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50 Jahre „Tor des Monats“ : Schöner schießen

Kaum ein Stürmer schaut noch verdutzt, statt Länderspieltickets gibt es einen Caravan. Warum das „Tor des Monats“ unverwüstlich ist.

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Feierstimmung und viel Nostalgie vergangene Woche am Samstag in der „Sportschau“.Es geht um ein Markenzeichen des deutschen Fernsehens: 50 Jahre „Tor des Monats“. Moderator Alex Bommes kann sich beim Gang ins ARD-Archiv das Lachen kaum verkneifen.

Zu sehen sind Aufnahmen mit dem unvergessenen Hans-Joachim Rauschenbach, im Gespräch mit Manni Burgsmüller, der von den Zuschauern zum Torschützen des Monats gewählt wurde. Der WDR-Mann gratuliert, fragt den Fußballer, „wo er den heutigen Abend verbringt“. Burgsmüller guckt verdutzt.

Er hat noch Glück mit dem Gespräch. „Gute Fußballer sind wie gute Teppiche, manchmal muss man auf ihn drauftreten“, auch so ein Rauschenbach-Satz. Der Mann war Metaphernkönig unter den Klaus Schwarzes, Ernst Hubertys oder Gerhard Dellings – all den „Sportschau“-Anchormen, die die Tor-Plakette im halben Jahrhundert überreicht haben. Jetzt, zum Jubiläum der Zuschauerwahl, das Wiedersehen mit Rauschenbach. Und ein Staunen über Schrullen und Chuzpe – im Gegensatz zu den oft weichgespülten TV-Sportreporten dieser Tage, wenn in der „Sportschau“ zwischen zwei Bundesligaspielen ein Caravan verlost und, wie nebenbei, der Torschütze des Monats benannt wird.

Vor Jahren war diese Zeremonie noch der Höhepunkt im Programm. Mit Millionen von Zuschauern, die hofften, dass ihre Karte mit der richtigen Schützen-Nummer auch in einer jener Dutzenden von Postsäcken im WDR-Studio ist, aus denen die Gewinner gezogen werden.

50 Jahre „Tor des Monats“ : Schöner schießen

1980 lässt Moderator Hajo Rauschenbach Manni Burgsmüller auflaufen.Screenshot:Tsp

Wer hat das schönste Tor erzielt? War ihr Favorit Gerd Müller? Lukas Podolski? Bernd Schuster? Burgsmüller? Sehnsüchtigst vorm Bildschirm erwartet wurden zwei der sechs Tickets für ein Länderspiel oder Pokalfinale. Das reichte für Papa und Sohn.

Johannes Krause kann sich noch gut an diese Zeiten erinnern. Der Sportredakteur hat beim WDR in den späten 1980er und 90er Jahren das „Tor des Monats“ betreut und ist seit 40 Jahren mit Klaus Schwarze befreundet, dem Moderator, dem die Erfindung des „Tor des Monats“ 1971 zugeschrieben wird.

Das früher vielleicht doch einiges besser war, belegen zumindest die Zahlen, die Krause präsentiert. Beim ersten „Tor des Jahres“ 1971 haben rund 600 000 Zuschauer ihre Karte an die „Sportschau“ geschickt. Heute sind es pro Monat 200- bis 300 000, die elektronisch abstimmen. Man denkt, dass müssten mehr sein.

Der Spitzenwert wurde beim „Tor des Jahres“ 1977 mit 2,7 Millionen Zuschriften erreicht. Das Tor kennt jedes Kind: der Fallrückzieher aller Fallrückzieher. Klaus Fischer für Sekunden schwerelos in der Luft, beim 4:1-Sieg gegen die Schweiz. Bei dem Treffer war es nicht schwer, aber Fußballfans fragen sich manchmal: Wer wählt das aus? Wer bestimmt, ob jener Amateurfußballer oder diese Fußballerin unter die monatlich fünf zur Auswahl gestellten KandidatInnen kommt?

