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Die neuen Gegenbauer-Chefs im Interview : „Wer über Homeoffice philosophiert, lebt häufig in einer großen Wohnung”

Fabiola Fernandez Grund und Christian Kloevekorn, Vorstandsvorsitzende der Gegenbauer Gruppe, über gute Führung, saubere Büros und die Ausbildungsnot.

Die neuen Gegenbauer-Chefs im Interview : „Wer über Homeoffice philosophiert, lebt häufig in einer großen Wohnung"

Gebäudereinigung ist ein hartes Handwerk, sagen die Gegenbauer-Chefs und versprechen ihren Beschäftigten Aufstiegsmöglichkeiten.Foto: dpa

Frau Fernandez Grund, Herr Kloevekorn, Sie bilden das erste gemischte Doppel an der Unternehmensspitze in knapp 100 Jahren – wie funktioniert das Zusammenspiel?

FERNANDEZ GRUND: Ganz gut, glaube ich. Wir sind unterschiedliche Menschen und ergänzen uns. Die Zusammenarbeit ist sachlich und immer lösungsorientiert.

Dabei trifft ein südländisches Temperament auf einen Hanseaten.
KLOEVEKORN: So weit sind wir gar nicht auseinander, die romanische Welt ist mir durchaus vertraut: Meine Frau ist Französin, und Fabiola ist ja halb portugiesisch und halb brasilianisch – das ist vom Französischen nicht weit entfernt.

FERNANDEZ GRUND: Bedingt durch meine Ausbildung und Karriere bin ich sehr zahlenorientiert und präzise, aber auch etwas emotionaler als der norddeutsche Typ. Zumindest auf den ersten Blick.

KLOEVEKORN: Wichtig ist uns ein moderner Führungsstil, in dem sich die Menschen auch wiedererkennen und mit dem wir sie abholen können. Das gelingt uns beiden ganz ordentlich.

Wie werden Sie, Frau Fernandez Grund, als erste Vorstandsvorsitzende in der Gegenbauer-Geschichte in der Belegschaft und bei Kunden wahr- und aufgenommen?
FERNANDEZ GRUND: Es hat sich viel verändert in Deutschland, auch durch die Migration und die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen. Als ich vor 20 Jahren nach Deutschland kam, war das noch anders. Heute nehme ich so gut wie keine Vorbehalte mehr wahr.

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Haben Sie überhaupt Kontakt zur Ihren 18 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich überall im Land um Gebäude kümmern?
KLOEVEKORN: Wir machen sehr viel. Das beginnt mit einer Mitarbeiterzeitung, die wir allen per Post zuschicken, bis hin zu den zunehmenden digitalen Formaten.

FERNANDEZ GRUND: Wichtig ist uns die Wertschätzung, die wir vermitteln möchten. Und trotz Pandemie sind wir viel unterwegs bei Kunden und treffen dabei natürlich auch immer mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammen.

Sie, Frau Fernandez Grund, verantworten den Geschäftsbereich integriertes Facility Management, zu dem die technischen Dienstleistungen gehören. Die sind tendenziell wichtiger und profitabler als die klassische Gebäudereinigung, für die Herr Kloevekorn zuständig ist.
FERNANDEZ GRUND: Das stimmt so nicht, es sind zwei gleichstarke Säulen. Der Umsatzanteil der Gebäudereinigung ist in den vergangenen Jahren etwas gesunken durch unsere Akquisitionen, mit denen wir das Angebot technischer Dienstleistungen erweitert haben.

Die neuen Gegenbauer-Chefs im Interview : „Wer über Homeoffice philosophiert, lebt häufig in einer großen Wohnung"

Fabiola Fernandez Grund hat viele Jahre für K+S gearbeitet. 2018 kam sie zu Gegenbauer und übernahm das Finanzressort.Foto: Sven Darmer

Wie war es möglich, im ersten Pandemiejahr den Umsatz und die Beschäftigung nahezu stabil halten zu können?
FERNANDEZ GRUND: Wir mussten zum ersten Mal in der Geschichte des Unternehmens Kurzarbeit beantragen. Davon waren im April letzten Jahren rund 1500 Mitarbeiter betroffen, derzeit sind es noch etwa 200 Mitarbeiter. Alles in allem hilft uns jedoch das vielfältige Portfolio in der Gruppe und der breite Kundenmix durch die Krise. Wenn es Werkschließungen gab, hat uns das getroffen, aber gleichzeitig hatten viele Kunden den Wunsch nach intensiverer Reinigung und Desinfektion von Arbeitsräumen und Arbeitsplätzen.

