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Ausstellung „Send me an Image“ : Hochladen, teilen, kommentieren

Vom Abbild zur Nachricht: Das Fotohaus C/O Berlin zeigt zur Wiederöffnung die Ausstellung „Send me an image“. Es geht um das Zirkulieren von Bildern.

Ausstellung „Send me an Image“ : Hochladen, teilen, kommentieren

Marc Lee verwebt in seinem „Corona TV Bot“ Nachrichten sowie aktuelle Twitter- und Youtube-Meldungen zu einer wilden TV-Show.Foto: Marc Lee

Manche Bilder werden zu Ikonen. Etwa die Aufnahme eines Mannes, der sich 1989 während der Proteste am Platz des Himmlischen Friedens in Peking einer Panzerkolonne entgegenstellte, eine kleine Figur mit zwei Einkaufstüten in der Hand, die die Militärfahrzeuge am Weiterkommen hinderte. Weil die Original-Aufnahmen in China zensiert wurden und werden, tauchen im Internet abgewandelte Versionen auf, sogenannte Memes.

Auf einem Bild wurden die Panzer durch drei Gummienten ersetzt. Diese Version schaffte es zum 24. Jahrestag der gewaltsam niedergeschlagenen Demokratiebewegung in China temporär die Zensur zu umgehen. Danach sah man den „Tankman“ vor Maoköpfen, vor Legopanzern oder vor Pokemonfiguren.

Die „David gegen Goliath-Formel“ hat sich im Netz verselbständigt, sie ist zu einem wiedererkennbaren Bildschema für Protestbewegungen geworden, vom Arabischen Frühling bis zum Tierschutz. Grundlegend dafür, ist das massenhafte Teilen, Bearbeiten und Verbreiten von Bildern.

Verstehen, wie Bilder sich verteilen

Um die Bildzirkulation geht es in der Ausstellung „Send me an image“, die jetzt in der Fotogalerie C/O Berlin zu sehen ist. Jeden Morgen stellen die Veranstalter als Erinnerung an den „Tankman“ drei große aufblasbare Plastikenten vor das Ausstellungshaus.

Am Abend werden sie reingeholt, die Luft rausgelassen. Zu gefährlich wäre es, sie über Nacht draußen stehen zu lassen. Man befürchtet unfreiwilliger Zirkulation durch die Stadt. Es ist die erste Ausstellung bei C/O Berlin nach mehr als 320 Tagen coronabedingter Schließzeit. Kurator Felix Hoffmann, der sie gemeinsam mit Kathrin Schönegg entwickelt hat, ist erleichtert, dass die Eigenproduktion mit etlichen Auftragsarbeiten endlich ihr Publikum finden kann.

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Eine anonyme Parodie des berühmten „Tankman“-Fotos vom Tiananmen-Platz in Peking 1989.Foto: C/O Berlin

Wer das ehemalige Amerikahaus in Charlottenburg betritt, dem spült es zunächst eine riesige Welle an Papierfotos vor die Füße. Drei mächtige Fotoberge sind im Eingangsbereich aufgehäuft. Eine Installation des Künstlers Erik Kessels. Er hat alle 350 000 Bilder ausdrucken lassen, die an einem Tag im Jahr 2013 bei der FotoSharing-Plattform Flickr hochgeladen worden sind.

Ein riesiger Haufen Material, wenn man ihn physisch vor sich sieht, inhaltlich nichts als weißes Rauschen, das einzelne Motive spielt keine Rolle. Im Grunde ist es aber eine lächerlich kleine Zahl verglichen mit den Mengen, die heute bei Social Media Plattformen hochgeladen werden.

Allein bei Facebook werden täglich etwa 350 Millionen Fotos gepostet, 4000 pro Sekunde, so eine Statistik aus dem vergangenen Jahr. Wäre jemand so verrückt, auch das auszudrucken, wäre die Eingangshalle wahrscheinlich bis oben hin voll. Aber es geht hier gar nicht um die schiere Menge, sondern um die Beweglichkeit der Bilder.

Porträts wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Postkarten verschickt

Bereits in den 1850er Jahren wähnte man sich in einer Bildermanie, verschickt wurden die beliebter werdenden Porträtaufnahmen auch damals schon. „Von der Postkarte zu Social Media“ lautet der Untertitel der Schau, die die Geschichte der Bildzirkulation, vor allem anhand konzeptueller und installativer Arbeiten erzählen will.

Im Katalog geht es mit Ikonen los, Bildern von Herrschern und Heiligen, die als veritable Stellvertreter der Abgebildeten dienten, und ebenfalls bereits von einem Ort zum nächsten getragen wurden. Die Ausstellung geht nicht so weit zurück. Sie beginnt mit den sogenannten „Cartes des Visite“.

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Ab 1850 waren diese handlichen Karten eine beliebte Form der Porträtfotografie, die in Fotostudios relativ preiswert und mit mehreren Abzügen hergestellt wurden. Im Gegensatz zu den Daguerreotypien, die auf versilberten Kupferblechen aufgenommen wurden und Unikate waren, hatte man nun mehrere Exemplare, die an Verwandte und Geschäftspartner verteilt werden konnten. Das geschah umso mehr, als die Post ab Mitte des 19. Jahrhunderts schneller wurde.

