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!50 Jahre Marcel Proust : Eine Kapelle ausschmücken

Der wahre Marcel Proust? Die Erinnerungen von Prousts Haushälterin Céleste Albaret sind in einer Neuausgabe erschienen.

!50 Jahre Marcel Proust : Eine Kapelle ausschmücken

Marcel Proust (1871-1922)Foto: picture alliance/dpa

In den Proust-Biografien, zum Beispiel der von Jean-Yves Tadie oder Ronald Hayman, aber auch schon in der von George D. Painter, die Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre erschien, stößt man geradezu naturgemäß auf sie, die Frau, die neben seiner Mutter die engste Beziehung zu Marcel Proust hatte: Céleste Albaret.

Geboren 1891 im südfranzösischen Auxillac, kam Albaret 1913 nach Paris und arbeitete dort bis zu seinem Tod 1922 als Prousts Haushälterin.

Obwohl sie sich vorgenommen hatte, über ihre langen Jahre Tür an Tür mit dem großen französischen Schriftsteller zu schweigen, und sie das auch ein halbes Jahrhundert durchhielt, ließ Albaret sich Anfang der siebziger Jahre doch überreden, dem Journalisten Georges Belmont alles über Prousts Privatleben zu erzählen.

Siebzig Stunden dieser fast ein halbes Jahr währenden Gespräche wurden auf Tonband aufgezeichnet, und so erschien 1973 das von Belmont daraus kompilierte und geschriebene Buch „Monsieur Proust“, das ein Jahr später auch in einer deutschen Übersetzung zunächst bei Kindler und später ein weiteres Mal beim Insel Verlag erschien.

Hat Belmont wirklich nur aufgezeichnet?

Nun veröffentlicht der Schweizer Kampa Verlag anlässlich von Marcel Prousts 150. Geburtstag diese Erinnerungen in einer Neuausgabe (Aus dem Französischen von Margaret Carroux, 540 S., 34 €. ) mit einem Vorwort des amerikanischen Schriftstellers André Aciman und dem damaligen Nachwort von Belmont.

Dieser betonte: „Meine ganze Arbeit bestand darin, bei der Niederschrift des Gesprochenen diese Stimme zu respektieren und das, was sie gesagt hatte, thematisch zu ordnen und in Kapitel einzuteilen.“

Ob dem wirklich so war, diese Erinnerungen eine authentisch niedergeschriebene Oral History sind? Aciman stellt kurz in Frage, ob die Gedanken von Albaret ihre letzte Schärfe nicht womöglich doch von Belmont bekommen haben.

Bisweilen wundert man sich bei der Lektüre tatsächlich, was für eine Analysekraft Albaret hat, nicht zuletzt weil ihre Erinnerungen so lange zurückliegen.

Schlicht und einfach schildert sie zunächst den letzten Cabourg-Aufenthalt Prousts im ersten Kriegsjahr 1914: „So ging das Leben ungefähr wie in Paris vor sich. Vormittags herrschte die große Stille, er ruhte. Wenn er mich brauchte, klopfte er an die Wand.“ Um dann auf sein Werk zu verweisen, das sie nicht vollständig kannte: „ So hatte er das schon bei früheren Aufenthalten in Cabourg mit seiner Großmutter gemacht, wie er in ,Sodom und Gomorrha’ erzählt.“

Albaret verstarb 1984 im Alter von 93 Jahren

Oder, als es um Prousts Lieblingsfigur geht, den Baron de Charlus: „Letztlich entsprach jede seiner Romanfiguren dem, was er von seinem ganzen Werk sagte: einer Säule oder kleinen Kapelle, die auszuschmücken er nicht fertig wurde. (…) Und es besteht kein Zweifel, dass er – selbst wenn er auch bei anderen Modellen etwas entlehnt hat – den Baron vor allem mit Zügen des Grafen Robert de Montesquiou ausgestattet hat.“

Es mag ein symbiotisches Verhältnis gewesen sein, das Proust und Albaret irgendwann hatten. „Ein einzigartiges, beiderseitiges Herzensverständnis“, wie es der Proust-Biograf Tadié formuliert hat, um dann die Haushälterin gar mit Goethes Eckermann zu vergleichen.

Doch liest sich mancher Satz über Prousts Werk, als stamme er von Belmont, als sei er von ihm bearbeitet. Man muss diesen Filter, durch den Albarets Erinnerungen gehen, hie und da vermutlich mitlesen. (Und umgekehrt wird die 1984 verstorbene Albaret selbst zu einer womöglich nicht ganz fiktionsfreien Figur, bis hin zu einem Albaret-Proust-Film, den der deutsche Regisseur Percy Adlon 1980 gedreht hat, „Céleste“)

Trotzdem hört man aus diesen Erinnerungen eine unverwechselbare Stimme heraus, sind sie ein einzigartiges, auch literarisches Dokument.

Ob es der „wahre“ Proust ist, den Albaret zum Leben erweckt, wie Belmont suggeriert, oder ein Amalgam aus seinem Proust, dem von Albaret und nicht zuletzt dem Erzähler-Ich aus der „Recherche“, wird nie befriedigend zu klären sein. An der Person von Céleste Albaret jedoch kommt niemand vorbei, der sich mit dem Leben Prousts beschäftigt.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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