KLOEVEKORN: Die Unsicherheit war in den ersten Monaten sehr groß, sodass zum Beispiel Betriebsräte von Kundenunternehmen Sonderreinigungen gewünscht haben, um die Belegschaft zu schützen. Vor allem in der Industrie haben wir gelitten, weil es Werksschließungen gab, oder etwa auch bei der Lufthansa, wo gar nichts mehr ging.

Wie macht sich Homeoffice bemerkbar?
KLOEVEKORN: Wir glauben nicht, dass plötzlich niemand mehr ins Büro zurückkehrt, einen leichten Trend zu mobilem Arbeiten merken aber auch wir. Die Büros sind ja immer voller geworden: Vor 20 Jahren gab es 20 oder 30 Quadratmeter pro Mitarbeiter, zuletzt waren es nur noch zwölf oder zehn Quadratmeter. Jetzt in der Pandemie sind die Räume bei unseren großen Kunden nur noch zu etwa einem Fünftel besetzt. Da Abstand gehalten werden muss, ändert sich der Reinigungsaufwand nicht.

FERNANDEZ GRUND: Die Gebäude müssen weiter gesäubert und gewartet werden, unabhängig davon, wie viele Menschen im Büro sind. Die Flexibilität der Arbeit nimmt zu, doch viele wollen zwei oder drei Tage ins Büro kommen. Das wird vermutlich auch so bleiben.

KLOEVEKORN: Viele Menschen wohnen im Übrigen in beengten Verhältnissen, da bedeutet Homeoffice am Küchentisch sitzen oder in einer Nische im Schlafzimmer. Diejenigen, die über Homeoffice philosophieren, bewohnen häufig Häuser oder großen Wohnungen. Das geht dann auch schon mal an der Realität vorbei.

Wie arbeiten Sie?
KLOEVEKORN: Wir kommen beide ins Büro und werden hier, wie die übrigen Mitarbeiter in der Zentrale, mehrmals in der Woche getestet. Ich bin aber auch ständig unterwegs zu Kunden und in den Niederlassungen. Selbstverständlich mit erheblichen Einschränkungen; das letzte Abendessen mit einem Kunden liegt sechs Monate zurück.

FERNANDEZ GRUND: Ich mache auch kein Homeoffice, weil ich drei Kinder zu Hause habe und mich dort einfach nicht so gut konzentrieren kann wie im Büro. In 60 Niederlassungen beschäftigen wir 18 000 Menschen. Unser Geschäft können wir nicht nur vom Schreibtisch führen, wir müssen auch vor Ort sein.

Die neuen Gegenbauer-Chefs im Interview : „Wer über Homeoffice philosophiert, lebt häufig in einer großen Wohnung"

Christian Kloevekorn arbeitet seit 27 Jahren für Gegenbauer. Nebenbei handelt er als Verhandlungsführer der Arbeitgeber…Foto: Sven Darmer

Wie viele Infektionen gab es in der Gruppe und wie schützen sich die Beschäftigten?
KLOEVEKORN: Ungefähr 500. Masken haben wir schon Anfang März 2020 eingeführt und seit Oktober bieten wir unseren Beschäftigten Tests an.

Wie können Sie die Angebotspflicht für Tests überhaupt umsetzen bei einer Belegschaft, die fast komplett beim Kunden arbeitet, also nicht in den Betrieb kommt?
KLOEVEKORN: Die Politik hat bei der Entscheidung zwei Branchen übersehen: Zeitarbeit und Dienstleistungen. Wir sehen unsere Mitarbeiter normalerweise nicht. Die Selbsttests gibt es in unseren Niederlassungen, wo die Mitarbeiter sich die Tests abholen können.

Und das funktioniert?
FERNANDEZ GRUND: So langsam. Es ging viel hin und her, in drei Wochen hatten wir vier verschiedene Gesetze. Erst gab es eine Testpflicht in Berlin zweimal die Woche; dann wurde daraus einmal die Woche. Dann kam bundesweit die Regelung einmal die Woche, und kurz darauf hat der Bundesarbeitsminister per Verordnung auf zweimal die Woche erhöht. Den Bedarf für 18 000 Beschäftigte den behördlichen Vorgaben anzupassen, ist mühsam.

Zumal es unterschiedliche Regeln in den Bundesländern gibt.
KLOEVEKORN: In Sachsen gab es ursprünglich nur eine Testpflicht für Kitas und Schulen. Wir haben ganz viele Mitarbeiter, die aus Tschechien kommen. Die durften plötzlich nicht über die Grenze, und wir konnten unsere Dienstleistungen nicht mehr ausführen. Also haben wir dort eine eigene Teststrecke aufgebaut, damit unsere Leute mit ihrem negativen Zertifikat zur Arbeit gehen konnten.

