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Die USA nach Trump : Das Gespenst der Identität

Wird der Trumpismus weiterleben, wenn Trump nur noch Golf spielt? Gedanken zu einem neuen Extremismus.

Die USA nach Trump : Das Gespenst der Identität

Präsident Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung im September 2020.Foto: REUTERS

Im Wahlkampf vor mehr als vier Jahren sagte Donald Trump, dass er nicht allein sei. Er sprach von einer „Bewegung“, und als er sich weigerte, die Wahlniederlage zu akzeptieren, sprach er sogar von einer „starken Bewegung“. Gegenüber seinen jüngst vor dem Weißen Haus demonstrierenden Gefolgsleute erklärte er auch, „anschließend gehen wir da hin, und ich werde bei euch sein, wir marschieren die Pensylvania Avenue herunter zum Kapitol und wir jubeln den mutigen Senatoren zu. Manchen werden wir nicht so laut zujubeln. Denn man erobert das Land nicht mit Schwäche zurück.“

 Was wird von der Bewegung bleiben, wenn Trump nur noch Golf spielt? Kann der Trumpismus ohne die Aura des Amtes fortbestehen? Oder ist er eine Fiktion wie vieles, das der Präsident als Wahrheit ausgegeben hat?

Man hat versucht, Trumps Erfolg damit zu erklären, dass er eine soziale Spaltung ausgenutzt habe, die lange vor ihm da war. Auch nach der Attacke auf das Capitol, die zentrale Institution der US-Demokratie, rechtfertigte er die Gewalt: „Solche Dinge geschehen“, twitterte Trump, als er es noch konnte, „wenn Patrioten ein heiliger Erdrutschsieg auf so hinterhältige Art gestohlen wird, Patrioten, die seit langem schlecht und unfair behandelt werden“. Wieder schien Trump vielen Amerikanern zu erlauben, sich als Opfer zu sehen, ihrer Wut – auf was auch immer – den Glanz des Rechts zu verleihen. Haben Opfer nicht immer Recht?

 Das Loser-Argument ist so überzeugend, dass man den unamerikanischen Zug dabei übersieht: Amerikaner wollen keine Opfer sein. Deshalb ist es selbst im Nachhinein schwer verständlich, warum Trump mit seiner Masche immer wieder durchgekommen ist. Wie klein er die USA aussehen ließ!

 Das Gift sickerte über denselben Strang ins Selbstbild der Amerikaner ein, der ihnen vormals weismachte, außerhalb der Geschichte zu leben oder, wie der Autor Leslie Fiedler es ausdrückte, „im Mythos“. In dieser Welt des imaginären Heldentums ist der Amerikaner vom Schicksal befreit, er kann aus sich machen, was er will. Die perfide Logik des american dream bedeutet jedoch, dass jeder selbst Schuld trägt an seiner Misere und dass die Rollen von Gewinnern und Verlierern nach einem brutalen Muster verteilt werden, seit Amerika „ein anderes Wort für Möglichkeit“ ist, wie die Gründerväter meinten.

Sollte man es nicht endlich gut sein lassen mit ihm 

Der liberale Harvard-Philosoph Michael Sandel warnt denn auch seit einiger Zeit vor der gefährlichen Dynamik der darin begründeten „Tyrannei des Verdienstes“, die in den USA auf eine „meritokratische Auslese“ hinauslaufe, wie er sagt. Er meint damit die Hybris einer Bildungselite, die ihren wirtschaftlichen Erfolg in der globalisierten Welt als Verdienst eigener Leistung betrachtet und nicht, was der Wahrheit eher entspräche, als Rendite einer Investition, die nicht sie selbst getätigt haben, sondern ihre Eltern, die es sich leisten können mussten. Diese Blindheit nage am Mitgefühl für diejenigen, die es nicht so weit schaffen können, wie Sandel in „Vom Ende des Gemeinwohls“ schreibt. Das beschwöre den Zorn bei den weniger Glücklichen herauf, die ihr Leben lang schufteten, ohne es auch nur in die Nähe eines Ivy-League-Abschlusses zu bringen.

