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Das wahre Leben der Christiane F.

Das wahre Leben der Christiane F.

Mit 20 Jahren ist Christiane Felscherinow, das Kind vom Bahnhof Zoo, erwachsen und berühmt
Foto: ddp/interTOPICS/Ilse Ruppert

Ab 19. Februar streamt Amazon Prime den Kult-Stoff „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ um Hauptfigur Christiane F. als Serie. B.Z. zeigt ihr wahres Leben.

Das Jahr 1968, Christiane ist sechs Jahre alt. Den Sommer verbrachte sie noch auf dem Dorf, in Nützen bei Hamburg. Fütterte Schweine und Hühner, tobte im Heu. Dann zieht Familie Felscherinow nach West-Berlin. Die Eltern haben viel vor, wollen eine Heiratsvermittlung aufziehen. Doch alle Träume platzen. Nach wenigen Wochen werden aus sechs Zimmern in Kreuzberg, zweieinhalb in der Gropiusstadt.

Die neue Hochhaussiedlung in Neukölln liegt direkt an der Mauer. Die Felscherinows leben im 11. Stock. „Es stank überall nach Pisse und Kacke“ erinnert sich Christiane. Das Mädchen fühlt sich in der Siedlung wie „das dumme Kind vom Land“. Im Sandkasten gilt: Einer ist der Boss, die Schwächsten bekommen Prügel.

Christiane liebt Tiere. Sie jobbt auf dem „Ponyhof an der Mauer“. In ihrem Kinderzimmer hütet sie vier Mäuse, zwei Kaninchen, zwei Katzen, einen Wellensittich und „Ajax“, eine braune Dogge.

Wenn er säuft, schlägt er oft zu

Die Mutter arbeitet als Kontoristin im Büro, der Vater sitzt auf dem Sofa – und trinkt. Seine Stammkneipe ist der „Schluckspecht“ am U-Bahnhof Wutzkyallee.

Wenn er säuft, schlägt er oft zu. Christiane läuft eine Maus weg, dafür gibt’s Prügel, mit dem Bambusstock. Auch ihre kleine Schwester Anette und die Mutter bekommen Schläge. 1973 reicht sie die Scheidung ein.

In der Gesamtschule soll Christiane Abi machen. Dort trifft sie Kessi („stärkster Typ der Klasse“). Sie wird ihre Freundin. Mit 12 gehen sie regelmäßig ins „Haus der Mitte“, ein evangelisches Jugendzentrum an der Lipschitzallee. Die Kinder rauchen Haschisch, Betreuer gucken zu. Bald kifft Christiane täglich. Dann nimmt sie auch LSD-Trips, schluckt Valium. Sie ist 12 Jahre alt.

Das wahre Leben der Christiane F.

Christiane nach dem Entzug. Die Drogen konnten ihrem schönen Gesicht nichts anhaben (Foto: ullstein bild)

Mit der U-Bahn fährt die Clique ins „Sound“, eine angesagte Diskothek in der Genthiner Straße. Eintritt ab 16, aber niemand fragt. Vorher hörte sie Sweet und Smokie, hier legen DJs Deep Purple und David Bowie auf. Drogen sind überall.

Angst hat sie nur vor Alkohol, sonst gehen alle Drogen

Christiane nimmt alles, was sie kriegen kann: Marihuana, LSD, Valium, Mandrax, Ephedrin. Sie raucht Kette und Angst hat sie nur vor Alkohol. Am liebsten trinkt sie Kirschsaft.
Zur Clique gehören jetzt auch Detlef, Babsi, Axel und Stella. Keiner älter als 16, alle noch Kinder. Im Frühjahr hängen an den Litfaßsäulen Bowie-Plakate. Christianes Mutter besorgt Tickets.

Der 18. April 1976, Christiane sagt: „Das Datum werde ich nie vergessen.“ Ihr Idol rockt die Deutschlandhalle. David Bowie singt „It’s too late“ (Es ist zu spät) und „Station To Station“. Christiane fühlt sich elend. Nach dem Konzert schnupft sie das erste Mal die Todesdroge Heroin.

Erste Spritze mit 13

„Meine Glieder wurden wahnsinnig schwer und waren gleichzeitig ganz leicht. Die ganz Scheiße war mit einem Mal weg.“ Wenige Wochen später drückt sie das „H“ (sprich: Äitsch) mit der Spritze auch in ihre Vene. Christiane ist da gerade mal 13 Jahre alt.

Ihr Freund Detlef hängt längst an der Nadel, geht anschaffen, auf dem Schwulenstrich am Bahnhof Zoo. In der Jebenstraße verkaufen sich die Jungs für 40 Mark. So viel kostet ein viertel Gramm Heroin und soviel brauchen Fixer wie Christiane und ihre Freunde täglich.

