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“Außerirdisch” von Harvard-Physiker Avi Loeb : Hallo Nachbarn, kommt doch näher

Wir sind nicht allein. Avi Loeb erläutert, warum Menschen keineswegs die einzige Intelligenz im Kosmos sind.

"Außerirdisch" von Harvard-Physiker Avi Loeb : Hallo Nachbarn, kommt doch näher

Wahre Schönheit kommt von innen. Ein nicht von Avi Loeb autorisiertes Alien-Trio unterwegs.Foto: Getty Images/Stockphoto/Joe Cicak

Den Kopf in den Sternen, die Füße am Boden. Diese Kombination macht aus Avi Loebs Hypothesen in Sachen extraterrestrisches Leben eine solide Angelegenheit – bei gleichzeitigem Dauertriggern sämtlicher populärkultureller Alien-Fantasien. Mag sich der Astrophysiker von der Harvard University noch so streng von Science-Fiction abgrenzen, ein Quäntchen Metaphysik schwingt auch in seiner spannenden Sterndeutung immer mit.

Alles beginnt mit dem „Kundschafter“ oder „Boten“, auf Hawaiianisch: Oumuamua: dem ersten von Menschen in diesem Sonnensystem erspähten interstellaren Objekt. Es gerät am 19. Oktober 2017 in den Blick eines Hochleistungsteleskops auf Hawaii und macht in der Astrophysiker-Gemeinde schnell Furore. Elf Tage lang werden Daten zu Oumuamua gesammelt, dem Objekt, das sich mit 94 240 Stundenkilometern aus Richtung Vega nähert. Er passiert die Sonnenumlaufebenen von Erde und Venus und macht sich dann in Richtung Sternbild Pegasus wieder davon.

Kollegen einigen sich auf die Kometen-Theorie

Asteroid? Komet? Die Spekulationen schießen ins Kraut. Das Gros der Naturwissenschaftler einigt sich auf Letzteres, wenngleich ungeklärte Eigenschaften bestehen bleiben, die dem „Kundschafter“ einen Exotenstatus sichern. Daten, die auf eine seltsame Form, eine lange, dünne Zigarre oder eine dünne Scheibe schließen lassen.

Die Reflexion des ungewöhnlich hellen Objekts, die nach Avi Loeb eher an Metall denn an Gestein denken lässt. Und die außergewöhnliche Flugbahn um die Sonne, bei der das Objekt mehr Schub gewinnt, als die Gravitation oder eine bei Kometen übliche Ausgasung erklären, die bei Oumuamua zudem nicht sichtbar ist.

All das erklärt Loeb in der ersten Person mit populärwissenschaftlicher Sachlichkeit. Kleine Grafiken und Modelle untermauern die empirische Evidenz der Belege, die Loeb – von keinem Lektor gebremst – ein ums andere Mal wiederholt. Wundert man sich noch, dass der Wissenschaftler in der Einleitung geschlagene zehn Zeilen für die Aufzählung seiner Ämter ausgibt, wird nach wenigen Kapiteln klar, dass „Außerirdisch“ auch eine Rechtfertigungsschrift ist.

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Loebs haarklein durchdeklinierte, provokante Hypothese besagt nämlich, dass Oumuamua kein natürliches Objekt sein könnte, sondern ein künstliches. Das ist nach seiner Interpretation der Daten die einfachste Erklärung für alle Auffälligkeiten. Oumuamua könnte Weltraumschrott, beispielsweise das Sonnensegel einer Sonde oder eine Boje, sein.

In jedem Fall ein von einer anderen bewussten Intelligenz hergestelltes Ding. Und damit der erste, noch unscharfe Beweis für Loebs schon in früheren Forschungsprojekten untersuchte Prämisse: Wir sind nicht allein! „Es ist sehr anmaßend, wenn wir annehmen, dass wir die einzige Intelligenz in diesem riesigen Kosmos sind“, schreibt er und nennt die schwindelerregende Zahl von einer Trilliarde habitabler Planeten im beobachtbaren Universum.

"Außerirdisch" von Harvard-Physiker Avi Loeb : Hallo Nachbarn, kommt doch näher

Harvard-Professor und Instanz der Astrophysik. Avi Loeb, Jahrgang 1962.Foto: Olivia Falcigno

Die Veröffentlichung seiner Theorie bringt Loeb Medienaufmerksamkeit und scharfen Gegenwind aus der Kollegenkaste ein. Jüngst erst von zwei Astronomen der Arizona State University, deren Berechnungen das Objekt für gefrorenen Stickstoff in Keksform halten. Loeb quittiert im Buch sowohl den Medienhype als auch die Gegenthesen mit Schelte.