Die Demokraten neigen dazu, mehr Mitgefühl für die Benachteiligten dieser Freiheit aufzubringen und wie die Präsidenten Clinton und Obama für den Ausbau der staatlichen Krankenversicherung zu kämpfen. Doch schon John F. Kennedy hat die Verdienstlogik umgekehrt, indem er meinte, man solle sich fragen, was man selbst für das Land tun könne, statt zu erwarten, dass es etwas für einen tut.

 Früher war die Grand Old Party der Hort von Unternehmern, des Establishments. Doch das soziale Gefüge hat sich verändert. Heute werden die Demokraten von den Eliten des Landes gewählt, während die Republikaner ihre Gefolgschaft unter den Abgehängten finden. Aus deren Sicht ist es gar nicht so dumm, einem narzisstischen Hasardeur und erklärten Nicht-Politiker zu vertrauen, der wie Trump ein „schlechter Verlierer“ zu sein versprach und zumindest dieses Versprechen gehalten hat.

Eine Geschichte der Nicht-Geschichte

Es wäre gewiss einfacher, Trump schnell zu vergessen, wenn er nicht eine zutiefst amerikanische Figur wäre mit seiner Obszönität und Verachtung für zivilisierte Umgangsformen und Institutionen. Seine unversöhnliche Bösartigkeit dürfte erhalten bleiben. Und zwar hauptsächlich deshalb, weil sich das uramerikanische Streben nach Erfüllung mit der Frage nach Identität verschmolzen hat. Die Wurzeln dieses Amalgams reichen etwa 50 Jahre zurück.

 In dem bemerkenswerten USA-Essay „Within The Context of No Context“ datiert George W.S. Trow den Zeitpunkt auf das Jahr 1970. Alles Amerikanische könne auf „die Gnade eines Wunders“ zurückgeführt werden. Sei es, das Land überhaupt entdeckt und kolonisiert zu haben. Sei es das der Verfassung. Bis das Wunder darin bestanden habe, „dass Dinge enorm groß gebaut werden konnten“. Diese XXL-Zivilisation, zu der auch die Trump Tower in Manhattan und Chicago gehören, sei an ihr Ende gelangt, so Trow, als keine Superlative mehr übrig waren: „Geschichte wurde zu einer Geschichte der Nicht-Geschichte.“

 Trows erstmals im „New Yorker“ erschienene Diagnose des Einbruchs der Postmoderne, die mit dem Fernsehen ihre Hoheit über die Familien und Privatsphären erlangte, lief seiner Meinung nach vor allem auf eine Auslöschung von Lebenserfahrungen hinaus. „Die mächtigsten Menschen wurden jene, die erwachsene Kompetenzen am effektivsten dafür nutzten, kindische Vereinbarungen zu treffen“, schrieb er. Eine dieser Vereinbarungen lautet, demjenigen seine Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, der am meisten darum bettelt. Hier liegt eine weitere Wurzel des Trumpismus. In Twitter fand er das perfekte Spielzeug, um Politik als Kindergarten zu inszenieren.

 Die US-Historikerin Jill Lepore hat den Paradigmenwechsel unlängst in einem „Spiegel“-Gespräch ähnlich beschrieben: „Politik wird auf demografische Kategorien reduziert. Dabei war das amerikanische Projekt doch das Gegenteil. Es ging darum, eine Hierarchie, die auf Identität basiert, durch Gleichheit zu ersetzen.“

 Von dieser Gleichheit hat sich Amerika offenkundig verabschiedet. Aus einer Nation, die mit einer Identität auskommt, und sei sie auch eingebildet gewesen, sind Gruppen mit gemeinsamen Charakteristiken geworden: „Weiße“, „People of Color“, „Latinos“, „Frauen“, „LGBTQ“ und „Patrioten“. Die Frage ist, ob es Identität geben kann, ohne eine Hierarchie, die sie organisiert?

