich die Berichte dabei gar nicht so stark voneinander, trotz unterschiedlicher politischer Systeme – was daran liegt, dass die Berichterstatter auf beiden Seiten ihr Handwerkszeug zumeist bei der Vorkriegs-„Wochenschau“ gelernt hatten.

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Hinzu kommt Material aus US-Archiven und von historischen Filmdiensten wie Chronos sowie aus privaten Quellen. Die Zuschauer dürfen sich jedenfalls auf viele Bilder in Kinoqualität freuen. Allerdings steht aus dieser Zeit weniger Material zur Verfügung als nach dem Start der täglichen „Abendschau“ 1958. Zudem kostet das lizensierte Material Geld. Dass sich der RBB diese Kosten überhaupt leistet, hat mit dem Erfolg der „Schicksalsjahre“ zu tun. Die Reihe gehört zu den erfolgreichsten Eigenproduktionen des Senders, die Quoten liegen regelmäßig über dem Senderschnitt.

Und was kommt nach den „Schicksalsjahren“? Für die Zukunft will der RBB auch bei der Geschichtsvermittlung neue, crossmediale Wege gehen. Dazu gehören die „Geheimnisvollen Orte“ als Podcasts für ein jüngeres Publikum. Eine sechsteilige Reihe soll noch im Spätsommer oder Herbst starten.

Für einen Grimme Online Award nominiert

Für den Grimme Online Award 2021 wurde unlängst die „Berlin History“-App nominiert. Der Verein hinter der App – sowohl für Smartphones mit iOS als auch Android – will die historischen Spuren, die es überall in Berlin gibt, sichtbar und erlebbar machen. Zahlreiche Kooperationspartner wie Museen, Archive, private Initiativen, Heimatforscher und Privatleute unterstützen das ständig weiterentwickelte Projekt mit seinen Texten, Karten, Fotos, Videos und Audio-Inhalten.

Fortsetzung der RBB-„Schicksalsjahre“ : Große Geschichte, kleine Geschichten

Die Geschichte Berlins lässt sich auch interaktiv am Smartphone mit der App „Berlin History“ (rechts) erkunden.Screenshot: Tsp

Ein Zugang zu den App-Inhalten ist die interaktive Karte, auf der man je nach Aufenthaltsort nach historischen Orten in der Nähe Ausschau halten kann. Eine spezielle Kamerafunktion erlaubt die Ergänzung von historischen Fotos um aktuelle Aufnahmen, um so selbst ein faszinierendes Vorher-nachher-Bild zu erstellen. Nach redaktioneller Prüfung steht dieses auch anderen App-Nutzern zur Verfügung.

Diverse Rundgänge mit Audio-Führungen führen daneben unter anderem zu den Denkmalen des Tiergartens, zur ehemaligen Stalinallee oder zu den Orten, wo früher Fluchttunnel unter der Mauer gebaut wurden. Oder möchte man vielleicht einen Stadtrundgang im Berlin des Jahres 1690 oder zu einer von drei Fußball-Routen unternehmen? Man kann sich aber auch einfach über die Startseite durch die umfangreiche Themensammlung treiben lassen. Zum Beispiel zu den historischen Karten aus der Zeit der Gründung von Groß-Berlin. Oder zu den zahlreichen Angeboten aus den Nachkriegsjahren der geteilten Stadt und der Wiedervereinigung.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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