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Erkenntnisse aus dem 3:0 gegen Island : Im Mittelfeld ist die deutsche Nationalelf schon wieder Weltspitze

Bei der Besetzung des Mittelfeldes in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft stehen Bundestrainer Joachim Löw unangenehme Entscheidungen bevor.

Erkenntnisse aus dem 3:0 gegen Island : Im Mittelfeld ist die deutsche Nationalelf schon wieder Weltspitze

Beherrscher des Zentrums. Joshua Kimmich fehlte bei der 0:6-Niederlage der Nationalmannschaft in Spanien. Gegen Island dominierte…Foto: Imago

Franz Beckenbauer galt lange als vom Glück verfolgt, geknuddelt und geküsst. Vielleicht wäre er also auch mit dieser Geschichte irgendwie durchgekommen. Vielleicht hätte er die Fifa ja wirklich davon überzeugen können, dass es eine gute Idee wäre, im WM-Finale 1990 ausnahmsweise zwölf Spieler pro Mannschaft zuzulassen.

Thomas Häßler oder Olaf Thon? Das war die Frage, bei der sich Beckenbauer einfach nicht entscheiden konnte. Also teilte der Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am Tag vor dem Endspiel kurzerhand beiden mit, dass sie in der Startelf stehen würden.

So zumindest hat Berti Vogts, Beckenbauers Zuarbeiter und späterer Nachfolger, die Geschichte erzählt. Er war es dann auch, der von seinem Chef die ehrenvolle Aufgabe erhielt, Thon zu erklären, dass er doch nur auf der Bank sitzen werde.

Wenn man sich den Kader von 1990 anschaut, kann man Beckenbauers Nöte durchaus verstehen. Das Angebot im Mittelfeld mit Lothar Matthäus, Thomas Häßler, Olaf Thon, Pierre Littbarski, Uwe Bein und Andreas Möller überstieg die Nachfrage deutlich und verlangte dem Teamchef jedes Mal aufs Neue schmerzhafte Entscheidungen ab. Joachim Löw, sein Nachfahre als Bundestrainer, dürfte das gut nachempfinden können.

„Im Mittelfeld sind wir sehr gut besetzt“, hatte Löw schon Anfang der Woche, vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Island, gesagt. Und an dieser Feststellung gibt es auch nach dem Spiel nichts zurückzunehmen. „Das Mittelfeld war sicherlich sehr gut unterwegs“, sagte der Bundestrainer nach dem 3:0-Erfolg seiner Mannschaft in Duisburg.

Bei allem Respekt – Island war kein verlässlicher Maßstab

Alles in allem war es ein erfreulicher Start ins EM-Jahr, ein seriöser Auftritt und eine angemessene Antwort auf das 0:6-Debakel gegen Spanien im November. „Es war auf jeden Fall ein positives Zeichen von uns“, sagte Kapitän Manuel Neuer, „ein tolles Signal, eine gute Leistung.“ Vieles von dem, was Löw gefordert hatte, brachte die Mannschaft auf den Platz: Leidenschaft, Eifer, Überzeugung, Kommunikation. „Wir haben eine gewisse Verantwortung, weil wir die Qualität dazu haben“, sagte Ilkay Gündogan.

Ob diese Qualität im Sommer bei der EM schon wieder für den ganz großen Wurf taugt, das lässt sich nach einem Sieg gegen Island natürlich noch nicht seriös beantworten. Dazu war der Gegner, der nach den Teilnahmen bei der EM 2016 und der WM 2018 in Würde gealtert ist, kein verlässlicher Maßstab.

Wie nah ist die deutsche Mannschaft schon wieder der Weltspitze? Diese Frage begleitet den Bundestrainer seit mindestens der ernüchternden WM 2018, als für den Titelverteidiger das Turnier bereits nach der Vorrunde beendet war. Löws Kader weist manche Lücke auf und einige Defizite, das ist bekannt. Nach einem klassischen Mittelstürmer wird schon eine halbe Ewigkeit gefahndet, Außenverteidiger von internationalem Format sind rar, und auch die Abwehr als Ganzes wird latent von Zweifeln begleitet.