Der Charakter ist wichtiger als Identität 

Trumps Trick bestand darin, eine Hierarchie rund um das Wort „great“ zu konstruieren. Und er tut es mit den für Identitätsdiskurse typischen destruktiven Nebenerscheinungen. Sein Identitätspopulismus ätzt das Gefühl dafür weg, dass ein freier Mensch nach seiner individuellen Leistung bewertet werden möchte. Was im Übrigen auch für progressive Versuche gilt, sich über sexuelle, geschlechtliche, religiöse, ethnische oder kulturelle Identität Anerkennung zu verschaffen. Identität vernichtet Charakter. Dabei hat der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson in einer berühmten, 1837 vor Harvard-Absolventen gehaltenen Rede auf die besondere Bedeutung des Charakters für das amerikanische Wesen ausdrücklich hingewiesen: „Wenn der Künstler sein Material erschöpft hat“, meinte Emerson, „wenn die Fantasie keine Bilder mehr schafft, Gedanken nicht mehr erfasst werden können und Bücher zur Last werden – hat man immer noch die Möglichkeit zu leben. Der Charakter ist edler als der Intellekt.“

 Ist es Zufall, dass der politische Diskurs davon weiter entfernt ist denn je? Dass er einem Mann das Feld überlassen hat, der das Gegenteil von all dem verkörpert?

George Trow hat das vorausgesehen. Wie in den 60er Jahren würden die Leute nach der „kollabierten Dominanz“ suchen, schrieb er. Um zu verdeutlichen, was darunter zu verstehen ist, schildert er in einer später nachgereichten Einleitung für seinen aphoristischen Essay, wie er in Alaska – dahin hatte er sich nach einer Redakteurskarriere beim „New Yorker“ zunächst zurückgezogen – auf einen Mann trifft, „der den meisten Leuten heutzutage wohl Angst machen würde“. Der Mann will ihn, den fremden Großstadtfuzzi, testen, indem er über das Ausmaß an Korruption in diesem Land zu reden beginnt. Ob er wisse, fragt der Mann, dass Filme immer aus politischen Gründen gemacht würden?

Der Mann hat „The Net“ gesehen, die Geschichte eines Stalkers im Internet. Und er meint, er sei gedreht worden, um das allgemeine Vertrauen ins Internet zu untergraben. Da beginnt Trow, über seinen eigenen kultivierten Zynismus nachzudenken, der ihn wie eine Trutzburg gegen solche absurden Ideen abschirmt. Er wäre zweifellos sofort in der Lage, dem Mann all die Filme aufzuzählen, die „The Net“ als Vorlage gedient haben dürften – „Fatal Attraction“ etwa – aber er erkennt den Irrtum. Trow, der schwule Dandy und „Letzte Gentleman“ muss sich eingestehen, dass es keinen Schutz durch so ein Wissen mehr gibt, wenn Wahrheit apokalyptische Züge annimmt.

Ethos der Arbeit

Glücklicherweise fehlt Trump als notorischem Narzissten das Geschichtsbewusstsein, um den behaupteten Vorrang der weißen, christlichen, männlichen Patrioten an universale Elemente zu binden. Denn Nationalismus ist für die USA eine zu geringe Kategorie. Was nicht heißt, dass sein Populismus ins Leere ging und geht.

 Trump ist stolz darauf, Hochhäuser für Superreiche gebaut, Casinos für Verlierer betrieben und in der Reality-Show „The Apprentice“ über die Karrieren von Leuten entschieden zu haben, die Verlierer waren, aber Superreiche werden wollten. Indem Trump die Kompetenz von „Experten“ anzweifelte, Tatsachen aus dem Zusammenhang riss, und es vor allem die niederen Einkommen waren, die in seinen ersten drei Amtsjahren unverhältnismäßig stark vom Wirtschaftswachstum profitierten, nahm sein Versprechen vorübergehend die Form einer sozialen Revolte an, die sich gegen die Besserwisser mit ihren noblen Akademikertiteln behauptete.

 Während der republikanische US-Senator Josh Hawley in der Wahlnacht verkündete, „Wir sind jetzt eine Partei der Arbeiterklasse“, zehrt Trump vom verletzten Stolz von Leuten, die erleben müssen, dass physische Arbeit von der Globalisierung entwertet wird, weil sie sich nicht so leicht verschieben lässt wie Kapital oder Bildung. Umso vehementer drängen sie auf Anerkennung ihrer physischen Überlegenheit, sehen in Gewalt ein Mittel, zu zeigen, wie stark sie sind.

Im Kapitol sagte einer, “das ist, was Amerikaner tun, um für die eigenen Überzeugungen einzustehen.” Noch warten sie auf eine Identität, die sie von ihrem Schicksal erlöst.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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