Mit rund 150 neuen Azubis hat Gegenbauer das Ausbildungsniveau 2020 nahezu stabil gehalten. Trotzdem ist das nicht viel angesichts des Fachkräftemangels.
FERNANDEZ GRUND: Wir müssen wahnsinnig ackern, um die Plätze zu besetzen. Wir haben ein Sonderprogramm für Jugendliche, um sie vor der Ausbildung zu coachen, damit sie die Ausbildung auch schaffen. Aber an die jungen Leute heranzukommen und sie zu gewinnen, ist schwierig und aufgrund der Kontaktbeschränkungen noch schwieriger geworden. In Berlin bieten wir rund ein Drittel aller Ausbildungsplätze in der Gebäudereinigung an, aber es gelingt uns das dritte Jahr in Folge nicht, diese auch zu besetzen. Es ist eben auch ein Handwerk, in dem man hart arbeiten muss.

KLOEVEKORN: Wir werben mit dem guten Namen unseres Hauses. Die Familie Gegenbauer hat sich immer sehr engagiert, etwa mit dem Carl Gegenbauer Ausbildungspreis der Gebäudereiniger-Innung, der jedes Jahr vergeben wird. Wir bieten auch Meisterprogramme an oder fördern die Weiterbildung zum Fachwirt im Handwerk, weil uns viel daran liegt, dass die Menschen bei uns Karriere machen und lange im Unternehmen bleiben.

Als Verhandlungsführer der Arbeitgeber haben Sie, Herr Kloevekorn, eine schrittweise Erhöhung des Mindestlohns in der Gebäudereinigung von aktuell 11,11 Euro bis zu zwölf Euro ab 2023 vereinbart. Was machen Sie, wenn die nächste Bundesregierung den gesetzlichen Mindestlohn auf zwölf Euro anhebt, wie das Grüne, SPD und Linke möchten?
KLOEVEKORN: Unsere Branche ist immer gut damit gefahren, den gesetzlichen Regelungen voraus zu sein, also über dem allgemeinen Mindestlohn zu liegen. Das gilt auch in der Zukunft. Die Pandemie hat der Gesellschaft insgesamt deutlich gemacht, was für ein wichtiges Gewerk die Gebäudereinigung ist. Unsere Kunden wissen das auch wertzuschätzen – die müssen ja am Ende auch die höheren Löhne mittragen. Auch der öffentliche Dienst, was nicht immer gut funktioniert.

Wo gibt es Probleme?
KLOEVEKORN: Berliner Schulen zum Beispiel reinigen wir nicht mehr, weil bei dem dort herrschenden Preisniveau keine saubere Leistung möglich ist. So sehen die Schulen dann auch aus. Wir machen noch ein paar Kitas, aber vor allem Verwaltungsgebäude und Universitäten.

Schauen wir noch kurz in die Zukunft: Bleiben Beschäftigung und Umsatz auch im zweiten Coronajahr stabil?
FERNANDEZ GRUND: Die Pandemie wird unglaublich teuer für alle. Und die Dienstleistungsbranche bekommt Krisen immer mit Zeitverzug zu spüren, das haben wir nach der Finanzkrise gesehen. Wenn die Controller in den Unternehmen anfangen zu rechnen und an allen Ecken und Enden gespart wird, geht das häufig zulasten der Dienstleister. Derzeit können wir noch nicht einschätzen, wie das Jahr werden wird.

Das große Ziel, eine Milliarde Umsatz zum 100. Geburtstag 2025, steht noch?
FERNANDEZ GRUND: Wir haben noch vier Jahre Zeit. Mit nur organischem Wachstum wird das aber nicht klappen. Nach der Krise werden wir uns mit dem Thema beschäftigen, ob Zukäufe Sinn für uns machen.

Um im technischen Bereich besser für den Klimaschutz gerüstet zu sein?
KLOEVEKORN: Da sind wir gut aufgestellt. Nachhaltigkeit ist schon lange ein Thema im Unternehmen. Das gilt für die Sozialstandards, die für Carl und Werner Gegenbauer immer wichtig waren, und zunehmend auch ökologische Nachhaltigkeit. In den Gebäuden, die wir belegen, haben wir den Energiebedarf in den vergangenen fünf Jahren halbiert. Wir wissen, wie das funktioniert, und können das unseren Kunden auch anbieten.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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