Er kontert mit Zahlengewittern an statistischen Wahrscheinlichkeiten, die seine These stützen, aber für Laien nicht überprüf- oder widerlegbar sind. Und er verquickt die kosmische Identitätsdebatte mit einem philosophisch-moralischen Überbau, der sich um den Begriff „Demut“ dreht und – etwas zu bemüht – Avi Loebs Biografie in Anspruch nimmt.

Loeb plädiert für freies, interdisziplinäres Denken

„Ich glaube, dass mein ungewöhnlicher Lebensweg mich auf meine Begegnung mit Oumuamua vorbereitete“, schreibt er und betont, dass die wissenschaftliche Erfahrung ihn den Wert von Freiheit, Unterschiedlichkeit und interdisziplinärem Denken gelehrt habe. Philosophie, Theologie und Naturwissenschaft seien „nur durch eine dünne Grenze voneinander getrennt“.

Avi Loeb ist in Israel in einer jüdischen Familie aufgewachsen, die im Nationalsozialismus aus Deutschland vertrieben wurde. Die Liebe zur Philosophie hat er von seiner Mutter, einer promovierten Literaturwissenschaftlerin, geerbt. Ebenso wie die Entschlossenheit, jene Hürden zu überspringen, die er der trägen Denkkultur des Mainstreams ankreidet.

"Außerirdisch" von Harvard-Physiker Avi Loeb : Hallo Nachbarn, kommt doch näher

Steinerne Zigarrenform? Nein. Avi Loeb hält Oumuamua eher für ein dünnes, rundes Objekt.Simulation: M. Kornmesser/ European Southern Observatory/AFP

Der größte Widerstand gegen die Suche nach außerirdischer Intelligenz gehe auf den Konservativismus von Naturwissenschaftlern zurück, die die Zahl ihrer Fehler minimieren wollten, schimpft er. Andere Hypothesen ohne Belege wie die Stringtheorie, Supersymmetrie und Multiversen seien dagegen anerkannte Spielwiesen von Physikern.

Unerwartetes wird nicht gefunden

„Wenn du das Unerwartete nicht erwartest, wirst du es nicht finden“, zitiert Loeb einen Heraklit zugeschriebenen Satz und fordert zu größeren Anstrengungen der Erforschung des Alls auf. Und vor allem dazu, das schädliche Beharren auf menschlicher Exklusivität einzustellen. Auch im Hinblick auf den „Großen Filter“.

"Außerirdisch" von Harvard-Physiker Avi Loeb : Hallo Nachbarn, kommt doch näher

Cover von “Außerirdisch”.Foto: DVA

[Avi Loeb: Außerirdisch. Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten. Aus dem Englischen von Jürgen Schröder. DVA, München 2021. 266 Seiten, 22 €.]

Diese Theorie besagt, dass der Moment der technologischen Reife, die eine Zivilisation dazu befähigt, Raumfahrzeuge zu anderen Sternen zu schicken, auch der Moment ist, in dem sie technisch zur Selbstzerstörung fähig ist – durch Kriege, Klimawandel, Pandemien.

Viel wahrscheinlicher, als in den Weiten des Kosmos auf lebende Aliens zu treffen, ist es in einem 13,8 Milliarden Jahre alten Universum nämlich, auf Überreste erloschener Zivilisationen zu stoßen. Also auf ein Objekt wie Oumuamua, das – wenn man es rechtzeitig einfängt und untersucht – womöglich Rückschlüsse auf das Treiben der Menschheit zulässt.

Eine Wette auf die Zukunft

„Das wahre Kennzeichen von Intelligenz“, befindet Loeb, „ist die Förderung des eigenen Wohls.“ Dass diese Intelligenz nicht nur Menschen, sondern auch Außerirdischen fehlen könnte, ist eine seiner zwiespältigen Folgerungen. Den visionären Ansatz, der über viele Redundanzen und Selbstgerechtigkeiten hinweghilft, hat Avi Loeb von Blaise Pascal übernommen.

Der formulierte im 17. Jahrhundert seine berühmte Wette, der zufolge Menschen bei der Frage, ob Gott existiert oder nicht, besser so leben, als ob er in jedem Fall existieren würde. Bezogen darauf, dass Oumuamua eine außerirdische Technologie sein könnte, schlägt Loeb vor, die Zukunft der Menschheit darauf zu verwetten, dass sie es ist. Und in den Konsequenzen, die daraus folgen, ihr Überleben zu suchen.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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