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50 Jahre „Polizeiruf 110“ : Wie war das möglich?

Honeckers Antwort auf den „Tatort“ schilderte Verbrechen in der DDR, kam ins wiedervereinigte Deutsch-TV und hält am gesellschaftlichen Ansatz fest.

50 Jahre „Polizeiruf 110“ : Wie war das möglich?

Fahnder-TV. Der erste „Polizeiruf“ wurde am 27. Juni 1971 ausgestrahlt mit Sigrid Göhler als Leutnant Vera Arndt und Peter…Foto: DRA/Bernd Nickel

Es war wohl so: Erich Honecker sah die erste „Tatort“-Folge am 29. November 1970, heimlich im Westfernsehen. Das war „Taxi nach Leipzig“ mit Kommissar Trimmer: An der Transitautobahn nahe Leipzig wurde die Leiche eines Jungen gefunden, und West-Kommissar Trimmel löst den Ost-Fall, gewissermaßen illegal, auf Fremdterritorium.

„Taxi nach Leipzig“ hat dem künftigen Staatsoberhaupt der DDR nicht gefallen. Vielleicht, weil der West-Kommissar vertraulich mit einem MfS-Mitarbeiter telefonierte, den er noch aus dem Reichskriminalhauptamt kannte. Ein MfS-Mann aus dem Reichskriminalhauptamt! Vor allem aber wohl wegen der Vermittlung des Eindrucks allgemeiner, habitueller Unfähigkeit der Ermittlungsorgane Ost.

Den Grad von Erich Honeckers Ärger mag man am Zeitraum ermessen, der bis zur DDR-Antwort auf den ersten „Tatort“ verging: Bereits am 27. Juni 1971 zeigte das DDR-Fernsehen den ersten „Polizeiruf“, nur ein gutes halbes Jahr später.

Die Reihe, die bald zu einer der erfolgreichsten im Osten werden würde und die die Wende wie fast alle anderen um ein Haar auf immer verschluckt hätte, besaß ein Problem: Durfte man wirklich eine ganze Fernsehserie einem Phänomen widmen, das es im Sozialismus gar nicht mehr geben sollte: der Kriminalität? Die Kriminalität ist dem Sozialismus wesensfremd! Lacht da jemand?

Aus gegebenem zeitlichen Abstand kann es nicht falsch sein, diese ebenso nah- wie fernliegende Utopie einmal wieder zu würdigen, zumal sie auch die Besonderheiten des „Polizeirufs“ bis heute erklärt. In der Bundesrepublik galt die Kriminalität als menschliche Natur-Tatsache, was auch nicht gut gedacht ist, nämlich gar nicht. Fernsehredakteure können sich eine Welt ohne Kriminalität ohnehin nicht vorstellen: Was würden wir zeigen ohne unser täglich Brot, Mord und Totschlag, Sexualverbrechen, Banküberfälle, spektakuläre Verfolgungsjagden?

Banküberfälle? Spektakuläre Verfolgungsjagden? Mord und Totschlag? – In der DDR? Eigentlich hätten die „Polizeiruf“-Macher verzweifeln müssen: In einem Kleinstland, in dem alle wenig haben, aber doch jeder etwas, und zwar in nicht konvertierbarer Binnenwährung, steht doch kein Bankräuber morgens auf. Und selbst wenn: Woher eine Waffe nehmen, wohin fliehen im Trabant bei geschlossenen Grenzen? Der Polizeihubschrauber im Vorspann war eigentlich schon der Höhepunkt an Action im „Polizeiruf“, abgesehen von ein paar beklemmend langsamen Trabant- oder Wartburgrennen. Auch für Mord und Totschlag fiel das Hauptmotiv aus: Bereicherung am Nächsten.

Doch genauso begann der erste „Polizeiruf“ am 27. Juni 1971. Eine Postangestellte, niedergeschlagen im Nachtdienst. Im Tresor fehlten 70 000 Mark. Es ermittelten die Kriminalisten Peter Fuchs (Peter Borgelt) und Vera Arndt (Sigrid Göhler). Dass im „Polizeiruf“-Team von Anfang an eine Frau dabei war, fiel genauso wenig auf wie ihre Abwesenheit im „Tatort“-Team, jeweils aus dem gleichen Grund: Es war normal. Aber 70  000 fehlende Ost-Mark blieben eher die Ausnahme, veruntreute Gewerkschaftsgelder kamen als corpus delicti eher in Frage. Und kaum Tote. Leicht war das nicht. Was die Kommissare nach Feierabend machten, interessierte auch keinen. Wahrscheinlich galten solche Erkundigungen als unseriös. Alle Aufmerksamkeit den Fällen! Den Nicht-Fällen also?

Was dem „Polizeiruf“ an Motorenlärm und Blutlachen fehlte, wog er meist durch die Präzision auf, mit der er die Geschichten von Opfern und Tätern erzählte. Meist waren sie beides zugleich, und der vermeintliche Kriminalfall bekam die Wucht einer griechischen Tragödie. Denn streift ein sich verfehlendes Leben nicht genau an diese Dimension? Die „Tatort“-Frage lautete: Wer war’s? Die „Polizeiruf“-Frage lautete: Wie war das möglich?