In der Kurfürstenstraße, um die Ecke vom „Sound“, arbeiten nachts professionelle Huren, tagsüber gehen die Junkie-Kinder auf den „Babystrich“. Wenn Zuhälter die Mädchen erwischen, werden sie misshandelt, so wie Babsi.

Jeder Freier bringt genug für einen Schuss

Doch alles, was für Christiane zählt, ist der nächste Druck. Gegen den „Turkey“, die Entzugserscheinungen. Darum steigt auch sie jetzt in fremde Autos. Jeder Freier bringt genug für einen Schuss, sie braucht drei am Tag. Christiane ist 14 Jahre alt.

Zur Schule geht sie nicht mehr, kommt auch selten nach Hause. Die Mutter checkt die Sucht ihrer Tochter erst nach Monaten und ist hilflos. „Niemand in Berlin konnte mir einen Rat geben“, sagt sie später. Jugendberatungsstellen, Ämter, Hausärzte, alle zuckten mit den Schultern.

Das wahre Leben der Christiane F.

1981 flog sie in die USA, um den Kinofilm über ihr Leben vorzustellen, hier in Los Angeles (Foto: FilmMagic/Getty Images)

Christiane lebt als Fixerin. Ständige Begleiter sind Freier, Dealer und das „Besteck“ – Löffel, Feuerzeug, Zitronensaft und Spritze. Immer mehr Freunde sterben. Atze setzt sich den Goldenen Schuss, Babsi wird tot aufgefunden. „Sie war erst 14“ schreibt die B.Z. über die bis dahin jüngste Drogentote Deutschlands.

„Tun Sie uns einen Gefallen, holen Sie das Mädel hier ab“

Die Mutter meldet Christiane im November 1977 als vermisst. Wenig später ein Anruf der Polizeiwache Friesenstraße: „Tun Sie uns einen Gefallen, holen Sie das Mädel hier ab.“ Frau Felscherinow entscheidet: Christiane muss sofort raus aus der Stadt.

Sie erinnert sich: „Rein ins Auto, zum Flughafen. Christiane war stinkesauer, aber sie konnte sich nicht wehren.“ In einer Kleinstadt bei Hamburg soll sie bei Verwandten entgiften und vom Stoff weg. Tatsächlich geht Christiane in Kaltenkirchen wieder regelmäßig zur Schule, das erste Mal seit drei Jahren. Die Zwangsflucht rettete ihr Leben.

Das wahre Leben der Christiane F.

1978 erschien das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (Foto: ullstein bild – Schöning)

Nur für einen Tag muss sie im Frühjahr doch wieder nach Berlin, als Zeugin in einem Pädophilen-Prozess. Dort fällt sie zwei Journalisten auf, die sie ansprechen. Wenig später erzählt ihnen Christiane ihre Geschichte. Das Buch erscheint 1978, wird ein Beststeller. Ihr Bericht sorgt dafür, dass man in Deutschland das erste Mal über die Heroin-Szene und die Opfer im Kindes-Alter spricht.

Christiane F., das „Drogenmädchen vom Bahnhof Zoo“, wird weltberühmt. Mit 15 Jahren beginnt ihr zweites Leben.

Drogenbericht wird Bestseller und Schul-Lektüre

Die Journalisten Kai Hermann und Horst Rieck schrieben den Bestseller des Jahres 1978 nach Tonband-Protokollen der 15-jährigen Fixerin.

2013 erinnerte sich Christiane: „Ich dachte, es würde ein Buch von vielen, das in der Bibliothek steht. An Presse und Medienrummel habe ich überhaupt nicht gedacht.“

„Ich mag das Buch auch lieber als den Film!“

Zunächst machte die Geschichte als Serie im „Stern“ Furore, Buch-Verlage winkten ab. Kai Hermann: „Wir sind mit dem Manuskript hausieren gegangen. Große Verlage lehnten das ‚Randthema‘ ab. Den Erfolg hat keiner geahnt.“ Die Erstauflage erschien in 5000 Exemplaren, dann kam man kaum nach mit dem Drucken. 95 Wochen auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste!

Das erfolgreichste deutsche Sachbuch nach dem Krieg wurde im Westen Deutschlands Schullektüre, in über 15 Sprachen übersetzt. Bis heute wurden über 4 Millionen Exemplare verkauft. Christiane, die Buchhändlerin werden wollte (Lehre kurz vor Ende abgebrochen) verdient bis heute am Erfolg. 1989 verriet sie Günther Jauch in einem TV-Interview: „Ich mag das Buch auch lieber als den Film!“

Eine Quelle: www.bz-berlin.de

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