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Die Euro, die Politik und der nationale Überschwang : Trennen statt verbinden

Die Fußball-EM sollte ein Turnier werden, das Europa verbindet. Stattdessen dominiert das Nationale, wie nicht nur die Ungarn gezeigt haben.

Die Euro, die Politik und der nationale Überschwang : Trennen statt verbinden

Ein Herz, eine Nation: Ungarns Fußballer singend und die rechte Hand links auf ihrer Brust vor ihren Fans.Foto: imago images/ActionPictures

Es war ein auf den ersten Blick sympathisch-freundliches, auf den zweiten und dritten aber unangenehm berührendes Bild, das da nach dem Spiel Deutschland gegen Ungarn zu sehen war: Die zum Teil weinenden ungarischen Spieler gingen zu ihren Fans und sangen, alle die rechte Hand auf dem Herzen, die ungarische Nationalhymne.

Und natürlich standen im Fanblock auch die Hooligans, die während des Spiels „Deutschland, Deutschland, homosexuell“ gesungen hatten, als Reaktion auf die Debatte um die Regenbogenfarbenillumination des Münchener Stadions und nach der Verabschiedung eines Anti-Homo- und Transsexualitätsgesetzes im ungarischen Parlament.

Nun könnte man sagen: Klar, es sind die Ungarn, es ist das nationalistische, alles andere als diverse, weltoffene Orbán-Ungarn, das hier ein letztes Mal seinen Auftritt bei dieser WM hatte.

Doch steht das Bild stellvertretend für gemessen an seinen Ansprüchen her seltsam paradoxes Fußballturnier, das in diesen Wochen über die Bühne geht.

Die Uefa wollte es Brüssel einmal zeigen

Denn erstmals findet die Fußballeuropameisterschaft ja nicht nur in einem Land statt, sondern auf dem gesamten Kontinent: auf den britischen Inseln, in Skandinavien, in St. Petersburg, in Sevilla. Und in Baku, wo das autoritäre Regime von Aserbeidschans Regierungschef Alijew residiert.

Das ist im Grunde eine großartige Idee der Uefa gewesen. Man könnte wirklich zu dem Schluss kommen, die Fußball-Organisation habe so den europäischen Gedanken, die Einheit Europas stärken wollen. Obwohl nur zu gut bekannt ist, dass die Uefa vor allem ihre eigenen, primär kommerziellen Interessen verfolgt.

Trotzdem: ein Fußballfest auf dem ganzen Kontinent, wie schön! Ein Fest, das der Brüsseler Bürokratie einmal zeigt, wie das mit dem vereinten Europa geht.

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Nur ließ sich während der Vorrunde auch ohne die Ungarn verfolgen, wie schwer das ist. Allein, wie die meisten Mannschaften mit Inbrunst ihre Nationalhymnen schmetterten. Etwa die italienische Elf, bei der man den Eindruck hatte, dass kein Spieler und auch kein Zuschauer, keine Zuschauerin in Rom einen Gedanken an Europa verschwendete.

Schwer überdies tat sich die italienische Mannschaft vor dem Spiel gegen Wales, als die walisischen Spieler allesamt niederknieten, um ihre Solidarität mit der antirassistischen Bewegung auszudrücken. Einige italienische Spieler machten mit, andere blieben stehen: ein Bild der Unentschlossenheit, der Ahnungslosigkeit, das ein Hinweis darauf sein könnte, wie sehr Italien allein mit sich selbst beschäftigt ist.

Deutschland, ein Sommermärchen 2.0.?

Aber auch hierzulande: Nach dem von der deutschen Mannschaft mit Ach und Krach erreichten Einzug ins Achtelfinale liefen Männergruppen durch Prenzlauer Berg und grölten „Deutschland, Deutschland“. Gut, sie können nicht „Bayern“ oder „Hertha“ grölen – trotzdem entstand schon nach dem so guten Portugal-Spiel (hier ertönten „Sieg, Sieg“!-Rufe in München) der Eindruck, als solle in Deutschland eine Sommermärchen-2.0.-Stimmung erzeugt werden: mit Deutschland-Fahnen überall in den Fenstern, Deutschland-Emblemen an den Autos etc.

Das mag man locker sehen können. Es mutet aber doch komisch an in einem Land, in dem die AfD, die es bekanntlich 2006 noch nicht gab, bei den Wahlen in den einzelnen Bundesländern regelmäßig 15 bis 20 Prozent der Stimmen bekommt.

Der Eindruck dieser Euro ist: Umso explizit europäischer es werden soll, desto nationalistischer schallt es zurück, nicht nur aus Ungarn, Polen oder Russland. Umso verbindender es sein soll, und dann noch im Auftrag eines Kommerzvereins wie der Uefa, umso schärfer scheinen sich die Gegensätze in ganz Europa zu konturieren.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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