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Erkenntnisse aus dem 3:0 gegen Island : Im Mittelfeld ist die deutsche Nationalelf schon wieder Weltspitze

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Nur das Mittelfeld ist über jeden Zweifel erhaben. Gegen Island bot Löw die beiden Münchner Joshua Kimmich und Leon Goretzka in der Zentrale auf, dazu Ilkay Gündogan von Manchester City. Kimmich leitete als Sechser die ersten beiden Tore ein. Goretzka erzielte den Treffer zum 1:0, und Gündogan traf nach der Pause mit einem Fernschuss zum 3:0-Endstand. „Alle drei waren extrem ballsicher und immer anspielbar“, sagte Löw. „Das war ein Pfund für uns.“

Gerade Kimmich hinterließ einen ausgesprochen dominanten Eindruck. Mitte November, beim 0:6 in Spanien, war er verletzt, und vermutlich ist es nicht komplett irre, einen gewissen Zusammenhang zwischen seinem Fehlen und dem desaströsen Resultat zu erkennen. „Beim Jo weiß man schon auch, wozu er in der Lage ist“, sagte Löw. „Er sorgt für das Gleichgewicht auf dem Platz.“

Vor dem Spiel gegen Island war der Bundestrainer noch gefragt worden, ob er sich vorstellen könne, Kimmich statt im defensiven Mittelfeld auch wieder als rechten Außenverteidiger aufzubieten. Anders als zuletzt schloss Löw diese Option zumindest nicht mehr kategorisch aus. Vielleicht weil sie ihm auf den ersten Blick die Möglichkeit eröffnet, zwei Probleme auf einmal zu lösen: die Position rechts in der Abwehr hochwertig zu besetzen und andererseits eine freie Stelle im Mittelfeld zu schaffen.

Das Überangebot im Mittelfeld hat fast schon dramatische Ausmaße

Das Überangebot in diesem Mannschaftsteil hat längst dramatische Ausmaße. Man muss sich ja nur anschauen, wer gegen Island nicht im Mittelfeld zum Einsatz kam: der verletzte Toni Kroos von Real Madrid, Florian Neuhaus und Amin Younes, die später eingewechselt wurden, der blutjunge Florian Wirtz, der alles mitbringt für eine ganz große Karriere, der nicht minder begabte Kai Havertz, den Löw in den Angriff verschob, Julian Brandt, der nicht einmal für die Länderspiele nominiert wurde – und natürlich Thomas Müller, den viele für die EM schon fest wieder einplanen.

Und trotzdem reagierte der Bundestrainer fast schon irritiert, als er mit der Frage konfrontiert wurde, ob Toni Kroos um seinen Platz in der Mannschaft fürchten müsse. „Warum sollte der um seinen Platz fürchten müssen?“, antwortete Löw. „Das ist ein Weltklassespieler, der unsere Mannschaft natürlich auch prägt.

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Nur: Wen draußen lassen von den dreien, die gegen Island in der Zentrale spielten? Goretzka ist beim Champions-League-Sieger Bayern München zu einer der prägenden Figuren geworden, Gündogan brilliert unter Pep Guardiola bei Manchester City, der derzeit vielleicht besten Mannschaft der Welt. Und Kimmich ist für Löw nicht zuletzt wegen seiner Führungsqualität und Siegesmentalität unantastbar.

Hinzu kommt, dass inzwischen nicht mehr nur die nächste Generation (Neuhaus, Havertz) nachrückt, sondern auch schon die übernächste (Wirtz). Florian Neuhaus fliegt immer noch ein bisschen unter dem Radar, weil er eben nicht für Bayern, Real, City oder Chelsea spielt, sondern für Borussia Mönchengladbach. Joachim Löw aber hat sich zuletzt fast schon enthusiastisch über ihn ausgelassen. „Der Florian Neuhaus ist ein Spieler, den ich persönlich schätze“, hat er gesagt und das offenbar auch ernst gemeint. Gegen Island war Neuhaus der erste Spieler, den Löw eingewechselt hat.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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