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Flussgeschichte : Lass mich dein Weggefährte sein

Biegungen und Botschaften: Hans Jürgen Balmes verliert sein romantisches Herz an den Rhein.

Flussgeschichte : Lass mich dein Weggefährte sein

Die schönste Jungfrau sitzet dort oben wunderbar. Rheinblick auf die Burg Katz über St. Goarshausen mit der Loreley im…Foto: imago stock&people

Was wäre der Rhein ohne die Engländer! Lord Byron, der ihn besungen hat, die Touristen, die ihn zum ersten Mal in Scharen bereisten – und William Turner, der ihn berühmt gemacht hat. Denn so was Dolles hatte der Künstler auch in England, dessen Gewässer er ausgiebig porträtiert hatte, nicht gesehen. „Der Rhein war länger“, schreibt Hans Jürgen Balmes in seinem Buch über den Fluss, „seine Ufer waren wilder, seine Schluchten tiefer, und vor allem war er von Burgen und Ruinen bekrönt.“ Romantischer ging’s nicht.

William Turner, in Balmes’ Schilderung ein wilder, aufbrausender Mann, ließ sich durch den Rhein besänftigen. Der britische Maler ist eine Art Leitstern von Balmes, der sich aufmacht, die Seele dieser Landschaft entlang des Flusses, einer der ältesten Europas, zu erkunden – dem er das Herzstück des Bandes widmet, und dessen Aquarell den Titel ziert. Auch Balmes ist Romantiker, aber einer, der viel Ernüchterndes über die Entwicklung des Stromes zu berichten hat.

[Hans Jürgen Balmes: Der Rhein. Biographie eines Flusses. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2021. 560 Seiten, 28 €.]

Beruhigen lassen musste er sich, anders als Turner, wohl kaum. Der bekannte Lektor und Übersetzer, ist von vornherein ein sanfter Weggefährte des Flusses. Allein, wie er sich an den Bachstelzen erfreut, „die freundlichen Strandläufer, die immer alles mit einer Verbeugung begrüßen“. Er, der schon ein Buch über die „Quellen der Meere“ geschrieben hat, ist ausgesprochen „rheophil“, was, wie der Leser neben vielem anderen lernt, „die fließenden Gewässer liebend“ bedeutet.

Seine Reise, die durch Millionen von Jahren führt, beginnt er nicht am Anfang, nicht am Ende, sondern mittendrin: bei Kilometer 530. Denn der Rhein, erklärt Balmes, widerspricht in seiner Entstehung „der einfachen Logik von Quelle und Mündung“. Der Wasserlauf sei entstanden durch die Absenkung des Geländes.

Gewässer – ein neues literarisches Faszinosum

„Biographie eines Flusses“, so lautet der Untertitel, der nicht ganz neu ist. Claudio Magris etwa hat ihn schon benutzt, nur ging es bei diesen um die Donau. Nicht nur die Städte – auch die Autoren (in der Mehrzahl tatsächlich Männer) haben in jüngster Zeit die Gewässer entdeckt. Ihr Potenzial ist gewaltig, lässt sich an ihnen doch Natur und Zivilisation (oder das, was sich dafür hält), Geschichte und Gegenwart, Trennendes und Verbindendes erzählen.

Bei Balmes könnte der Untertitel zu falschen Erwartungen führen, nämlich der einer chronologischen Erzählung. Aber ein Fluss, das macht er deutlich, lässt sich nicht linear erzählen, der windet sich, schweift ab, teilt sich, kommt wieder zusammen. Naturgemäß mäandert auch die Erzählung – ohne den Faden zu verlieren. Elegant lässt Balmes zum Beispiel in die eigene Anschauung Leonardo da Vincis philosophische Betrachtungen über das Wasser fließen.

Es geht ohnehin nicht allein um das Leben des Flusses: Das Buch hat etwas von einer Autobiographie. Nicht im Sinne eines die einzelnen Stationen nachzeichnenden Lebenslaufes, aber doch eines Lebens-Laufes. Balmes ist in Koblenz am Rhein aufgewachsen, schon als Kind ließ er Steine über dessen Wasser flitschen.

Die frühe Prägung, zu der auch das Lesen von Abenteuergeschichten unter der Bettdecke gehört, ist die Antriebsfeder für sein großes Forschungsprojekt. Im Laufe seines über 60-jährigen Lebens ist der Autor oft und ausgiebig am Rhein entlanggewandert. Die Familie taucht immer wieder auf, der Vater, die Lebenspartnerin, die mit ihm gereist ist und der das Buch gewidmet ist. Tochter Alma Lucia Balmes hat kleine Zeichnungen beigesteuert.

Liebe zur Vogelwelt

Balmes ist ein belesener Mann, war Programmleiter internationale Literatur im S. Fischer Verlag, in dem auch „Der Rhein“ erscheint, hat John Berger übersetzt, Bruce Chatwin herausgegeben, Novalis kommentiert. Ein reiner Buchmensch ist er nicht. Neben seiner Liebe für Turner ist es jene für die Vogelwelt, die seinen Blick auf den Rhein prägt. Er kennt – und erkennt – sie alle, sein Goldhähnchen und seinen Milan. Die Natur scheint ihn noch mehr zu interessieren als die Politik, die mit dem Strom verbunden ist.

