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Cybertriller für junge Leser: “Perfect Storm” : Gute Hacker, böse Hacker

In Dirk Reinhardts Cyberthriller „Perfect Storm“ kämpfen junge Netzrebellen gegen Großkonzerne. Ihr Vorbild: Edward Snowden.

Cybertriller für junge Leser: "Perfect Storm" : Gute Hacker, böse Hacker

Schattenwelt. Die Kämpfer nennen sich „Langlorian Freedom Fighters“.Foto: Getty Images/iStockphoto

Sie sind Zufallsbekannte. Aus den Tropfsteinhöhlen von Elgoran. Wo die liegen? Im Cyberspace. Da tun sich die Fantasy-Charaktere Black Lumumba, Most Wanted, Arrow, Silver Surfer, Shirahoshi und Gödel als Gilde zusammen, um beim Computerspiel „Legends of Langloria“ in die „Hall of Fame“ vorzustoßen.

Und weil die Zusammenarbeit gegen Untote und Rieseninsekten prima läuft, freunden sie sich online an. Zwei Hackerinnen aus Kolumbien und Japan. Vier Hacker aus dem Kongo, den USA, Deutschland und Australien. 15, 16 Jahre alt und voll die Nerds. Erfahren im Programmieren, vernetzt im Darknet, nur mit der wirklichen Welt haben sie heftige Probleme.

Milizionäre töten Boubacars Vater

Boubacars Vater, Arbeiter in einer Mine, wo Rohstoffe für den Mobilfonbau geschürft werden, wurde im Kongo von Milizionären getötet. Sein Bruder zum Kindersoldatendienst gepresst.

Kyoko hat sich aus Überforderung in ihrem Zimmer verschanzt – Hikikomori nennen sie das Phänomen in Japan – und sich mit den leistungsorientierten Eltern verkracht.

Und der Deutsche Felix leidet an Asperger-Autismus, der ihn zu einem einsamen Zahlengenie ohne Freunde macht. Eine psychische Eigenheit, die in Büchern und Filmen gerade so in Mode ist, dass auch Dirk Reinhardt, Autor des fesselnden Cyberthrillers „Perfect Storm“ nicht drum herum kam.

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Reinhardts gut recherchierte Netzrebellen-Geschichte stellt sich der Herausforderung, mit dem hippen Aktivisten-Thema auch Lesemuffel vom PC weg in die analoge Jugendbuchwelt zu ziehen. Denen macht es der auf zeitkritische Themen spezialisierte Autor aber nicht gerade leicht. „Perfect Storm“ ist keine linear durchlaufende Echtzeit-Erzählung, sondern in Form eines nachrichtendienstlichen Dossiers geschrieben.

In der Aktensammlung des NSA-Agenten Jacob O’Connor, der die Hacker jagt, die sich „Langlorian Freedom Fighters“, kurz LFF nennen, wechseln sich Chatprotolle mit Memos über einzelne Personen und deren Aktivitäten ab. Oft in Form von Rückblenden.

Dieser distanzierten Erzählhaltung zu folgen, ist anspruchsvolle Kost. Dafür hält sich der Insider-Techniksprech in Grenzen. Außerdem lassen sich die Abkürzungen aus dem Hackerjargon im angehängten Glossar nachschlagen.

Und was hackt die LFF nun eigentlich? Die Netzwerke zweier US-Konzerne, die den Krieg im Kongo durch Waffenlieferungen befeuern, um mit den kriminellen Milizen billige Rohstoffdeals abzuschließen. Die sechs, in täglichem Chat rund um den Globus verbundenen Freedom Fighters, wollen das Unrecht rächen, das Boubacar erlitten hat.

Nach riskanten Datenkaperaktionen, für die Most Wanted sich sogar mit getarnter Identität auf Firmengelände schleicht, spielen die Fans des Whistleblowers Edward Snowden der Öffentlichkeit über Wikileaks Beweise für die illegalen Geschäfte zu. Das ruft den US-Geheimdienst auf den Plan, der eine ausländische, womöglich chinesische Attacke auf die einheimische Wirtschaft wittert.

Ermittler O’Connor entstammt ebenfalls der Hacker-Subkultur und ist gerade mal drei Jahre älter als die anderen. Böser Hacker gegen gute Hacker, so lautet das Spiel auf Augenhöhe.

Cybertriller für junge Leser: "Perfect Storm" : Gute Hacker, böse Hacker

Cover von Dirk Reinhardts “Perfect Storm” .Cover: Gerstenberg

[Dirk Reinhardt: Perfect Storm. Gerstenberg Verlag 2021, 410 Seiten, 18 Euro. Ab 14 Jahren]

Als Lichtgestalt fungiert Gildemeister Most Wanted, der eigentlich Dylan heißt und als Aktivist für ein demokratisches, nichtkommerzielles und antihierarchisches Internet streitet, das es seit der Jahrtausendwende nicht mehr gibt. „Die IT-Konzerte haben das Internet privatisiert, es unter sich aufgeteilt“, schimpft er. „Ihr Ziel ist es, die Privatsphäre komplett abzuschaffen.“

Big-Data-Diktatur voraus

So erlangten sie die Daten, um das Verhalten der Menschen zu analysieren und zu steuern. „Doch ohne Privatsphäre leben wir in einer Big-Data-Diktatur. Und merken es nicht mal.“ Genau diese Befürchtung ließ auch Dylans Held Snowden zum Whistleblower werden. Beide zahlen einen hohen Preis für ihren Mut.

Schwarzweißmalerei ist das einzige, was man der David-gegen-Goliath-Geschichte vorwerfen kann. Die Eindeutigkeit zerfließt nur in der Agentenfigur. Doch „Perfect Storm“ ist ein Jugendthriller. Und der darf trotz der realistischen Schilderung undurchsichtiger globaler Unrechtsverhältnisse den kleinen Trost moralischer Klarheit beinhalten.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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