Selfies sind Gegenwart

Wer um 1900 ein Porträt von sich machen ließ, natürlich nicht mit der eigenen Kamera, sondern im Fotostudio, setzte ein ernstes Gesicht auf, die durchschnittliche Miene, bereinigt um alles, was irritiert. Schließlich wollte man so aussehen, wie man war.

Wer heute ein Selfie macht, streckt die Zunge raus, guckt komisch, oder macht ein Duck-Face, die Schnute, die sich wer weiß warum durchgesetzt hat. Selfies halten nicht das Wesen eines Menschen fest, sondern einen Moment, sie dienen als Lebenszeichen und zur Kontaktaufnahme. Man schickt ein Selfie – das heißt „Hallo, mir geht’s gut“.

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Erik Kessels häufte in einer Installation die an einem Tag zu Flickr hochgeladenen Bilder zu einem Berg auf.Foto: Erik Kessels

Schon früh fand man es lustig das eigene Konterfei auch auf Briefmarken drucken zu lassen. Die Idee wurde nie richtig groß, verschwand aber auch nicht mehr, was Arbeiten der Medienkünstlerin Lynn Hershman Leeson oder des Konzeptkünstlers Andreas Slominski in der Ausstellung zeigen.

Empfänger: die ganze Welt

Während das lineare Prinzip, Absender schickt an Empfänger bei der Postkarte und den Briefmarken noch recht klar ist ist, verändert sich die Sender-EmpfängerBeziehung mit der digitalen Verbreitung. Man teilt Bilder mit Social Media-Freunden oder gleich mit der ganzen Welt, versieht sie mit Hashtags, damit sie im Strom der digitalen Daten gefunden werden.

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On Kawaras Postkarten-Projekt „I Got Up“.Foto: One Million Years Foundation, Foto: Axel Schneider

Bilder sind schneller als die Ereignisse selbst, die oft noch andauern, wenn die ersten Handyfotos bereits zirkulieren, man denke an Unglücke, Anschläge, Katastrophen. Es ist ein Anliegen der Ausstellung, dass entmaterialisierte Bild und die unsichtbare Datenzirkulation sichtbar und begreifbar zu machen.

Das gelingt gut, etwa mit einer Installation von Eva & Franco Mattes, die ihre „Personal Photographs“, ihre persönlichen Fotografien, in Form bunter Datenkabeln zeigen, die sich in Kabelkanälen quer durch den Ausstellungsraum winden. Niemand sieht diese Bilder, sie haben keinen Ort und sausen doch als Bits und Bytes von Server zu Server.

Beim „Social printer“ des französischen Künstlers Romain Roucoules ist es umgekehrt, dort drucken herkömmliche Quittungsdrucker Bilder, die bei Instagram gepostet werden, auf Thermopapier aus. Wie groß der Haufen wird beim Hastag #coberlin wird man sehen.

Infrastruktur des Löschens

Politischer wird es, wenn es um Prozesse des Filterns, Aussortierens und Zensierens geht. Schon als man Bilder noch ins Fotolabor brachte, wurden verwackelte Urlaubsaufnahmen und misslungene Ausschnitte maschinell aussortiert, wie die Bildersammlung „Geprüft und für wertlos befunden“ von Dieter Hacker aus dem Jahr 1980 verdeutlicht.

Willkür beim Aussortieren gab es auch damals schon. Bei Youtube, Facebook und Instagram potenziert sich das. Das Löschen von gefährlichen Inhalten wird einerseits gefordert, andererseits wird die Unzulänglichkeit der Algorithmen beklagt.

Das Künstlerduo Adam Broomberg und Oliver Chanarin hat in Zusammenarbeit mit der Fotozeitschrift „Der Greif“ versucht, die Zensurkriterien anhand eines Open Calls zu ergründen; sie baten um Zusendung von Bildern, die die Einsenderinnen als zu privat, zu still, zu explizit, zu gewalttätig oder zu politisch fanden, um sie online zu posten. Diese wurden dann von einem ehemaligen Facebook-Content Moderator sortiert.

Bei C/O Berlin hängen nun rechts die „guten“ und links die „bösen“ Bilder. Mal sind nackte Brüste ok, dann wieder nicht. Mann in Blutlache ok. Soldat, von Handys gefilmt, nicht.

[C/O Berlin, bis 2. September, täglich 11 – 20 Uhr. Nur mit Zeitfensterticket.]

Hier die Regeln verstehen zu wollen, führt in einen Sumpf aus Vorurteilen und Rassismen, „Blame the Algorithm“, wie der Titel der Arbeit lautet, ist da bei weitem leichter. Allerdings kann der Algorithmus ja nur arbeiten, wenn er vom Menschen und dessen Entscheidungen trainiert wird. Bei den großen Social Media Plattformen übernehmen schlecht bezahlte Angestellte den Job des „Moderators“.

Welch grauenhafte Dinge sie täglich sehen müssen, wie zermürbend für Körper und Psyche diese Arbeit ist, verdeutlicht ein Interview, das die Künstler mit dem Facebook-Mitarbeiter geführt haben. Alles kommt vor, von kriegsverletzten Kindern, über abgerissene Gliedmaßen bis zum Mord an Menschen und Tieren oder beidem gleichzeitig. „I don’t like poeple anymore“, sagt der Mitarbeiter. Wo Sender und Empfänger sich nicht kennen, kann es ganz, ganz dunkel werden.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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