Unterwegs hat Balmes Landkarten skizziert, die dem Leser in den einzelnen Abschnitten Orientierung geben. Ergänzt werden sie durch Aquarelle Turners, dazu einige Abbildungen, etwa von Fossilien und, unglaublich real, dem wunderbaren Urpferdchen. Schade nur, dass der dicke Band, abgesehen von einem Panorama August Sanders, keine Fotos vom Rhein selbst enthält. Balmes setzt ganz auf die Macht der Worte. Allerdings wird im Herbst ein eigener Band diese Lücke schließen: Dann erscheint ein ganzes Buch nur mit Fotos des Flusses, von 1846 bis heute.

Ohnehin bietet dieser Stoff genug für eine Vielzahl von Publikationen und Perspektiven. Vor wenigen Jahren widmete die Bundeskunsthalle ihm eine große Ausstellung (ebenfalls mit „Biographie“ im Untertitel) mit begleitendem Katalog, Elke Heidenreich hat ihren Rhein vor ein paar Jahren in Buchform beschrieben, und im Herbst wird noch eine literaturhistorische Reise folgen.

Vielleicht wollte Balmes keine Konkurrenz der Bilder. Er ist ein ebenso präziser Beobachter wie Beschreiber, der die Flusswelt in allen Farben und Einzelheiten schildert. Freilich, bei aller Poesie und Wortgewalt – Balmes beschreibt gern jede Biegung des Flusses, jeden Vogel, jeden Stein. Manchmal wünschte sich diese Reisebegleiterin zumindest ein paar Details weniger.

„Hier liegt eine große, nach Süden geneigte Felsplatte mit schalenartigen Vertiefungen. Eine ist kreisrund und befindet sich beinahe am höchsten Punkt der gewölbten Platte. Von hier führt eine leicht s-förmig gebogene Rinne, die tief in das graue Gestein gegraben wurde, zu zwei weiteren Schalen.“ Das liest sich wie eine Gebrauchsanweisung zum Zeichnen. Auch hätte man nicht alle Faltbooterlebnisse gebraucht, gern dagegen noch ein paar Dialoge gehört.

Vergewaltigung des Stroms

Möglicherweise hat die Abwesenheit von Fotos auch noch ein anderen Grund, liegt dem Autor deren Schärfe, das Harte weniger als das Weiche der Turnerschen Aquarelle. Was nicht heißt, dass Balmes ein Weichzeichner ist. Erschrocken liest man, was der Mensch dem Fluss alles angetan, ja wie er ihn vergewaltigt und Felsen weggesprengt hat, wie verletzlich der mächtige Strom geworden ist.

Natürlich ist der Klimawandel des Wanderers ständiger Begleiter, der Rückzug des Eises, die Zerbrechlichkeit der Gletscher, das Sterben der Fische. Die Gelassenheit des Erzähltons täuscht nicht über die Dramatik der Vorgänge hinweg. Und doch ist es auch ein hoffnungsfrohes Buch. Denn aus de-naturiert wird immer wieder re-naturiert. Die Seeforelle etwa, schon vom Aussterben bedroht, ist auf die Kiesbänke zurückgekehrt. Und Balmes etwas, was in den 1950er undenkbar war: Er schwimmt nicht nur im Rhein, er trinkt auch daraus.

Reise mit dem Faltboot

Die Erzählung ist selbst ein langer ruhiger Fluss, der sich über gut 500 Seiten erstreckt. Das Tempo entspricht der Fortbewegungsart. Balmes wandert an den Ufern lang, er-fährt den Strom passagenweise mit dem Faltboot. Es geht ihm um die sinnliche Wahrnehmung, das Pfeifen des Murmeltiers, das Tosen des Rheinfalls. Hier guckt er tief in den Schlund, dort watet er durch Bäche, springt durch sumpfige Niederungen. Dazu kommen Begegnungen mit einzelnen Menschen, die sich auf ihre ganz eigene Weise mit dem Rhein beschäftigen.

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Anselmo Gadola etwa, ein Forscher im eigenen Auftrag, der den Steinen eine Ausstellung und mehrere Bücher widmet. Und der die Schuhe auszieht und auf Socken über die Felsen läuft, um sie zu schonen. Er sei schon genug auf ihnen herumgetrampelt. Das Glück, das Balmes bei solchen Begegnungen erfüllt, überträgt sich mühelos auf den Leser. Es ist das Wilde, das Balmes vor allem fasziniert – die Wildnis, die es noch gibt, und jene, die verloren ist. Aber er selbst bewegt sich auf sanften Socken durch die Landschaft.

Deutschland entdecken, heißt das Motto der Stunde. Im Zuge der Pandemie schwirren die Bewohner:innen durch die heimischen Regionen, immer wieder überrascht, was es alles zu entdecken gibt. „Der Rhein“ ist, auch wenn er voller Anregungen für Erkundungsziele steckt, natürlich kein Reiseführer. Aber ein guter Reisebegleiter, einer, der die Augen im wahrsten Sinne öffnet. Der Strom in seiner ganzen Länge hat wohl wenige so intime Kenner erlebt.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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