Dnachrichten.de

Berliner Ruinen (1) : Romantik des Zerfalls

Berlin hat Ruinen als Wahrzeichen: die Franziskaner-Klosterkirche in Mitte ist ein Kulturort aus dem Mittelalter, der noch immer seine Aufgabe hat.

Berliner Ruinen (1) : Romantik des Zerfalls

Gotische Bögen. In die Ruine hinein geht es durch den Eingang Klosterstraße.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ruinen sind sichtbar gewordene Zeit. Stolze Bauten und Lieblingsorte zerfallen, einstige Kostbarkeiten werden zu Schrott. Die Relikte der Vergangenheit entzünden die Fantasie. Gedächtniskirche, Anhalter Bahnhof: Berlin hat Ruinen als Wahrzeichen. Auch wenn die Stadt längst nicht mehr ruinös aussieht, hat der Zahn der Zeit Spuren hinterlassen. Unsere Sommerserie folgt ihnen.

Zweite Hälfte der neunziger Jahre, da ist es geschehen. Durch Berlin lief gerade eine Welle von Mietshausverkäufen und Sanierungen. Goldgräberstimmung in der wiedervereinigten Stadt. Der Altbau, in dem man ohne Fahrstuhl und Wärmedämmung gelebt hatte, erhielt genau das. Dazu schicke Anstriche und Dachwohnungen, durch deren repräsentative Terrassen der Regen tropfte. Des neuen Eigentümers Mieterhöhungsbegehren endete mit einem Vergleich: vor dem Berliner Landgericht in der Littenstraße. Eine bis dahin nie besuchte Ecke.

[Klosterruine Berlin, Klosterstr. 73a, tgl. 10-18 Uhr. Die Ausstellung „While the Angels are naming us“ von Simone Fattal läuft bis zum 1. August. Komplettes Programm: www.klosterruine.berlin]

Die Verhandlung vor dem desinteressierten Richter geriet aufregend genug. Viel spannender war jedoch, sich beim Eingang des einstigen „Königlichen Amts- und Landgerichts“ plötzlich einer mittelalterlichen Ruine gegenüber zu sehen. Gotische Spitzbögen, mürbes Mauerwerk, hohle Fenster. Was in aller Welt? Ist dies schon Kloster Chorin oder noch Berlin? Ein Gemäuer, so erhaben und atmosphärisch, wie sie sonst nur in Liedern namens „An der Saale hellem Strande“ in den Himmel wachsen: „Ihre Mauern sind verfallen und der Wind streift durch die Hallen, Wolken ziehen drüber hin.“ Nie hat Sanierungsärger Besseres bewirkt, als die Entdeckung der Franziskaner-Klosterkirche in Mitte.

Feldsteine des Vorgängerbaus von 1250

Sonntag vor einer Woche. Die Abendsonne lässt das dürre Gras auf der nördlichen Mauereinfassung der Klosterruine aufleuchten. Die in sie eingelassenen Feldsteine atmen Vergangenheit. Sie entstammen einem um 1250 errichteten Vorgängerbau. Schrammelige Indiepopklänge wabern durch das halbierte Kirchenschiff. Auf Treppenstufen lagert junges Volk aus aller Herren Ländern und plaudert. Die Band Early Grey spielt zur Eröffnung einer Ausstellung mit Werken von Simon Fattal. Aufgebockt auf Metallgestellen stehen Keramikskulpturen der in Damaskus geborenen Künstlerin im luftigen Raum und arbeiten gegen dessen symbolbefrachtete Mauern an. Ihr kulturhistorischer Wert ist gewaltig. In unmittelbarer Nähe der alten Stadtmauer gelegen, zählt die Ruine der Franziskaner-Klosterkirche zu den ältesten Baudenkmälern der Berliner Gründungsgeschichte. Die Ende des 13. Jahrhunderts vom Bettelorden der Franziskaner errichtete dreischiffige Kirche begründet die Backsteingotik in der Region und ist das letzte erhaltene Zeugnis mittelalterlicher Klosterkultur der Stadt.

Doch obwohl die Reste der von Bombenkrieg und Nachkriegsstadtplanung geschliffenen Klosteranlage so bedeutsam sind, fühlt man sich drinnen, beim Herumwandeln, seltsam befreit von allen Kategorien der Wichtigkeit. Planwerk Innenstadt! Wiederherstellung der historischen Mitte! Wiederbelebung von Molkenmarkt und Klosterviertel! Drüben am Molkenmarkt buddeln sie schon. Ab 2025 wird losgebaut. All die Stadtentwicklungsgeschäftigkeit schweigt in diesen Mauern.

Ruinen erzählen vom Werden, aber stärker noch vom Vergehen. Sie relativieren menschliches Streben. Genau darin liegt der pittoreske Zauber. In der Ästhetik des Zerfalls. Die Gartenkunst des 18. und 19. Jahrhunderts schmückt sich mit künstlichen Ruinen, die die Antike idealisierten. In der Romantik sind zerfallene Burgen und Klöster beliebtes Sujet der Malerei. Diese Stilisierung färbt sogar auf die Franziskaner-Klosterkirche ab, wie die Kunstwissenschaftlerin Ute Müller-Tischler ein paar Tage vor dem Konzert beim Rundgang durch die Ruine erzählt.

