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Erste Obduktion im linearen Fernsehen : „Ein spezieller Moment. Einfach krass“

Jetzt auch ohne Abo: „Tatort“-Schauspieler Jan Josef Liefers assistiert Rechtsmediziner Michael Tsokos bei der ersten Autopsie im linearen TV-Programm.

Erste Obduktion im linearen Fernsehen : „Ein spezieller Moment. Einfach krass“

Jan Josef Liefers, der im Münsteraner „Tatort“ den Pathologen Boerne spielt, lässt sich von Professor Michael Tsokos (li.) den…Foto: TVNow

Spätestens, als Sektionsassistentin Louisa Belz bei der Obduktion der männlichen Leiche die Kopfhaut durchtrennt, um den Schädel für die Entnahme des Gehirns vorzubereiten, da scheint man Jan Josef Liefers die Anspannung doch anzumerken. Die flotten Sprüche von Karl-Friedrich Boerne, des Münsteraner Rechtsmediziners, den Liefers im ARD-„Tatort“ aus Münster verkörpert, werden die Zuschauer von RTL am Donnerstagabend jedenfalls nicht zu hören bekommen, wenn Professor Dr. Michael Tsokos, der Leiter des Berliner Instituts für Rechtsmedizin und x-fache Bestseller-Autor, im Beisein des Schauspielers zu einer Weltpremiere (so heißt es jedenfalls beim Kölner Privatsender) einlädt: der ersten Autopsie in einem deutschen Fernsehprogramm.

„Ein spezieller Moment. Einfach nur krass“, sagt Liefers, als die Kopfschwarte nach vorne geklappt wird. Und auch für Tsokos, der in seinem Berufsleben „weit über 20 000 Obduktionen“ vorgenommen hat, ist es „schon etwas Besonderes“. „Man wird demütig vor dem Wunder der Natur“, sagt der sonst so professionell-nüchtern agierende Mediziner.

[„Die Obduktion – Echte Fälle mit Tsokos und Liefers“, RTL, Donnerstag, 22 Uhr 15. Und auf TV Now.]

Zwei ungeklärte Todesfälle hat das Team von Michael Tsokos an diesem Tag auf dem Tisch. Ein „scheinbarer Selbstmord“ und ein „mutmaßlicher Herzinfarkt“. Es handelt sich um authentische Fälle, Tsokos muss nun als Spurensucher im menschlichen Körper herausfinden, woran diese Menschen gestorben sind. War es ein Unfall? Hat es sich um Suizid gehandelt? Oder liegt womöglich ein Tötungsdelikt vor? 2200 Obduktionen werden jährlich in Tsokos‘ Institut für Rechtsmedizin in Berlin vorgenommen. Bei jeder zwanzigsten Leiche war es ein Tötungsdelikt. Sollte es bei den beiden Obduktionen Anzeichen für solche Straftaten geben, wäre für die Kameras sofort Sendeschluss. Denn dann kommt die Kriminalpolizei ins Spiel.

„Fährmann zwischen Wissenschaft und Publikum“

Die Gastrolle von Liefers hat einerseits mit der Bekanntheit von TV-Rechtsmediziner Boerne zu tun, andererseits damit, dass sich Tsokos und Liefers seit längerem kennen. Liefers selbst sieht sich als „Fährmann zwischen Wissenschaft und Publikum“. „Wahrscheinlich hat mich Tsokos eingeladen, weil ich ein solches Hybridwesen bin. Ich weiß schon dies und das, aber längst nicht alles. Aber ich habe genug Fragen im Kopf, die er normalerweise nicht erklären müsste.“ Bei der zweiten Leichenschau wird Liefers sogar gebeten, selbst mit anzufassen. Es geht um die Beurteilung von Leichenflecken und Leichenstarre. Überhaupt übersteht der Schauspieler und Musiker den Tag besser als manch anderer, loben ihn Tsokos und sein Team später.

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Liefers Auftritt in der RTL-Doku hatte übrigens vor einigen Wochen zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen Tsokos und dem WDR geführt. Im Münsteraner „Tatort“ mit dem Titel „Rhythm and Love“ spielte Tsokos einen Hamburger Rechtsmediziner, der Boerne einen Plagiatsversuch vorwirft. Zu sehen war davon am Ende jedoch nur eine kurze Sequenz, in der Tsokos überdies nur von hinten gezeigt wird. Tsokos war not amused, sprach von „einer Art Staatsfernsehen“ und fragte via Twitter: „Wo fängt Zensur an?“.

Der WDR konterte, man habe erst lange nach den Dreharbeiten erfahren, dass Liefers in „Die Obduktion“ mitspielt. „Da wir keine Werbung für TV Now machen wollen und dürfen, haben wir die Szene entsprechend gekürzt.“ Tsokos gab sich damit zufrieden, „dass die Verantwortlichen hier nichts unter den Tisch fallen lassen“. Der Aufmerksamkeit für das TV-Now/RTL-Format dürfte es nicht geschadet haben.

Weitgehend ohne Sensationsgeheische

Doch wie drastisch fällt nun die Weltpremiere der ersten TV-Obduktion aus? In der Beschreibung der genauen Abläufe ist sie äußerst ausführlich und informativ, einmal von einigen sensationsheischenden Off-Kommentaren abgesehen. So erfährt der Zuschauer, dass eine Obduktion anders als in TV-Krimis wie dem „Tatort“ eben nicht nur aus der inneren Leichenschau besteht, da diese nach einer CT-Untersuchung und der äußeren Leichenschau nur den oftmals entscheidenden Abschluss der Obduktion darstellt.

So ausführlich die Erläuterungen ausfallen, so zurückhaltend die Darstellung in Bild und Ton. Die elektrische Knochensäge ist beim Öffnen des Schädels zwar unüberhörbar, die Geräusche beim Durchtrennen der Rippen werden gnädigerweise heruntergepegelt. Dennoch: Für Zartbesaitete ist „Die Obduktion“ nichts, auch wenn hier das Blut nicht in Strömen über die Edelstahltische fließt. Wer nicht mitansehen möchte, wie ein Gehirn in Scheiben geschnitten oder ein Herz der Länge nach geöffnet wird, für den ist spätestens bei der Organentnahme Schluss.

Cindy Lichtenstein, die Leitende Sektionsassistentin, findet die TV-Obduktion jedenfalls super. „Sonst werden wir im Fernsehen als Kellerbewohner gezeigt, die neben den Obduktionstischen essen. Das stimmt einfach nicht.“ Ins Reich der TV-Mythen gehört laut Tsokos auch, dass bei der Obduktion klassische Musik zur Beruhigung gespielt wird. „Oder dass wir uns Mentholpaste unter die Nase schmieren. Das ist Quatsch, wir brauchen unseren Geruchssinn.“ Näher möchte man das allerdings gar nicht wissen.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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