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Berlinale, aber nicht für alle : Von echten Filmen und falschen Umarmungen

Die 71. Berlinale läuft seit Montag – aber nur für die Branche: erste Beiträge im Wettbewerb um die Bären, von Dominik Graf, Maria Schrader und Hong Sangsoo.

Berlinale, aber nicht für alle : Von echten Filmen und falschen Umarmungen

Nackte Seelen. Tom Schilling und Meret Becker in Dominik Grafs Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“.Foto: Lupa Film/H. Lentz/DCM

Morgens um 7 ist das Kino schon offen, online bei der Branchen-Berlinale. Seltsames Gefühl, noch im Schlafanzug den ersten Wettbewerbsfilm zu schauen, „Introduction“ von Hong Sangsoo. Ob die Filmmarktprofis das jetzt auch so machen?

Auf der Webseite des Festivals steht, es handele sich um eine Weltpremiere, und gleichzeitig auch wieder nicht. Denn das Fachpublikum kann die Festivalfilme zwar bis zum 5. März streamen, ihre Uraufführung erleben sie aber erst dann, wenn sie im Kino vor Publikum laufen.

In „Introduction“ aus Südkorea umarmen sich die Menschen, drei Mal in drei Episoden: ein junger Mann und die Sprechstundenhilfe des Vaters in Seoul, in Erinnerung an seine Kindheit; derselbe junge Mann und seine in Berlin studierende Freundin am Potsdamer Platz (wo ja gerade keine Berlinale stattfindet); und wieder derselbe junge Mann mit einem Freund am Strand in Korea.

Vorher hatte er einem koreanischen Filmstar erklärt, er könne das nicht, eine Frau umarmen und so tun, als sei das echt. Deshalb hat er seine Schauspielausbildung abgebrochen. Der Star wird wütend. Jede Umarmung sei wertvoll, es gehe immer um Liebe, sagt er.

Kein Abstand, nirgends

Umarmungen in Zeiten der Pandemie. Oder guckt man sich das Virus in die Bilder hinein, wie Festivaldirektor Carlo Chatrian sich bei der Programmauswahl ebenfalls fragte? Hält man deshalb die Luft an, wenn Dominik Graf in seiner Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“, einem von vier deutschen Beiträgen im Bärenrennen, für Überfülle auf den teils grobkörnigen Bildern sorgt, für Hautnähe, Tempo, drangvolle Enge noch auf der Tonspur?

Kein Abstand, nirgends. Tom Schilling als Fabian wird nach seinem Nebenberuf gefragt, als er seinen Werbetexter-Job verliert und das Heer der Berliner Arbeitslosen Anfang der 1930er Jahre vergrößert. Nebenberuf? Ja, antwortet er, ich lebe.

Grafs wirbeliger Drei-Stunden-Film spielt zur gleichen Zeit wie die TV-Serie „Babylon Berlin“. Den Menschen steckt der Krieg noch in den Knochen, und die ersten Nazis stecken schon in Uniform.

„Fabian“ zeigt die Überlebenskünstler-Bohème bei ihrem dekadenten Tanz auf dem Vulkan ohne jeden Glamour. Meret Becker spielt eine enthemmte reiche Gattin auf der permanenten Suche nach Beischläfern. Nackte Seelen, schwärende Wunden, wilde Verzweiflung. Fabian, der als in seine Kladde notierender Beobachter auch Züge von Kästner selbst trägt, will nicht im Strom schwimmen und wird am Ende doch fortgerissen.

“Fabian” oder Die Gegenwart explodiert – und dankt ab

Es sind Getriebene, heimgesucht von den weggeschossenen Gesichtern der Veteranen, vom Dreck zwischen den Kriegen. Schwarzweiß-Berlinbilder von damals, expressionistische Splitscreens – und einmal entdeckt Fabian vor der Haustür die Stolpersteine von heute: Es bleibt keine Zeit zwischen den Zeiten.

Freund Labude (Albrecht Schuch) nimmt sich das Leben, die Liebe zu Cornelia (Saskia Rosendahl) ist aussichtslos. Auch wenn Graf sie bis zuletzt zu retten versucht, länger als in Kästners Roman.

Die Gegenwart explodiert und dankt ab, das berührt die eigene Lockdown-Melancholie. Wobei das Misstrauen in die Wirklichkeit auch zur Komödie taugt – und die sind ja selten in einem Berlinale-Wettbewerb.

Maria Schrader macht in ihrer vierten Regiearbeit (zuletzt: die Miniserie „Unorthodox“) die Probe aufs Exempel, wenn sie „Ich bin dein Mensch“ in der nahen Zukunft ansiedelt und algorithmen-generierte Gefühle auf ihr Echtheitspotential hin abklopft, und auf ihren Witz.

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Der Plot: Eine Keilschrift-Forscherin am Pergamonmuseum (Maren Eggert) soll die Liebestauglichkeit eines speziell auf sie programmierten androiden Roboters (Dan Stevens) testen. Und der tut, was personalisierte Algorithmen eben so tun: Er empfiehlt, was gut für sie wäre und sie sonst noch interessieren könnte. Mit unterhaltsamen, komischen Folgen (und offenbar gutem Sex).

Die Liebe eine Illusion, so what? Wann schlägt das Virtuelle ins Reale um, ins Unberechenbare? Schraders Film rettet sich etwas arglos in die Romantik. Oder geht die Zuschauerin nur einem besonders raffinierten Fake auf den Leim?

Zu einem richtigen Festival gehören Pressekonferenzen. Auch die fehlen naturgemäß beim Online-Filmmarkt. Am Montagnachmittag laden Maria Schrader, Maren Eggert, Dan Stevens und die Produzentin Lisa Blumenberg trotzdem zum Online-Panel auf Zoom.

Sie wollte wissen, sagt die Regisseurin, ob jemand, der nicht so unperfekt sei und nicht sterben könne wie wir, trotzdem Trost spenden kann. Hat eine Maschine das Zeug zum besseren Menschen?

Drei Filme über die Sehnsucht nach Wirklichkeit, über Ersatzhandlungen und andere Verzweiflungstaten, drei Filme mit dem Schauplatz Berlin. Ihre echte Weltpremiere feiern sie auf der Publikums-Berlinale im Juni – wenn das Virus es zulässt.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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