30 000 Besucher von Mai bis Oktober

Sie leitet seit 2016 den vom Bezirk Mitte betriebenen Ausstellungsort, den von Mai bis Oktober rund 30 000 Menschen besuchen. Caspar David Friedrichs Gemälde „Die Klosterruine von Eldena“, das um 1825 entstand, habe die Ost-Berliner Stadtplaner der sechziger Jahre dazu inspiriert, das Gemäuer mit einer Grünanlage zu umgeben, erklärt sie. Zuvor werden 1968 die Überreste der anderen Klostergebäude planiert und die Grunerstraße zu der Magistrale verbreitert, die sie heute ist. Ein weniger romantischer Zug. Die zeitweilige Absicht, die Kirchenruine als Kriegsmahnmal zu erhalten, womöglich als Ost-Gedenkstück zur Gedächtniskirche, erfüllt sich dann doch nie so richtig. Dafür wird sie seit den achtziger Jahre durch Kultur belebt. Von 1992 bis 2016 nimmt sich ein Verein der zuletzt 2005 sanierten Ruine an. Mit Theater, Konzerten und Skulpturenausstellungen. Einige bildhauerische Werke stehen immer noch drum herum.

Berliner Ruinen (1) : Romantik des Zerfalls

In voller Pracht. Eine historische Innenansicht der Franziskaner-Klosterkirche aus dem Jahr 1896.Foto: Wikipedia

Sicher sei es eine Gradwanderung, hier Kunst zu zeigen, sagt Ute Müller-Tischler. „Die Geschichte drückt. Es fordert Größe im Denken, sich hier durchzusetzen.“ In der laufenden Reihe „Times in Ruins“ werden Künstlerinnen und Künstler direkt eingeladen, Arbeiten für die Ruine zu entwickeln. „Dieser Ort ist unfertig, er löst den Wunsch nach Vervollständigung im Gehirn aus“, glaubt Müller-Tischler. „Ruinen sind eine Schnittstelle zwischen Fantasie und Wirklichkeit, zwischen Möglichem und Unmöglichem.“ Ein Satz, der beim Anschauen der alten Sakristei und dem ehemaligen Heizkeller ungeahnt konkret wird. Beide sind für das Publikum geschlossen. Nur weil eine Ruine für das Laienauge gesichert erscheint, heißt das nicht, dass sie nicht weiterbröckelt. Feuchtigkeit und Frost setzen dem unzureichend abgestützten Gewölbe zu. Backsteine platzen ab. Auf acht bis zehn Millionen Euro beläuft sich die Summe, die das vom Bezirk beauftragte Konzept zur baulichen Ertüchtigung veranschlagt. Inklusive einer kleinen Besucherinfrastruktur. Im Moment gibt’s nur eine Ökotoilette und bei Vernissagen dient eine Tischplatte als Bar. „Dieser Ort ist weder baulich, noch finanziell oder personell gesichert“, sagt Müller-Tischler und lässt keinen Zweifel daran, dass sie das angesichts seiner Bedeutung für ein Unding hält.

[Wenn Sie die wichtigsten Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können]

Dass Ruinen nur Vergangenheit, aber keine Zukunft haben, mag man in diesem Nukleus der Stadtgründung keineswegs glauben. Zumal in dem Kloster und der Kirche auch nach Reformation und Säkularisierung des Franziskanerkonvents 1539 weiter das Geistesleben blüht. Erst durch den Wunderdoktor und Gelehrten Leonhard Thurneysser, der hier Laboratorien, einen exotischen Tierpark, eine Bibliothek und die erste Druckerei der Stadt einrichtet. Und 1574 dann durch die Gründung des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster, einer der bedeutendsten Bildungsstätten des städtischen Bürgertums, in der Karl Friedrich Schinkel, Friedrich Ludwig Jahn und Otto von Bismarck die Schulbank drücken.

Das Ziel: ein Graues Kloster auch in Mitte

Krieg und Teilung unterbrechen diese Tradition, die im Westen 1963 das Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster in Schmargendorf fortsetzt. Dass es auch in Mitte wieder ein Gymnasium dieses Namens geben soll, ist die Vision der Stiftung Berlinisches Gymnasium zum Grauen Kloster, die seit Jahren um die Restituierung der alten Klosterliegenschaften streitet. Brigitte Thies-Böttcher, die Vorsitzende des flankierenden Fördervereins, kann in glühenden Farben von der zukunftsträchtigen Vision einer in das Stadtquartier hineinwirkenden Schule erzählen. Klosterruinenleiterin Ute Müller-Tischler hingegen fürchtet, dass die Aura des in Bezirksbesitz befindlichen Gemäuers leidet, wenn sie von Baukörpern eingefasst wird. Ade, Caspar-David-Friedrich-Szenerie.

Am Ende steht wieder ein Prozess. Vor dem Landgericht wird am 7. September über das Restitutionsbegehren verhandelt, heißt es aus der Senatsverwaltung für Finanzen. Je nach Ergebnis wird es wohl nicht die letzte Instanz gewesen sein. Und eine intensivere archäologische Sondierung des Klostergeländes steht eigentlich auch noch an. Derweil atmet die Ruine Ewigkeit. Doch den Backsteinen der Mönche wird sie zu lang.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

This website uses cookies to improve your experience. We'll assume you're ok with this, but you can opt-out if you wish. Accept Read More

Privacy & Cookies Policy