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„Brecht probt Galilei“ zum Nachhören : Der Meister will es klarer, schärfer, kälter

Bertolt Brecht probt 1956 am Berliner Ensemble seinen „Galilei“. Ein Tonband läuft mit – und erscheint jetzt in einer Hörbuch-Fassung.

„Brecht probt Galilei“ zum Nachhören : Der Meister will es klarer, schärfer, kälter

Ernst Busch und Bert Brecht 1956 auf einer Probe zu „Leben des Galilei“.Foto: Gerda Goedhart © Suhrkamp Verlag

Es begann sein letzter Akt. Bertolt Brecht ruft am 12. Dezember 1955 die Schauspieler des Berliner Ensembles zusammen. Sie sollen ihm Wünsche und Fragen zu ihren Rollen, zum Stück und seiner Inszenierung von „Leben des Galilei“ schriftlich mitteilen. Nach der Bauprobe mit dem Bühnenbildner Caspar Neher folgt am 14. Dezember die erste Probe mit den mehr als 30 Akteuren.

Die letzte von insgesamt 59 „Galilei“- Proben, die Brecht persönlich geleitet hat, findet am 27. März 1956 statt. Das Tolle, für die Nachwelt Bewegende: Brechts Theaterarbeit wird in dieser Zeit nicht nur von Notizen und Protokollen seiner zahlreichen Assistentinnen und Assistenten begleitet.

Meist hat Brecht nur Kraft für zwei Stunden Probe

Es läuft auch ein Tonband. Im Brecht-Archiv der Berliner Akademie der Künste finden sich die 133 datierte Bänder – fast hundert Stunden veritabler Theatergeschichte. Daraus hat Stephan Suschke, Regisseur und Ende der neunziger Jahre zwischenzeitlich Leiter des BE, zweieinhalb Stunden ausgewählt für das Hörbuch „Brecht probt Galilei“, das am Dienstag per Livestream von der Akademie der Künste präsentiert wird.

Brecht auf der Probe, das klingt in exzellenter Tonqualität nun ungemein gegenwärtig. Alle Theorie und überlieferte Fotografie wirkt dagegen nur grau. Doch steigert die Anteilnahme, was Suschke in einem Booklet zum Hörbuch zumindest teilweise mitliefert.

[Livestream hier am, 23.3., 19 Uhr, als Hörbuch (3 CDs) bei Suhrkamp für 25 €]

Meist probt B. B. nur etwa zwei Stunden am Stück. Dann ist er erschöpft. Beim Abbruch seiner Regiearbeit ist Brecht erst 58 Jahre alt, aber herzschwach und kurzatmig. Mit Hinweis auf seine angegriffene Gesundheit hatte er schon im Dezember dem DDR-Innenminister Karl Maron (Stiefvater der Autorin Monika Maron) für Erleichterungen bei Ausreisen in den Westen gedankt; und selbst beim Besuch eines Films des von ihm geliebten Komikers und bayrischen Landsmannes Karl Valentin, zusammen mit der BE-Elevin und wohl letzten Geliebten Isot Kilian, muss Brecht wegen Atemnot vorzeitig das Kino verlassen.

Ein Jahrhundert-Stück, das nur scheinbar in der Renaissance-Zeit spielt

Bald plagt ihn auch ein grippaler Infekt. Trotzdem hält er Reden, schreibt an Stückfassungen und Verträgen für Aufführungen in Europa und Amerika, reist im Februar nach Mailand zu Giorgio Strehlers triumphaler italienischer Version der „Dreigroschenoper“ am Piccolo Teatro. Theo Otto, Brechts neben Neher wichtigster Bühnenbildner, notiert, wie er den in Mailand Gefeierten wahrnimmt: „Die Augen standen wie zwei Punkte im weißen Gesicht. Der Hals zuckte nervös.“

Einige Monate später, im August 1956, stirbt der Jahrhundert-Dichter. Sein 1938 im dänischen Exil begonnener „Galilei“, uraufgeführt 1943 am Zürcher Schauspielhaus, war gleichfalls ein Jahrhundert-Stück.

Nur scheinbar zur Zeit der Renaissance spielend, hatte es Brecht 1947 im kalifornischen Exil für eine amerikanische Fassung mit Charles Laughton bereits bearbeitet und unterm Eindruck der Atombomben um einen Epilog zur Rolle des Wissenschaftlers erweitert. Tatsächlich geht es um Wahrheit und Lüge, um persönliche Verantwortung und Anpassung. Stalin, den Brecht den „verdienten Mörder des Volkes“ genannt hatte, war seit über zwei Jahren tot, als Chruschtschow Anfang 1956 in Moskau von Stalins Verbrechen sprach.

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Brecht erwähnt das nicht. Aber er fordert seine Schauspieler immer wieder auf, nicht erkennbar Partei zu ergreifen und jedem Charakter sein eigenes Recht zu geben. Die römischen Kardinäle, die Galilei zum Widerruf der Erkenntnis zwingen, dass sich die Sonne nicht um die Erde dreht, seien „hoch gebildete, kultivierte Männer“.

Fürsorgliche Strenge und Tobsuchtsanfälle

Galilei, in dem er selbst steckt, soll in seiner Schwäche mehr zum Nachdenken anregen als durch (falschen?) Heldenmut. Dazu ereifert sich Brecht immer wieder mit lauter, augsburgisch rollender Stimme. „Darf ich was sagen?!“, unterbricht er die Akteure und fordert sie mit meist höflicher, manchmal auch barscher Autorität auf, klarer, schärfer, kälter oder auch ironisch gewitzter zu agieren. Was Emotionalität, Psychologie und Einfühlung in die Verhältnisse nicht ausschließt.

Brecht siezt alle, Ernst Busch in der Titelrolle begegnet er mit Respekt, der jungen Regine Lutz als Galileis Tochter mit fürsorglicher Strenge. Doch als ein Schauspieler mal kurz die Probe verlässt, bekommt er einen seiner Tobsuchtsanfälle, brüllt, es gehe hier schon vor Feierabend zu „wie bei den Maurern“. Dabei hatte der Ärmste nur auf die Toilette gemusst, und Brecht überhört die aufs Band gehauchte Entschuldigung.

Brecht erscheint in seiner ungeduldigen Präsenz souverän, aber auch wie ein Gejagter. Als hätte er geahnt, wie wenig Zeit ihm noch blieb. Das ist: Theaterweltgeschichte aus nächster Nähe. Spannender noch als die von Erich Engel nach Brechts Tod zu Ende inszenierte fertige Aufführung.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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