„Spielen Sie ein bisschen Doppelpass mit Ihrer Frau?”

Zudem die Tore von Dekade zu Dekade schöner, athletischer, kurioser zu werden scheinen. „Früher war die ganze Redaktion daran beteiligt“, sagt Krause. Heute ist es ein Kreis von rund zehn Redakteuren der „Sportschau“, der die Auswahl trifft. Streit gebe es dabei nicht, wohl aber unterschiedliche Meinungen und lebhafte Diskussionen.

Ohne Klaus Schwarze hätte es das alles nicht gegeben. Der WDR-Reporter flog Anfang der 1970er Jahre häufig nach London. Fußballspiele von der Insel wurden schon damals sonntags in der „Sportschau“ gezeigt. In der BBC lief samstags die populäre Sportsendung „Grandstand“.

Die entließ den Zuschauer stets mit der besonderen Szene des Tages. Das sei eine gute Idee, fand der ARD-Mann. Abkupfern aber nicht. Daher habe Schwarze sich im Flieger ein anderes Konzept überlegt, mit Zuschauerwahl und Einsendungen. „Seine“ Erfindung wurde am 4. April 1971 zum ersten Mal ausgestrahlt.

Die alten (Post)-Säcke sind lange weg, seit 1996. Auch sonst hat sich seit dem Start einiges geändert. Pro Jahrzehnt ein neuer Look, eine neue Fanfare. Die Wertschätzung für den Wettbewerb ist geblieben. „Wir haben festgestellt, dass das ,Tor des Monats’ für die Beteiligten eine sehr hohe Relevanz hat, egal wie berühmt sie sind“, sagt „Sportschau“-Chef Steffen Simon.

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Es sei immer noch eine schöne Auszeichnung, so Karl-Heinz Rummenigge, der sechsmal das „Tor des Monats“ erzielte, darunter ein besonders gemeines im Juni 1981. Rummenigge umkurvt den Torwart und hat die Muße, den Ball zu jonglieren und kurz vor der Torlinie per Kopf einzunicken.

Spitzenreiter ist Lukas Podolski mit zwölf Medaillen. 557 Tore wurden bis heute ausgezeichnet. Vom ersten Sieger Gerhard Faltermeier, der für Jahn Regensburg in der Regionalliga Süd kickte, über die erste Frau Bärbel Wohlleben 1974, dem ältesten Torschützen des Monats 2001, Kurt Meyer, mit 79 Jahren, Mario Götzes’ entscheidendem 1:0 gegen Argentinien im WM-Finale 2014 bis hin zu Erling Haaland, Borussia Dortmund, Sieger im Februar 2021. („Sportschau“, Sonntag, ARD, 18 Uhr 30, „50 Jahre Tor des Monats“, ein Film von Claus Lufen und Marc Schlömer)

50 Jahre „Tor des Monats“ : Schöner schießen

Völlig schwerelos. Ernst Huberty (oben) und Mitarbeiter sichten im April 1971 rund 250 000 Zuschriften zum „Tor des Monats“.Foto: dpa

Und eben nicht zu vergessen: jene denkwürdige „Sportschau“-Sendung aus 1980, in der dem wegen einer Reifenpanne aus Dortmund zugeschalteten Manni Burgsmüller zum 111. „Tor des Monats“ gratuliert wurde. Eine Schnapszahl, wie Hajo Rauschenbach anmerkte und den Sieger fragte: „Was halten Sie von Schnaps?“

Eine ausführliche Antwort bekam der genervte Moderator wegen Tonproblemen nicht. „Was machen Sie heute Abend?“, will er dann wissen. „Hmm, Fernsehen“, sagte Burgsmüller. Rauschenbach: „Spielen Sie ein bisschen Doppelpass mit Ihrer Frau, dabei kann man wichtige Pluspunkte gewinnen.“ Allein wegen dieses Dialogs musste das „Tor des Monats“ erfunden werden.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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