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Alten-Seelsorger leiden unter Körperkontaktverbot : „Die Berührung bedeutet, ich bin bei dir“

In Coronazeiten ist für Alten-Seelsorger kein Körperkontakt mehr erlaubt. Dieser Verlust schmerzt ganz besonders.

Alten-Seelsorger leiden unter Körperkontaktverbot : „Die Berührung bedeutet, ich bin bei dir“

Menschen, die ohnehin einsam sind, leiden besonders unter den Hygieneregeln.Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Irgendwann ist es einfach nur noch still. Schweigen hat dann etwas Erhabenes, intensive Nähe verbindet dann zwei Menschen, ein Gleichklang der Gedanken und Gefühle. Thomas Markgraff-Kosch hat dann eine Hand ergriffen, er hält sie sanft, aber fest genug, um Halt und Stabilität zu signalisieren.

Minutenlang kann er dann mit dem Anderen oder der Anderen dasitzen, in den Raum blicken, schweigen und doch Verbundenheit spüren. Oft sind das die Momente, die Diakon Thomas Markgraff-Kosch von der katholischen Kirchengemeinde Herz Jesu und St. Judas Thaddäus in Tempelhof am meisten schätzt. Er sitzt dann in Alten- oder Pflegeheimen, er ist der religiöse Halt für die Bewohner, die Zuflucht und Hilfe in ihrem Glauben suchen.

Der Körperkontakt ist dabei der entscheidende Punkt. „Die Berührung bedeutet: Ich bin bei dir, ich will dich begleiten, du bist nicht allein“, sagt Markgraff-Kosch. Es kann sein, dass der 65-Jährige die Hand hält oder sanft den Oberarm berührt oder langsam über den Handrücken streichelt, das alles vermittelt das Gefühl, in sicheren Händen zu sein.

Der Diakon kann keine Hand mehr halten

Doch jetzt ist Corona. Jetzt ist Körperkontakt verboten, jetzt kann der Alten-Seelsorger Markgraff-Kosch, der mehrere Einrichtungen besucht, keine Hand mehr drücken. Jetzt bekommt ein ganzes System dicke Risse. „Der Körperkontakt ist unser Werkzeug“, sagt er. „Jetzt ist es weg.“ Die Plexiglasscheibe, die jetzt zwischen ihm und den betagten Gläubigen hängt, wirkt wie ein Messer, das eine wichtige Ader trennt.

Der 65-Jährige betreut auch Senioren und Seniorinnen, die keine Angehörigen mehr haben, für sie sie ist er deshalb wichtiger Bezugspunkt. Er besucht demente Menschen, die ihn mit „Onkel“ oder „Tante“ ansprechen. Er antwortet dann sanft mit tiefer Stimme, dass er nicht der Onkel und auch nicht die Tante ist, Worte an Menschen in einer anderen Welt.

Diese Welt erreicht er nicht mit Worten, wohl aber, wenn er eine Hand ergreift oder einen Oberarm berührt. Natürlich spricht er auch viel, „aber oft gibt es eine Situation, in der eine Berührung viel, viel mehr aussagt als Worte.“

In der Pandemie kennen alle Seelsorger das Problem

Aber nicht in Coronazeiten. Es ist ein Problem, das alle Seelsorger in der Pandemie kennen. Schadensbegrenzung ist die einzige Lösung. Viele Altenheime haben einen Seelsorger in der eigenen Einrichtung. Er hält, wenn möglich, Gottesdienste unter Hygienemaßnahmen ab und betreut möglichst oft persönlich.

Auch im Seniorenheim Müggelschlößchenweg in Köpenick, betrieben von der Stadtmission, arbeitete bis Jahresende ein festangestellter Pfarrer. „Für die Bewohner gab es sonntags regelmäßig Gottesdienste für die Bewohnenden und Mitarbeitenden, auch während der Pandemie“, sagt Barbara Breuer, die Pressesprecherin der Stadtmission.

„Um Menschenansammlungen aufgrund von Corona zu vermeiden, wurden die Gottesdienste in die einzelnen Zimmer übertragen.“ Der Pfarrer ist seit Januar im Ruhestand, sein Nachfolger kommt in Kürze.

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Damit die Bewohner und die Bewohnerinnen möglichst viel von ihrem gewohnten Alltag erleben, hatte der Pfarrer fünf Mal pro Woche Andachten und Morgengrüße gehalten, die Stimme kam aus dem Lautsprecher. Außerdem versorgte er die Bewohner zwei Mal pro Woche mit Volksliedern. Die Melodien kamen ebenfalls aus den Boxen. Zur Abwechslung erzählte der Pfarrer zudem Geschichten, die nostalgische Gedanken auslösten.

Lieder können keinen persönlichen Kontakt ersetzen

Lieder und Erzählungen, okay, aber persönlichen Kontakt können sie natürlich nicht ersetzen. Deshalb konnten sich Bewohner an den Pfarrer wenden, wenn sie seinen Besuch wünschten.

Der Seelsorger führte dann Gespräche, hörte zu, sprach aufmunternde Worte, tröstete oder schwieg auch nur, wenn es die Situation erforderte. Natürlich immer unter Hygienestandards. In Quarantänebereichen bedeutet das Handschuhe, Kittel, Haube und Schuhüberzieher. Auch für die Sterbebegleitung gelten diese Regeln. Die Hygieneregeln nehmen die Heimbewohner gerne an, sie leuchten ihnen ein. Doch die Regel: kein Körperkontakt. Die schmerzt.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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