Unvergesslich, Ulrich Theins Porträt eines Trinkers in „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ (1981) und das Ulrich Mühes in „Flüssige Waffe“ (1988). Oder Rolf Römers „Schuldig“ von 1978, die beklemmende, authentische Geschichte menschlicher Verwahrlosung, endend im Suizid. Es war der erste Selbstmord im DDR-Fernsehen und eben darum der letzte Film des Regisseurs Rolf Römer. Dennoch: Der „Polizeiruf“ wurde zum Obdach des realistischen Fernsehfilms in der DDR. Denn das Argument „So sind unsere Menschen nicht!“ zählte hier nicht. Die Antwort lautete: Natürlich nicht. Ist ja auch ein Kriminalfilm. Ausnahme also.

Und dann kam die Wendezeit. Regisseur Bernd Böhlich schien es fast, als würde er in Echtzeit drehen. Die Polizei und die Straße, was für ein Thema! Keine Genehmigungen mehr, keine Abnahmen. Das große, wilde Jahr des DFF begann, und dann wie überall: Abwicklung. 1991 lief der letzte „Polizeiruf“. Doch zwei Jahre später konstituierte sich ein bemerkenswertes Erweckungskommando. Warum soll nur „Das Sandmännchen“ bleiben?, fragte man sich in den neuen Sendern der neuen Länder. Der gesellschaftliche Umbruch würde Begleitung brauchen, und eigentlich mehr eine im „Polizeiruf“-Format als in dem des „Tatorts“. Aber würde auch der Westen „Polizeiruf“ schauen? Für den Sonntagabend, Hauptsendezeit, war das nicht unerheblich.

Er schaute. Die Hallenser Kommissare Schmücke (Jaecki Schwarz) und Schneider (Wolfgang Winkler) wurden im Westen sogar erfolgreicher als im Osten. Sie waren so spektakulär unspektakulär – „onkelhaft“, sagen die Kritiker – und ihre Fälle oft so alltäglich-unalltäglich. Der Erfolg des ORB-„Polizeirufs“ verdankt sich so bemerkenswerten Kriminalisten wie den beiden Streckenwärtern Otto Sander und Ben Becker (Grimme-Preis 1994 für „Totes Gleis“), den Kommissarinnen Katrin Sass und Sophie Rois, aber vor allem wohl dem Dorfpolizisten PHM Horst Krause (Horst Krause). Sogar der Westen begann nun, „Polizeirufe“ zu drehen, vor allem der Süden, Bayern und Österreich. Und mit Edgar Selge debütierte im Münchner „Polizeiruf“ der erste umwerfend einarmige Kommissar der deutschen Kriminalgeschichte.

Ja, der „Polizeiruf 110“ wurde zum gesamtdeutschen Erfolg. Die Folge „Monstermutter“ vom 31. Januar dieses Jahres erreichte mit 9,7 Millionen Zuschauern die höchste Einschaltquote der „Polizeiruf“-Geschichte. Auch der Generationenwechsel gelang, als in Rostock 2010 Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau antraten. Hübner nahm dem Rostocker „Polizeiruf“ von Anfang an die Hälfte der Beweislast: Als käme er direkt vom Fischkutter in die Polizeidienstelle. Mit dem gesellschaftlichen Klima sind auch die Fälle rauer geworden, Mord und Totschlag längst die Regel, so wie auch im neuen Hallenser „Polizeiruf“: Ein Mann wird erstochen, mit drei harten, gezielten Attacken, direkt vor seiner Haustür. Sowas hätte es früher nicht gegeben? Und keine Zeugen. Nachdem Schmücke und Schneider 2013 in Pension gingen, übernimmt das neue Duo Henry Koitzsch und Michael Lehmann – Peter Kurth und Peter Schneider.

„An der Saale hellem Strande“ ist gewissermaßen der 50-Jahre-Jubiläums-„Polizeiruf“. Kurth muss wie immer fast nichts machen, fast nichts sagen, damit man ihm fast alles glaubt. Und wer bereits im Berlin der 1920er Jahre Oberkommissar bei der „Sitte“ war („Berlin Babylon“!), schafft es auch in Halle 2021, so viel ist sicher. Peter Schneider ist sein bedeutend dünnnervigerer Kollege. Diese Spannung könnte weit tragen.

Drei tödliche Messerstiche vor der eigenen Haustür? Das Drehbuch schrieben Clemens Meyer und Thomas Stuber, Stuber führte Regie wie schon in „Herbert“ und dem großartigen Kino-Nachtstück „In den Gängen”. Die beiden Filme schaffen Atmosphären, keine gewöhnlichen Storys – und Einblick in verborgene gesellschaftliche Wirklichkeiten. Da ist der alte DDR-Reichsbahner (Hermann Beyer), dem seine Frau manchmal spät am Abend die Butterbrote einpackt, und dann geht er zur Nachtschicht wie früher, als er noch ein Leben hatte, ein Eisenbahner-Leben.

„An der Saale hellem Strande“ steht deutlich in der „Polizeiruf“-Tradition, und das zu verschweigende Ende kommt schon fast einer Provokation für Kriminalsehnerven gleich. Aber nicht schlecht! Heimliche Fäden verlaufen auch zu einem der eindringlichsten DDR-„Polizeirufe“, der zugleich ein authentischer Fall war: Ein missbrauchter siebenjähriger Junge wurde tot in einem Koffer gefunden, neben ihm alte Zeitungen mit gelösten Kreuzworträtseln. Die Rätsel-Schrift war die einzige Spur. Am Ende musste ganz Berlin-Marzahn Druckbuchstaben schreiben, unlängst Weggezogene inklusive. Der Mörder wurde gefasst.

„Polizeiruf 110: An der Saale hellem Strande“, Sonntag, 20 Uhr 15; „Polizeiruf 110: Die Krimidokumentation“, um 23 Uhr 35, beides ARD

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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