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ARD-Doku über Bert Trautmann : „Traut the Kraut“

Vom Nazi zum englischen Fußballidol. Eine ARD-Doku über Bert Trautmann, die deutsche Torwartlegende von Manchester City.

ARD-Doku über Bert Trautmann : „Traut the Kraut“

Im ARD-Film „Trautmann“ um 20 Uhr 15 spielt David Kross die englische Torwartlegende mit den Nazi-deutschen Wurzeln. Die…Foto: ARD Degeto/Jürgen Olczyk

Ein blonder Arier als englisches Fußballidol? Die ARD erinnert mit einer Dokumentation an Bert Trautmann und seinen unschätzbaren Beitrag für die Versöhnung zwischen Briten und Deutschen. Die Biographin Catrine Clay bringt es auf den Punkt: „Was ihn zum perfekten Hitlerjungen machte, machte ihn auch zum perfekten englischen Goalkeeper“. Legendär wurde Trautmann, weil er als Schlussmann von Manchester City das Meisterschaftsfinale 1956 gegen Birmingham City mit einem Genickbruch, den er sich in der 75 Minute zuzog, zu Ende spielte. Hart wie Kruppstahl – aber mit englischer Fairness: An diesem Paradox arbeitet sich die Radio-Bremen-Dokumentation von Jan-Dirk Bruns und János Kereszti ab.

Bert Trautmann ist zehn Jahre alt, als die Nazis an die Macht kommen. Der Heranwachsende kann es nicht erwarten, in die Hitlerjugend einzutreten. Mit 17 meldet er sich freiwillig zur Luftwaffe. Fünf Mal wird er für seine Einsätze ausgezeichnet, unter anderem mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse.

Diese martialische Karriere als Wehrmachtssoldat scheint so gar nicht zu passen zu den friedlichen Bildern von Dave Wallace, der, seit 60 Jahren glühender Fan von Manchester City, im Pub das Spiel seines Clubs verfolgt. Auf sein Idol Bert Trautmann angesprochen, lässt der distinguierte Brite jede Zurückhaltung fallen. Der Mann kommt ins Schwärmen.

[„Trautmann – er kam als Feind und wurde ihr Held“, Montag, 22 Uhr 05, ARD]

Begonnen hatte dieser Geschichte im Norden Englands, wo Trautmann, der in einem Kriegsgefangenenlager interniert war, vom Feldspieler zum Torwart umfunktioniert wurde. Die Späher der großen Vereine merkten schnell, dass mit dem blonden Hünen ein außerordentliches Talent zwischen den Pfosten stand.

Nach Marcus H. Rosenmüllers Kinoepos, das die ARD im Vorfeld ausstrahlt – und das die außergewöhnliche Geschichte des Ballfängers auf eine Lovestory herunterbricht –, rückt die Dokumentation von Radio Bremen auch die Verwerfungen in den Fokus.

So verlief Trautmanns Start beim Traditionsclub Manchester City keineswegs reibungslos. Etwa 40 000 Menschen, darunter viele Juden, die vor den Nazis nach England geflohen waren, gingen in Manchester auf die Straße. Sie protestierten lautstark gegen die Verpflichtung von „Traut the Kraut“. Erst die besonnenen Worte des Rabbis Alexander Altmann, der in der jüdischen Gemeinde einen hohen Stellenwert genoss, ebneten dem Deutschen den Weg.

Mann mit den „magnetischen Händen“

Binnen weniger Jahre avancierte Trautmann so zum besten Keeper der englischen Liga. Der Mann mit den „magnetischen Händen“, dem unnachahmlichen Hechtsprung und dem präzisen Abwurf zählte zur absoluten Weltspitze. Dank seines Aussehens war er auch einer der frühen Poster Boys. Ihm gelang, was 1995 nur Jürgen Klinsmann schaffte: Als Deutscher wurde er zu Englands Fußballer des Jahres gewählt.

In dieser gebrochenen Biographie werden nicht nur sportliche Höchstleistungen genannt. Worum es eigentlich geht, erzählt der in der Doku zu Wort kommende Leslie Wertheimer. Der Sohn jüdischer Emigranten berichtet, wie er als Kind von seinem Idol Trautmann zu Hause besucht wurde. Diese versöhnliche Geste verdeutlicht eines: Der Wandel von einem Rassisten, der Heil Hitler rief, zu einem Botschafter für Toleranz und deutsch-britische Verständigung ist möglich.

Und so verwundert es, dass in einer Zeit, in der politische Korrektheit und Antirassismus groß geschrieben werden, dieser schillernden Figur nur ein 30-Minuten-Format gewidmet wird. Gewiss, man kann dieser akkurat gemachten Dokumentation kaum etwas vorwerfen. Außer vielleicht, dass die Animation von Standfotos, die Schauwerte erzeugen soll, nicht ganz überzeugt.

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Die bescheidene Form dieser Dokumentation mag ein indirekter Ausdruck des Stellenwertes sein, den Traummann in Deutschland genießt. Eher den Experten bekannt, ist er eine Art Held zweiter Klasse. Trautmann selbst, der im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen nicht auf den Mund gefallen ist, kann seine Rolle gut einschätzen: „Nach der WM 1954“, sagte er im Interview, „hatte Deutschland seine Helden. Da konnte ich nur eine Nebenrolle spielen.“ Dass das Fernsehen diesem Charakterkopf keine Hauptrolle in einem langen Dokumentarfilm gönnt, ist schade.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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