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„60 Prozent unserer Produkte sind ungesund“ : Wie eine interne Studie Nestlé in Teufels Küche bringt

Der weltgrößte Lebensmittelkonzern will gesünder und klimafreundlicher werden. Doch der Strategie- und Imagewechsel ist nicht leicht.

„60 Prozent unserer Produkte sind ungesund“ : Wie eine interne Studie Nestlé in Teufels Küche bringt

Gesund ist das nicht: Schokoriegel Kitkat.Foto: REUTERS

„Wir müssen den Kapitalismus neu definieren“, sagt Marc Boersch. „Wir müssen die soziale und ökologische Modernisierung der Unternehmen voran treiben.“

Das klingt nach einem Auszug aus dem Grünen-Parteiprogramm, doch Boersch ist kein Politiker, sondern Unternehmer. Er leitet die deutsche Tochter des weltgrößten Lebensmittelherstellers Nestlé und steht hierzulande für einen Umsatz von 3,2 Milliarden Euro.

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60 Prozent der Nestlé-Produkte sind ungesund

Doch das Geld wird noch immer zum großen Teil mit ungesunden Produkten verdient. Mit Kitkat und Smarties, Wagner-Pizza, Nesquik-Kakao oder zuckerhaltigem löslichen Kaffee. Das sieht man auch in der Firma kritisch.

Mehr als 60 Prozent der Nahrungsmittel und Getränke von Nestlé entsprächen nicht dem, was die Firma als „anerkannte Definition von Gesundheit bezeichnet“, heißt es in einer firmeneigenen Präsentation für Top-Manager, aus der die „Financial Times“ zitiert. Und schlimmer noch: Einige Kategorien oder Produkte würden niemals gesund sein, „egal wie sehr wie uns erneuern“.

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Wir müssen uns umstellen, sagt Deutschland-Chef Marc Boersch.Foto: picture alliance/dpa

Den Konzern trifft das schwer. Denn kaum ein Lebensmittelproduzent wird so kritisch beäugt wie Nestlé. Auch Boersch persönlich kann davon ein Lied singen. Vor zwei Jahren hatte sich der damals frisch gebackene Vorstandschef mit Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) getroffen, um vor laufender Kamera über gesündere Rezepturen für Fertigessen zu sprechen. Die Folge war ein Shitstorm gegen Klöckner und Boersch, denen Lobbyismus und versteckte Werbung vorgeworfen wurden.

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Dabei hatte der Manager eigentlich Lob erwartet. Denn Nestlé hat sich früh zum Nutri-Score bekannt, dem farbigen Balken auf Lebensmittelpackungen, der Verbrauchern helfen soll, das gesündere – oder bei Chips oder Riegeln – das am wenigsten schädliche Produkt im Regal auszuwählen. 30 Prozent aller Nestlé-Artikel haben bereits die neue Kennzeichnung, bis zum Jahresende sollen alle das Siegel tragen, auch wenn sie im „roten“ Bereich liegen, also schlecht abschneiden.

Nestlé will alle Produkte überarbeiten

Auf die kritische Studie angesprochen, heißt es bei Nestlé, man müsse eine Balance zwischen Gesundheit und Genuss finden. Ein Schokoriegel oder eine Pizza seien „ab und zu völlig okay“, betont ein Sprecher auf Tagesspiegel-Anfrage. Man überarbeite aber gezielt die Zusammensetzung der Produkte, indem schrittweise der Gehalt an Zucker und Salz reduziert und der Anteil an Gemüse oder Vollkorngetreide gesteigert werde.

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Neue Nahrungswelt. Auf das Geschäft mit Veggie-Burgern setzt Nestlé große Hoffnungen.Foto: dpa

Große Hoffnung setzt Nestlé zudem auf das extrem zukunftsträchtige Geschäft mit Veggie-Burgern, veganen Schnitzeln oder Chicken Nuggets aus Soja. Obwohl der Marktanteil der Fleischersatzprodukte in Deutschland derzeit generell noch übersichtlich ist, sind die Steigerungsraten enorm.

Lag der Umsatz hierzulande im Jahr 2015 noch bei 134 Millionen Euro, so soll er 2022 schon 282 Millionen Euro erreichen, erwarten Marktbeobachter. Alle Großen sind dabei: Unilever, Tönnies, Rügenwalder Mühle – und Nestlé mit seiner Marke Garden Gourmet. Von der Wurstfirma Herta hat man sich getrennt, „das passt nicht mehr“, sagt Boersch. Stattdessen gibt es jetzt veganen Thun-Visch, zumindest in der Schweiz. Derzeit tüftelt man im Labor an veganem Ei und an Milch aus gelben Erbsen. „Die kann man nämlich auch in Deutschland anbauen“, sagt Boersch.

Bis 2050 klimaneutral

Klimaschutz ist nach Gesundheit das zweite Topthema, mit dem der Konzern punkten und sein Image verbessern will. Bis 2025 will man in Deutschland 20 Prozent der zwei Millionen Tonnen Treibhausgase einsparen, die man jährlich ausstößt, bis 2030 die Hälfte, und 2050 will Nestlé die „grüne Null“ schaffen. Die Babymilch „Little Steps“ ist bereits klimaneutral, die Minipizzen Piccolino aus dem Hause Wagner sollen es bis Herbst sein, Kitkat bis zum Jahr 2025. Der Umbau läuft, „aber das geht nicht in vier Wochen“, betonte Boersch am Dienstag.

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Die neuste Idee aus dem Nestlé-Labor: Milch aus gelben Erbsen.Foto: REUTERS

Menschen wollen klimafreundlich essen, aber wie?

Bestätigt sieht sich der Konzern durch eine neue Umfrage, die am selben Tag vorgestellt wurde. Der Kampf gegen den Klimawandel ist nach Meinung der Mehrheit der Befragten die größte globale Herausforderung – noch größer als die Bekämpfung von Epidemien wie Corona. Für die repräsentative Studie „So klimafreundlich is(s)t Deutschland“ hatte das Institut für Demoskopie Allensbach im März über 2500 Bürger befragt. Das Problem: „Obwohl die Bevölkerung dem Thema große Bedeutung beimisst, sind viele doch etwas ratlos, was genau klimafreundliche Ernährung im Alltag bedeutet“, gibt Allensbach-Chefin Renate Köcher zu bedenken.

Viele seien bereit, ihre Ernährung umzustellen, wüssten aber nicht wie. Ein Klima- oder Umweltlabel würde helfen, sagt Boersch. Doch das müsste auf europäischer Ebene entwickelt werden, einen Alleingang plant Nestlé nicht. Obwohl der Manager eines betont: Im Jahr 155 seines Bestehens müsse Nestlé den „Ansprüchen der Gesellschaft gerechter werden als früher“.

Und so kann es gelingen

Wie schafft man es, zehn Milliarden Menschen zu ernähren, die 2050 die Erde bevölkern werden, ohne den Planeten zu zerstören? 37 Forscher der Eat-Lancet-Kommission haben dazu eine „Planetary Health Diet“ entwickelt. 13 Gramm Ei, 28 Gramm Fisch und 14 Gramm Fleisch darf man pro Tag essen. Aber es geht auch leichter.

Essen Sie regional und saisonal. Kaufen Sie nur so viel, wie Sie verbrauchen.

Greifen Sie eher zu Bio-Waren. Öko-Landwirte verzichten auf chemisch-synthetische Pestizide und mineralischen Dünger. Ökologisch bewirtschaftete Böden speichern mehr Kohlenstoff als konventionell bearbeitete.

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Und: Weniger Fleisch, Käse oder Butter wären gut. Die Produktion von einem Kilo Rindfleisch verursacht zwischen elf und 30 Kilo Treibhausgasemissionen, Obst und Gemüse liegen bei unter einem Kilo Emissionen, hat das Umweltbundesamt ausgerechnet.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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